Wer bei dem Namen Ida Maria an “Michel aus Lönneberga” und ähnliche Gestalten der cooleren Kinderliteratur denkt, liegt nicht nur geographisch einigermaßen richtig. Denn zusätzlich zu der Tatsache, dass auch Ida Maria aus Schweden stammt, teilt sie mit den beliebten Figuren Astrid Lindgrens noch einer weitere Eigenschaft: Ihr sollte man lieber nicht blöd kommen!

Andererseits kann natürlich genau das – entsprechend dem Gesetz von Aktion/Reaktion – genau der Katalysator sein, den wahre Freigeister benötigen. Denn so wie Pippi Langstrumpf erst durch ihre unbewusste Rebellion gegen die Vorurteile und Borniertheit ihrer Umgebung zu der Ikone wurde, die sie ist, so war es auch die Ignoranz eines bestimmten Mannes, die der Legende nach Ida Marias Ambitionen entscheidend beeinflusste: “Ich traf diesen Produzenten in Norwegen und er sagte zu mir: ‘Ida, du bist zwar so eine Art auf Kunst machende Punk-Sängerin, aber Pop-Songs kannst du nun wirklich nicht schreiben, oder?’ Und das machte mich wahnsinnig. Ich dachte nur: ‘Du Arschloch, natürlich kann ich Pop-Musik schreiben!'”

Introducing Ida Maria – EPK@youtube

 
Und wie sie das kann – was an sich ja noch nichts besonderes wäre; schließlich ist Skandinavien und besonders Schweden seit jeher als Füllhorn nahezu perfekter Pop-Bands und -Interpreten bekannt. Das fängt bei ABBA an, schließt je nach Geschmack Roxette und Ace Of Base mit ein, und hört bei Mando Diao, Sugarplum Fairy, den Cardigans und den Hives noch lange nicht auf.
Dennoch sticht die 23-Jährige aus dem ganzen Haufen deutlich heraus: Weder ist ihre Musik sanft und zerbrechlich, wie die von z.B. Stina Nordenstam oder schlicht schön anzuhören wie die von Maria Solheim; noch ist es gediegener Pop wie man ihn von den Cardigans kennt, schon gar nicht ist sie platt wie der Sound von Roxette – und zu guter Letzt ist sie eben mal kein pickeliger Kerl mit Beatles-Frisur und Oasis-Attitüde (hier seien der Höflichkeit halber mal keine Namen genannt, die aber – oh je – schon vorher im Text auftauchen.)

Statt dessen geht sie zunächst einmal überraschend pragmatisch an ihre Aufgabe heran: “Live zu spielen ist eigentlich harte, körperliche Arbeit, wie die eines Fischers oder Zimmermanns.” Nicht jeder ist für diese “harte Aufgabe” geboren, aber: “Auf der Bühne zu sein, fühlt sich für mich so natürlich wie nichts anderes auf der Welt an. Es ist etwas Körperliches. Jedes Mal, wenn ich live spiele, will ich mich selbst herausfordern. Ich gehe in einen Trance-Zustand. Ich will die Musik mit meinem ganzen Körper erleben.”

Vielleicht auch, weil es in dem kleinen Dorf Nesna, aus dem Ida Maria stammt, und das “1776 Einwohner, eine Tankstelle, einen Pub, eine stillgelegte Schuhfabrik und viele Berge” vorzuweisen hat, nicht eben viel anderes zu erleben gibt. Allein schon durch die Lage bedingt, denn wie man inzwischen auch hierzulande weiß, herrscht in gewissen Regionen Skandinaviens ein Winter von epischen Proportionen – der lange dunkle Fünf-Uhr-Tee der Seele oder auch emotionaler Winterschlaf sind die Folge.

Oh My God (official Video@youtube)

Wohl dem, der dagegen die Kraft der Musik einzusetzen weiß. Und so ist Ida Maria zwar inzwischen längst nach Stockholm umgezogen, der mitreißenden Wirkung ihrer Pop-Punk-Songs indes hat dies keinen Abbruch getan.
Erst kürzlich bewies sie beim “Polarzoo Festival” in Berlin, dass Juliette Lewis, Iggy Pop und die Strokes sich warm anziehen sollten. Nicht nur, wenn sie mal nach Schweden kommen, sondern vor allem auch, weil Schweden wie Ida Maria demnächst mal zu ihnen (und uns) kommen werden. Und das ist gut so!

Text: Ralph Schlegel