Wer hätte das Ende der Achtziger gedacht, dass es Mudhoney so lange geben würde? Damals, als “Touch Me I’m Sick” ein kleinerer Hit in Punkrock-Kreisen war. Dass Grunge irgendwann richtig groß werden könnte, hätte man seinerzeit ebenfalls nicht ahnen können. Jetzt gibt es Mudhoney aber schon stolze 18 Jahre, und neun Platten sind in dieser Zeit entstanden – das jüngste Album “Under A Billion Suns” kommt in diesen Tagen auf ‘Sub Pop’ heraus, dem Label, wo alles anfing. Nach einer Major-Label-Phase war das Quartett Ende der Neunziger wieder zu der Plattenfirma zurückgekehrt, Sänger Mark Arm arbeitet dort mittlerweile. Wir haben mit ihm über Politik und alte Zeiten geredet. Wie sich das für zwei ältere Herrschaften gehört.

Zunächst einmal die Frage nach den drei Jahren Pause. Seid ihr mit Mudhoney an dem Punkt, wo man ein Album macht, wenn man Lust hat?
Genau genommen wollten wir mindestens ein Jahr früher fertig werden. Aber Steve Turner hat ein Soloprojekt gemacht, was ihn ungefähr ein Jahr lang beschäftigte, und danach war ich dann mit den Jungs von MC5 für vier Monate auf Tour. Das hat das noch mal verzögert. Und mit all unseren Terminplänen muss man schon von Glück reden, wenn wir einmal in der Woche zusammenkommen.

Was arbeiten denn die anderen?
Das größte Problem ist unser Bassist Guy, der als Krankenpfleger in der Intensivstation des größten Krankenhauses von Seattle arbeitet. Er hat Zwölf-Stunden-Schichten und arbeitet meist drei, vier Tage durch, bevor er zwei Tage frei hat. Nach so einer Schicht ist er immer völlig fertig.

Aber die Intention meiner Frage war eher: Lässt der Druck nach so vielen Jahren als Band und nach so vielen Alben nach?
Nein, tatsächlich wird er sogar stärker. Man hat so viele Verpflichtungen – Familie, Arbeit und so -, dass man wirklich den Zeitpunkt finden muss, an dem man eine Platte auch tatsächlich machen kann. Früher war das alles selbstverständlich. Aber dann kommt eben die Realität des Lebens ins Spiel…

Aber nehmen wir mal das Jahr 1992, wo ihr gerade euer Major-Label-Debüt auf ‘Reprise’ veröffentlicht habt. Da passierte Grunge gerade, und euer Label wollte doch bestimmt seinen Teil davon abhaben. Die haben doch bestimmt nach einem Bestseller-Album gefragt…
Sie haben nicht wirklich nach einer Platte gefragt. Sie haben uns unter Vertrag genommen, also bekamen sie eins. Ich glaube, 1992 wusste keine Plattenfirma, was als nächstes passieren würde. Wir kamen aus Seattle, wir hatten für eine Untergrund-Band relativ gute Verkaufszahlen – da ließ uns die Plattenfirma machen, was wir wollten. Wir haben damals in dem gleichen Studio aufgenommen wie bei “Every Good Boy Deserves Fudge” und sind nicht nach Los Angeles gegangen, um ein “Major-Label-Album” aufzunehmen. Das hatte zum Teil damit zu tun, dass wir Untergrund-Bands gesehen haben, die auf einem Major-Label arg glatte Platten gemacht haben, die wir nicht mochten. Die Replacements zum Beispiel oder Hüsker Dü. Wir dachten uns, dass wir vielleicht besser bei unseren Waffen bleiben sollten. Das war nicht unbedingt das Intelligenteste, was wir tun konnten. Vermutlich waren wir auch viel zu bemüht. Aber wir wollten nicht, dass das Album glatt und poliert wird. Wir mussten uns selbst was beweisen. Der Titel des Albums, “Piece Of Cake”, reflektiert unsere damalige Einstellung: Es war von Anfang an alles so einfach. Bevor wir überhaupt unsere erste Show spielten, fragten ‘Sub Pop’ uns, ob wir nicht ins Studio gehen würden, weil sie unsere Musik hören wollten. Wir waren in Berlin, bevor wir überhaupt unsere erste US-Tour gemacht haben. Das war alles sehr einfach. Und da dachten wir uns, dass wir das nächste Album ganz einfach aus dem Ärmel schütteln könnten – als wäre es ein “piece of cake”. Das Album litt darunter, auch wenn es ein paar gute Songs hat. Aber die Platte als Ganzes hätte viel besser werden können.

Wie ist eure Einstellung denn heute? Ihr seht nicht mehr alles als gegeben an, wollt aber weiter machen?
Ich glaube nicht, dass wir so viel darüber nachdenken. Wir haben keine Agenda, wie unsere Lieder klingen sollten oder um was es dabei gehen könnte. Wir schreiben keine Konzeptalben. Irgendwann, nach ein paar Liedern, fällt vielleicht ein durchgehendes Thema auf – entweder in der Musik oder den Texten.

