Wenn man verfolgt hat, was sich innerhalb des letzten Jahres so alles im Leben des Peter Doherty abgespielt hat, mag man kaum glauben, dass der von Drogenproblemen und anderen Skandalen gebeutelte Ex-Libterine zwischendurch noch die Muße gefunden hat, Musik zu machen. Dass “Down In Albion”, das Debüt seiner Babyshambles, tatsächlich noch erscheinen würde, damit hätten wohl auch die Wenigsten gerechnet. Nun jedoch ist das Album tatsächlich auf dem Markt und man hört ihm das Chaos, in dem die Band es aufgenommen hat, in jeder Note an. Babyshambles-Bassist Drew McConnel bemüht sich im Interview trotzdem, das Bild einer ganz normalen Band zu vermitteln.

Eigentlich sollte dieses Interview letzte Woche im Rahmen eueres Berliner Konzerts stattfinden, doch leider habt ihr ja die Tour abgesagt…
Wir haben diese Konzerte nicht abgesagt, sondern gar nicht erst gebucht. Die komplette Europa-Tournee wurde nämlich ohne das Wissen der Band gebucht.

Wie bitte? Ich hatte schon gehört, dass ihr Probleme mit dem Management habt, aber das…
Zurzeit haben wir gar kein Management. Die einzige Person, die offiziell berechtigt ist, für uns Konzerte zu buchen, ist unser Agent – der hat aber keine gebucht, sondern irgendjemand anders.

Irgendjemand anders, ohne euch davon in Kenntnis zu setzen? Komisch…
Nein, den wenn man uns gefragt hätte, wäre unsere Antwort gewesen, dass wir zurzeit keine Konzerte spielen können, da Peter zurzeit ein Solo-Album aufnimmt und außerdem sehr in Sorge wegen Kate ist. Dass wir überhaupt spielen sollten, habe ich tatsächlich erst vor einigen Tag in einem Interview erfahren.

Hier dachten natürlich alle die Absage habe mit den Drogenproblemen Dohertys zu tun.
Und das ist eben genau das Frustrierende. Pete hat nämlich derzeit gar kein Drogenproblem, er trägt ein Subutex-Implantat und hat seit neun oder zehn Monaten kein Heroin mehr genommen. Das scheint aber keinen zu interessieren. Jeder denkt, wir seien unorganisiert – dabei ist nur unser Umfeld chaotisch, wir selbst kriegen gerade alles sehr gut auf die Reihe. Die Öffentlichkeit will Peter wohl die ganze Zeit nur auf Crack und mit einer Nadel im Arm wissen – dieses Bild entspricht jedoch ganz und gar nicht der Realität.

Anm. d. Autors: Der Subutex-Wirkstoff Buprenorphin ist aus der Gruppe der Opitate. Er besetzt die Rezeptoren, so dass bei erneutem Heroin-Konsum keine Rauschwirkung eintritt und wird von daher für die Therapie Schwerstabhängiger eingesetzt.

Wenn das so ist, ist das natürlich gut zu hören, es war dann wohl auch höchste Zeit, etwas zu unternehmen…
Findest du?

Ja, ich denke schon. Ich habe Doherty in der Vergangenheit bereits interviewt und auch danach noch getroffen, und bei diesen Gelegenheiten war er alles andere als in guter Verfassung. Von daher ist es doch gut, wenn er sich auf dem Weg in ein gesünderes Leben befinden sollte.
Schweigen.

Jedenfalls scheint es ja ohnehin massive Probleme mit dem Management gegeben zu haben. Irgendwo stand auch zu lesen, dass ihr euren Manager gefeuert habt, weil er diese Fotos von Kate Moss beim Koksen geschossen hat, die ihr so viele Probleme bereitet haben, stimmt das?
(Sarkastischer Unterton) Nein, wir feuerten ihn bereits bevor das passiert ist. Es tut mir zwar Leid, wenn das jetzt hier kein aufregendes Interview wird, aber ich glaube im juristischen Sinne an die Unschuldsvermutung und möchte mich von daher nicht zu Kate Moss und all diesen Dingen äußern.

Kein Problem. Eure erste Schlagzeugerin hat ebenfalls das Management als einen der Gründe für ihr Verlassen der Band angegeben, stimmt das denn?
(Überlegt lange) Nun, es ist nicht ganz so einfach. Gemma hat eine sehr “interessante” Familie, wie wir sagen. Und da gab es offenbar Jemanden, in dieser “interessanten” Familie, der unsere Geschäfte gerne selbst übernommen hätte – und da hat die gute Gemma halt ein bisschen Stimmung gemacht. Sie ist noch sehr jung und kann sich innerhalb ihrer Familie eher nicht so gut durchsetzen. Was im Übrigen sehr schade ist, da wir musikalisch sehr gut miteinander zurande kamen. Aber nun haben wir Adam Ficek am Schlagzeug, der zwar anders spielt, aber mit dem es auch sehr gut passt.

