“Wir haben uns einfach Zeit gelassen” – man könnte es auch die Spannung ins Unerträgliche steigern nennen. Denn was kann man Fans Schlimmeres antun, als den Erscheinungstermin des lang erwarteten zweiten Albums mal eben so um fünf Monate zu verschieben?

Ganz so herzlos aren Anajo dann doch nicht, vielmehr wollten sie ihren eigenen Qualitätsstandards genügen. Das wäre ihnen angesichts ihrer mit Tourterminen vollgestopften Kalender nicht gelungen. “Wir dachten erst, dazu sind wir kreativ genug, das schaffen wir. Aber dann sind wir in so einen Strudel geraten, wir standen nur noch unter Druck”, erklärt Michael Schmidt, der in der Band an Bass und Tasten wiederzufinden ist. So wurde lieber die Fangemeinde im Herbst 2006 entspannt gen Russland und Ukraine erweitert und das Album mit mehr Muse fertig gestellt. Dabei musste allerdings auch einiges an Hürden aus dem Weg geräumt werden. Lief die Ostblock-Tour im Auftrag von Goethe-Institut und Robert Bosch-Siftung noch reibungslos ab, waren die Konzerte auf heimatlichen Boden von einer Absage bedroht. Drummer Ingolf Nössner verletzte sich am wohl wichtigsten Musiker-Körperteil: er erlitt einen Hörsturz. Doch um ihr Publikum nicht zu enttäuschen, engagierten Anajo einen Ersatzschlagzeuger. “Natürlich habeich zwischendurch mal gedacht, und was ist, wenn der jetzt besser ist als ich?! Aber so konnte ich mir mal ein Konzert meiner eigenen Band aus dem Publikum angucken”,erzählt der inzwischen wieder vollständig Genesene.

Wie so oft hat sich das Warten auch bei ‘Wer Kennt Hier Eigentlich Wen?’ gelohnt. Mit dem Wiedererkennungswert ihrer Musik, den sie vor allen der Stimme ihres Sängers Oliver Gottwald und ihrer Verspieltheit verdanken, erarbeiten sich die drei Augsburger einen Ruf in der Indie-Szene. Besonders der heimliche Hit ‘Monika Tanzband’ vom Debüt ‘Nah Bei Mir’ ist in Erinnerung geblieben. “Man hört, dass unsere zweite Platte ein Anajo-Album ist, aber wir haben den Weg in Richtung Band weiter fortgesetzt. Wir klingen jetzt mehr so, wie man uns von Konzerten kennt”, freut sich der Frontmann. Und die Fans können sich gleich mitfreuen. Denn einmal aufgelegt wird man von schön-quirligem Gitarren-Pop umhüllt, der beinahe zu einem Lächeln zwingt. Bescheidenheit ist also fehl am Platz, und so gönnt sich die Band eine ganz besondere Release-Party. Am 9. Februar erscheint nicht nur der neue Langspieler – die Band absolviert gleichzeitig auch den größten Auftritt ihrer Karriere. Bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest werden sie, unterstützt von Suzie Kerstgens von Klee, mit ‘Wenn Du Nur Wüsstest’ gegen Mia., Jan Delay und 13 andere Bands antreten. Nicht gerade eine intime Indie-Veranstaltung, das Ganze.

Wenn Du Nur Wüsstest-Video

Natürlich haben wir diskutiert, ob wir da mitmachen. Aber wir wären ja doof, wenn wir das nicht tun würden. Das ist eine Chance und wir müssen uns nicht verbiegen dafür. Wir können machen, was wir wollen. Sonst hätten wir uns das noch mal überlegt“, beruhigt der Teilzeitstudent. Scheint glaubwürdig zu sein. “Außerdem spricht darüber zwei Wochen später keiner mehr.” Und diesen Worten nicht ganz vertraut, der kann ja ein Konzert besuchen und sich den Zweitling anhören. Dabei stellt man ganz schnell fest, dass die Indie-Polizei ganz zu Unrecht “Kommerz” schreit. Die Band trifft alle Entscheidungen immer noch selbst. Vom Songwriting über das Album-Cover bis hin zum Video. Deswegen hat ja schließlich auch so lange gedauert, bis das neue erfrischende Anajo-Album in die Läden gelangt ist. Und mit diesem Erscheinen wächst die Hoffnung, dass die Bandmitglieder bald hauptberufliche Musiker sein können. “Für die letzten 20% des Geldes müssen wir immer noch arbeiten gehen. Wenn wir Konzerte spielen, dann kommt immer ein bisschen Geld rein. Davon können wir wieder einige Monate in aller Bescheidenheit leben, Miete zahlen und ab und zu mal einen saufen gehen”, gibt die Band zu. Aber schön wär’s schon, wenn es auch anders ginge: “An meinem Callcenterjob hänge ich nicht wirklich”, lacht Oliver. Und wenn der Sänger nicht mehr wegen Sinnlosigkeiten durch die Gegend telefonieren muss, dauert das Warten auf das nächste Album vielleicht auch nicht noch mal drei Jahre.

Text: Caroline Keller

BlogBeitrag zum Bundesvison Song Contest