Früher gab es (scheinbar) den einen festen Plan, um als Musiker*in erfolgreich zu sein: Man schrieb Songs, nahm sie auf, kam irgendwie an ein Label. Heutzutage ändert sich der Masterplan zum Erfolg häufiger als man am jetzigen Masterplan prokrastinieren kann. Wenn man dann endlich was vom neuesten Trend mitbekommen hat, wird einem meist schon das Gefühl gegeben, das man sowieso bereits zu spät dran ist. Dass dieses Gefühl aber oft trügt, beweist die britische Sängerin dodie. Sie hatte 2011 ihre ersten YouTube Videos hochgeladen – drei Jahre nach dem Justin Bieber auf der Plattform entdeckt wurde – heute wirkt sie dennoch wie ein alter Hase und sagt über ihre Anfangszeit:

„Ich finde es lustig, wenn Menschen mir sagen, wie früh ich mit YouTube angefangen habe, weil ich mich daran erinnere, wie ich damals dachte, dass ich bereits viel zu spät dran bin. Doch als YouTube anfing, hatte ich erstmal selbst die ganzen amerikanischen YouTuber für eine Weile geschaut, bis ich dann dachte, dass ich es selbst ausprobieren möchte. Aber ich nehme an, dass der Anfang von etwas sich niemals „früh“ anfühlt.“

Authentizität als Fluch?

Nach mehreren EPs erscheint diesen Freitag nun dodies erstes Album. Ihr Weg startete auf YouTube mit einzelnen Cover Versionen, bis sie irgendwann neben Musik auch Vlogs aus ihrem Leben postete. Wer sie damals schaute, hatte das Gefühl alles über ihr Leben zu kennen. Doch wie ist das für sie als Künstlerin zu wissen, dass manche Menschen dieses Gefühl haben und dann solch ein intimes Album zu schreiben:

„Seit mein Leben mehr und mehr komplex wurde, wird es immer interessanter für mich darüber zu schreiben. Zeitgleich wird aber auch die Frage wichtiger, was ich von meinem Leben überhaupt in der Öffentlichkeit haben möchte. Zum Beispiel war es sehr schwierig für mich den Song „guiltless“ zu veröffentlichen, aber ich kann mir nun mal nicht aussuchen, worüber ich schreibe. Ich schreibe einfach, um Dinge zu verarbeiten. Ich kann mir nicht vorstellen über die Ereignisse, die das Album thematisiert, zu vloggen – die Vlogs wären so messy gewesen! Wenn ich darüber schreibe, gibt es mir diesen Schutz der Kunst, diese Vagheit. Ich bin dem sehr dankbar, weil ich dadurch immer noch das Gefühl habe ehrlich zu sein, aber zeitgleich diese Grenzen um mich herum habe.“

Das Tor zur Industrie

Für dodie hat YouTube die Türen zur Musikindustrie geöffnet, wie sieht sie diesen Zugang heute?:

„Ich glaube, dass es für mich nie eine Welt gab, in der ich auf traditionelle Weise in die Musikindustrie gelangt wäre. Ich war konventionell einfach keine gute Musikerin. Ich glaube für mich war die einzige Möglichkeit, dass meine Musik gesehen wird durch diesen Mix aus Musik, Vlogs und YouTube. Ich hatte viel Glück, dass dieser Weg so gut funktionierte. Ich hatte nichts von dem angefangen um eine Karriere zu haben, ich wollte einfach nur mich selbst und meine Musik veröffentlichen. Diese Basis fühle ich bis heute und das ist natürlich auch praktisch aus Vermarktungsgründen.“

Verdammt zur ewigen YouTuberin?

Im Feuilleton werden Bücher und Werke von YouTuber*innen oft nicht besprochen. Die Künstler*innen werden mal mehr oder mal weniger gerechtfertigt als Influencer*innen abgetan. Wie ging dodie mit diesen Vorurteilen und dem immerwährenden Konflikt der Welten um?:

“Inzwischen ist es für mich einfacher. Als ich noch jünger war, hatte ich versucht zu kontrollieren wie andere Menschen mich wahrnahmen und wie sie mich online beschrieben. Dadurch war es sehr frustrierend für mich, wenn z.B. ein Label auf mich zu kam und ich sie davon überzeugen wollte, dass ich so und nicht anders bin.“

Zehn Jahre nachdem dodie mit YouTube angefangen hatte, scheint der Zugang zum Erfolg über die Plattform fast verriegelt. Dennoch denkt dodie, dass YouTube auch heute noch eine gute Plattform ist, um ein Portfolio aufzubauen – und wie man sonst noch so in dieser immer schneller werdenden Welt als Künstler*in überlebt, erfahrt ihr diesen Monat auf motor.de, denn wir fragen uns: Von NFT über Clubhouse zu TikTok – Wie sieht die schöne neue Welt der Kunst den nun wirklich aus?