Euphrat, Tigris und Nil sind die Flüsse, an denen die Zivilisation geboren wurde. Doch mit ihr kam auch alles Übel, das bis heute in unser Leben reicht: von Bürokratie und Besitzverhältnissen bis hin zu Ausbeutung, Krieg und Unterdrückung. Doch sie waren auch Spender des Lebens: fruchtbares Land umgab sie. Und nicht nur das Land blühte auf.

Patrices drittes Album “Nile”, das nun knapp 5.000 Jahre später erscheint, schwebt in der Sphäre zwischen diesen Polen. Zwischen der Preisung des Lebens und einem zornigen bis hilflosen Blick auf Katastrophen unserer Zeit. Gegen “falsche Priester und Kriegsherren” versucht er einen gerechten Weg zu finden, der durch die Widersprüchlichkeit dieser Gesellschaft führt und einen Erwachsenen nicht unter der Schuld seines Lebens begräbt. Selbst wenn diese Schuld nur Passivität ist, wie in “Gun”.

Hinter diesen Themen hat er die Musik auf das Wesentliche reduziert. Mit der Hilfe seiner Live-Band Shashamani und auf analoger Technik eingespielt, klingen die Songs auf “Nile” ursprünglich. Wie schon auf seinen vorangegangenen Veröffentlichungen ist Reggae zwar der rote Faden, der durch das Album führt, aber weder vor HipHop, Ska oder poppigen Melodien schreckt Patrice zurück. Dabei bleibt die Stimmung melancholisch, getragen von seiner hellen Kopfstimme, die wie an einer Klippe balanciert. So scheint sie jeden Moment kurz vor dem Umkippen, doch ist kraftvoll und unerschütterlich.

Ein erstaunlicher Reifeprozess hat sich seit dem letzten Album “How Do You Call It?” von 2002 mit Patrice vollzogen. Mit 26 ist er erwachsener und einsichtiger als die meisten Berufspolitiker dieses Landes es je sein werden. Und vielleicht würde es ein paar Augen und Ohren öffnen, wenn sich das Parlament eine Sitzung lang mit “Nile” beschäftigen würde.

Text: cklkh Fischer