Wie ist es generell mit Peter Doherty zu arbeiten?
Fantastisch. Ich habe die beste Zeit meines Lebens. Jemanden zu treffen, mit dem man auf so einem hohen kreativen Level arbeiten kann, ist doch das, was sich jeder Musiker wünscht. Ich habe mein Leben lang gehofft, einmal ein Album wie “Down In Albion” aufnehmen zu können – nun hat es geklappt.

Dann ist es also tatsächlich nicht halb so chaotisch, wie die Presse uns glauben machen will?
Oh, du meinst also den Prozess und nicht so sehr die kreative Seite? Nun, das ist schon chaotischer, als ich es vorher gewohnt war. Das liegt aber nicht nur an Peter. Mit unserem Gitarristen Patrick ist es beispielsweise, vorsichtig ausgedrückt, ebenfalls mindestens “interessant” zu arbeiten (lacht). Allerdings bedeutet der Begriff Chaos nicht, dass es auf einem persönlichen Level Probleme gibt. Unser Umgang miteinander ist durchaus respektvoll und zivilisiert, aber auf der organisatorischen Seite ist es schon teilweise ungewöhnlich. Da kann es durchaus passieren, dass nachts um vier das Telefon klingelt, Peter am anderen Ende ist, und mich auffordert, ins Studio zu kommen. Das geht dann so: “Come on Peter, es ist vier Uhr morgens!” Und er dann: “Ach komm doch, es wird großartig werden, ich habe tolle Ideen.” Also nicht immer leicht. Andererseits ist es aber auch genau diese Spontaneität, die ich an den Jungs so liebe, und die auch zu einem großen Teil die Besonderheit der Babyshambles ausmacht.

Pflegt ihr denn einen ähnlichen Lebensstil wie Peter? Oh, verstehe. Du fragst mich also direkt nach meinen Drogengewohnheiten. Interessante Frage! (süffisanter Unterton) Was für eine Art Magazin ist das, für das du schreibst?

Nun, schon ein Musikmagazin. Es geht mir nicht um Details und ich stelle solche Fragen auch nicht gerne. Aber angesichts der Begleitumstände und nach all dem, was Peter Doherty in den letzten zwei Jahren so gemacht hat, finde ich es in eurem Fall durchaus angemessen diese Art von Fragen zu stellen.
Du glaubst also generell, dass eure Leser sich für unseren Lebensstil interessieren?

Wie gesagt: In diesem speziellen Fall schon.
Du willst keine Details aber wissen willst du es doch, oder? Ich weiß nicht, was sich da für ein Bild festgesetzt hat. Unser Lebensstil unterscheidet sich in keiner Weise von dem anderer junger Musiker in ihren Zwanzigern. Es ist nicht so, dass wir bei unseren Konzerten Crack verkaufen, wenn du verstehst, was ich meine. Darüber hinaus (frotzelig): Nein, ich persönlich nehme weder Crack noch Heroin. Ups, waren das jetzt schon zu viele Details?

Nun gut, so kommen wir scheinbar nicht weiter. Ich weiß wie gesagt, dass es nicht leicht ist, diese Dinge in einem vernünftigen Tonfalls jenseits der Skandalgeschichten zu beleuchten, halte es aber wie gesagt für unerlässlich.
Etwas anderes: Können wir über deinen persönlichen Background reden, was hast du vor Babyshambles gemacht?

Ich habe in verschiedenen Bands gespielt, die nie wirklich daran geglaubt haben, dass es möglich ist, den Traum von der eigenen Band wirklich zu leben. Das waren alles Leute, die es kaum erwarten konnten, endlich 18 zu werden und zur Universität zu gehen, um dann Arzt oder Anwalt zu werden – das war allerdings nicht das, was ich vorhatte. Ich zog also nach London, in der Hoffnung, dort auf Leute zu treffen, denen es mit der Musik etwas ernster war. Und dort habe ich dann Patrick Walden getroffen, der in einem Studio an der Rezeption arbeitete. Und verband unsere Obsession für Sonic Youth und Dinosaur Jr. Kurz danach lernten wir bereits Peter kennen. Durch ihn haben wir gelernt, dass das Wichtigste beim Musikmachen die Songs sind und nicht anderes zählt. An unseren Lieblingsbands mochten wir vor allem die noisy Attitüde. Peter zeigte uns, wie man Lärm mit großartigem Songwriting verbinden konnte.

Wie arbeitet ihr denn an Songs?
Das ist unterschiedlich. Meistens kommt Peter mit einer Idee, oder er verbringt ein paar Tage bei Patrick und die beiden skizzieren dann zusammen einige Dinge, die wir dann gemeinsam ausarbeiten. Der Rahmen kommt also von Peter und Pattrick, wir fügen die Farben ein.

Wie ist das von Mick Jones (Ex-The Clash) produzierte und sehr spontan klingende “Down In Albion” denn zustande gekommen?
Das war wirklich eine interessante Erfahrung für uns als Musiker. Wir alle hatten ja bereits vorher im Studio gearbeitet, aber so sind wir noch nie an Aufnahmen rangegangen. Normalerweise läuft das so: Du nimmst zuerst das Schlagzeug auf, optimierst anschließend noch ein bisschen den Sound, sodass es großartig klingt, und fügst dann den Bass hinzu. Anschließend kommen die Gitarren und dann verbringt man die meiste Zeit mit dem Gesang. Bei Mick Jones kannst du diese Vorstellung in die Tonne kloppen. Er legt Wert darauf, dass wir alle zusammen in einem Raum spielen – wie bei einem Konzert – und alles gleichzeitig aufgenommen wird, sogar die Backing-Vocals. In diesem Setting haben wir dann jeden Song vier oder fünfmal hintereinander aufgenommen und Mick entschied anschließend, welche Version genommen wird.

Und so klingt es auch. Die Aufnahmen wirken sehr spontan, teilweise fast wie Proberaum-Mitschnitte – aber das war dann wohl gewollt oder?
Nun, Mick wollte es so. Wir anderen, besonders Patrick und ich, hatten am Anfang Bedenken und hätten es gerne ein etwas tighter und mehr zusammen gehabt. Zusammen ist eigentlich das falsche Wort, denn das ist es ja durchaus jetzt auch, aber da sind eben Fehler zu hören und im konventionellen Sinne kann man so was eigentlich nicht veröffentlichen. Wenn wir zum Beispiel vier Versionen eines Songs hatten und uns die dritte am Besten gefiel, weil da meinetwegen der Gesang oder die Gitarre besonders gut waren, dann kam Mick garantiert und wollte die vierte nehmen – das war aber immer die Version, auf der die meisten Fehler waren. Wir meldeten dann Bedenken an, aber Mick sagte nur: “Jungs, hört euch diese Aufnahme an. Sie ist so aufregend, weil nur sie alleine wirklich euren Spirit als Band einfängt.” Der professionelle Musiker in uns hatte durchaus Probleme mit dieser Herangehensweise.

Darüber hinaus habt ihr ungewöhnlich lange Pausen zwischen den Songs, Gelächter, Nebengeräusche und Studio-Plaudereien draufgelassen – ebenfalls nicht eben normal. Ist das geplant oder habt ihr die Aufnahmen einfach so belassen?
Nein, nein, nein! Das Wort Plan im konventionellen Sinne ist etwas, das man in dieser Band ganz schnell vergessen muss (lacht). Und glaub mir, es war nicht einfach. Am Anfang hatten wir regelrechte Panik. “Hey Mick, das geht nicht. Da ist ein falscher Gitarrenton auf dem Song. Wenn ich das später meinem Sohn vorspiele, wird er mich fragen: “Dad, warum sind da all diese Verspieler auf deinen Platten?” Aber Mick hat darauf bestanden, die Dinge so zu lassen – und das ist wirklich nichts, womit man sich normalerweise als Musiker zufrieden geben würde. Speziell in diesen Zeiten, wo man durch moderne Computer-Software ohne Probleme jeden Fehler ausbügeln könnte. Das Album gibt nun genau wieder, wie es im Studio zugegangen ist. Wir haben alles draufgelassen.

Und, seid ihr rückblickend zufrieden mit dem Ergebnis?
Ja, sehr zufrieden. Ich finde das klingt wie ein ungeschliffener Diamant und sehr menschlich, was heutzutage ja eher selten vorkommt. Bei den meisten Produktionen wird wirklich alles getan, die Dinge so lange zu bearbeiten, bis auch der letzte Rest Menschlichkeit ausgeschliffen ist. Deshalb bin ich so stolz auf das Album. Ich kann dir genau sagen, welche Nummer wir nachts um drei eingespielt haben und bei welchen Sachen wir so betrunken waren, dass wir kaum noch spielen konnten, denn das sind die besten Tracks des Albums. Und jeder, der jetzt sagt, die Platte klingt wie ein Demo, der versteht eben nicht, worum es bei uns geht.

Für mein Empfinden ist die Scheibe allerdings ein bisschen zu lang geworden – es sind einige wirklich gute Nummern drauf aber eben auch Füllmaterial.
Nun, das ist ja der Vorteil von CDs – dass man skippen kann. Keiner ist gezwungen, alles zu hören, sondern man kann sich seine Lieblingsnummern raussuchen. Und das werden bei jedem andere sein. Ich für meinen Teil mag lange Alben. Ich weiß noch wie die Smashing Pumpkins damals nach zwei kurzen Werken “Mellon Collie And The Infinite Sadness” raus gebracht haben. Zunächst hat mich diese Platte erschlagen, aber rückblickend ist sie meine liebste von den Pumpkins, weil ich noch zehn Jahre später Dinge auf ihr entdeckt habe, die mir vorher nie aufgefallen sind.

Verstehst du eigentlich Peters Texte?
Mal so mal so. “Fuck Forever” zu Beispiel könnte man auf intellektueller Ebene als sehr existenzialistisch bezeichnen. Bei dieser Nummer aber sind die Lyrics eher kryptisch und schwer nachzuvollziehen. Es ist einer dieser Songs, bei denen mehr das Gefühl als alles andere zählt. Ich spüre, was es bedeutet, und ich weiß definitiv, was es für Peter bedeutet – ich kann es nur schlecht erklären. Bei anderen Liedern hingegen ist die Aussage ziemlich klar, wie ich finde.

Was auffällt, sind die Reggae-Einflüsse auf dem Album. Insbesondere der Dub-Track “Pentonville” fällt völlig aus dem Rahmen.
Den haben wir auch nicht geschrieben sondern ein Typ, der sich The General nennt. Das ist ein Freund, den Peter im Knast kennen gelernt hat – und dieser Knast heißt eben Pentonville. Im Übrigen wohne ich da gleich um die Ecke (lacht). Wenn man als Prominenter eingebuchtet ist, bekommt man garantiert mehr Ärger als andere. Nun ist der General ein riesiger Rasta, ein Mann wie ein Schrank. Er hat Peter während seiner Haft aus dem Gröbsten raus gehalten und zum Dank dafür ist er auf dem Album. Ansonsten mag ich es nicht, Musik in Genres einzuteilen und würde deshalb nicht von Reggae-Einflüssen sprechen. Es gibt ohnehin nur zwei Arten von Musik: Gute und schlechte.

Spricht Peter eigentlich gelegentlich über Carl Barât und die Libertines?
Hin und wieder kommt er darauf zu sprechen. Besonders in letzter Zeit. Am Anfang war all das noch zu frisch und verletzend für ihn. Peter ist ein Mann der Extreme. Die Leute stellen ihn wegen seiner großen Bambi-Augen immer als verletzlich und eher weich da – und das stimmt ja teilweise auch. Auf der anderen Seite ist er aber auch ein verdammt harter Hund. Er ist aber heute nicht mehr böse wegen dieser ganzen Libertines-Geschichte, damit ist er durch.

Du denkst also nicht, dass er jemals wieder mit ihnen zusammenspielen würde?
Ich weiß nicht. Ich selber kannte die Libertines übrigens gar nicht, als ich Peter kennen lernte. Dadurch ergaben sich witzige Situationen. Einmal stehen wir im Proberaum und Peter spielt dieses abgefahrene Riff. Ich war begeistert und wollte sofort einen Song daraus machen. Aber er meinte nur: “Das ist (der Libertines-Hit) ‘Time For Heroes’, kennst du den nicht?” (lacht).
Später habe ich dann Carl einige Male getroffen. Er hat sich mir gegenüber wie ein perfekter Gentleman verhalten. Ich denke, und das hat mir Peter auch erzählt, dass zwischen diesen beiden Jungs ein spezielles Flair besteht und sie quasi so etwas wie Brüder sind – aber zurzeit kommen sie eben nicht zusammen.

Jetzt kommen ja auch erstmal die Babyshambles. Kann man denn, in näherer Zukunft, mit Konzerten bei uns rechnen?
Ich hoffe es! Mit dem ganzen Dramen zurzeit – Kate ist in Arizona, das Management – weiß ich aber wirklich nicht wann es klappt. In Deutschland aufzutreten ist aber etwas, was wir definitiv machen wollen. Mehr kann ich leider nicht sagen, sorry.

Text: Torsten Groß