Das beantwortet noch nicht die Frage – was lässt euch denn weitermachen? Ist da die Einstellung, dass ihr das alles nicht mehr machen müsst, aber es machen wollt? Während ihr Anfang der Neunziger vielleicht eher die Einstellung gehabt habt, dass die Musik absolut im Mittelpunkt steht.
Das Seltsame ist, dass wir Musik von Anfang an praktisch nie als Karriere angesehen haben. Unser Schlagzeuger wollte immer Schlagzeuger werden, schon als Kind. Er hatte vermutlich die größten Ambitionen. Aber als wir anfingen, haben wir lediglich gehofft, eine Single veröffentlichen zu können. Und dann setzte sich das eben wie ein Schneeball fort. Steve sagte kürzlich, dass die meisten Bands nach drei Alben aufhören, weil sie für mehr nicht gut genug sind. Diesen Punkt haben wir offensichtlich schon überstanden, auch wenn unsere ersten Platten sicherlich die besten waren. Es gab nie das Gefühl, dass wir die Musik dringend machen müssten… Wobei wir schon das Bedürfnis haben, Musik zu machen. Unsere Leben wären bestimmt viel einfacher, wenn wir aufhören würden und uns nicht mehr darum kümmern müssten, Platten aufzunehmen und Zeit für eine Tour zu finden.

Aber ihr wärt bestimmt ziemlich gelangweilt und würdet was vermissen, wenn ihr jetzt aufhören würdet.
Ja, auf jeden Fall.

Um auf das Thema Karriere zurückzukommen: Ihr habt niemals, nicht mal 1992, als Nirvana groß wurden, insgeheim gedacht, dass ihr denen folgen könntet?
Wir haben gehofft, dass sich unsere Platten verkaufen würden, aber wir haben nie gedacht, dass wir deren Level erreichen würden – oder das von Pearl Jam oder Soundgarden. Wir kennen die Geschichte der Bands, die wir lieben, und die meisten sind nirgends angelangt. Genau genommen waren die meisten während ihrer Zeit nicht mal beliebt. Okay, Alice Cooper, Creedence Clearwater oder Black Sabbath waren groß, aber das sind die Ausnahmen. Wie groß waren Hawkind, Blue Cheer, die Stooges oder MC5? Oder nimm neuere Bands – Discharge, die Fleshies oder irgendeine andere Punk-Combo.

Ich musste gerade an Velvet Underground denken, die heute als so einflussreich gelten, aber damals niemanden interessierten.
Ja, genau. Und natürlich mag ich Neil Young sehr, aber das ist noch so eine Ausnahme.

Und warum der berühmt wurde, ist auch ein großes Geheimnis.
Genau.

Denkst du, eure Musik ist zu seltsam, während Pearl Jam Stadion-Rock spielten?
Meine Stimme ist nicht sehr radiofreundlich, unsere Gitarren klangen vor allem anfangs sehr aggressiv. Dann hatten wir noch Einflüsse von Bands wie Captain Beefheart oder Pere Ubu, was auch nicht gerade sehr populär ist.

Dann lass uns mal über die neue Platte reden: Klingt nach wütender Musik von nicht mehr ganz so jungen Menschen….
Wir sind die “angry middle-aged men”.

Ich wollte dich nicht beleidigen, deswegen hab ich mich etwas vorsichtiger ausgedrückt….
Kein Problem, ich werde bald 44 und bin mir dessen bewusst. Das kann ich nicht verstecken.

Ist die Musik also wütend?
Ich schreie nicht mehr so viel wie früher. Aber die Platte ist schon frustriert und wütend, das ist richtig. Ich versuche aber, die Sache differenzierter anzugehen als früher, als ich ein Punk-Kid war und meine Wut herausschrie. Jetzt gibt es auch sarkastische Lieder wie “Hard-On For War”.

Ist das Album denn das politischste der Bandgeschichte?
Es gab immer politische Sachen, aber diesmal haben wir gleich vier oder fünf politische Lieder.

Du hast zwar gesagt, dass ihr keine Konzeptalben machen würdet, aber ich habe mich schon gefragt, ob ihr hier ein durchgehendes politisches Thema behandelt.
Wie ich vorhin sagte: Wir haben nicht damit angefangen, ein politisches Album machen zu wollen. Dass es dieses Thema gibt, hat sich erst nach und nach herausgestellt. Wir leben in fürchterlichen Zeiten mit dem schlimmsten Präsidenten, den wir je hatten. Natürlich muss ich darüber schreiben, das ist eine ganz natürliche Reaktion.

Ist das so, dass man in diesen Zeiten nicht mehr indifferent sein kann, um mal einen eurer Songtitel zu zitieren?
Leider ist es so vielen Menschen egal, deswegen wurde das Arschloch wieder gewählt. Es beweist, dass man indifferent sein kann. Man sollte es nicht sein, aber mich schockiert immer wieder, dass Leute es sind.

Man darf es nicht sein aus der Einstellung heraus, die du und ich teilen, aber wohl nicht der durchschnittliche Amerikaner oder Deutsche.
Der ist ja auch nicht mit Punkrock aufgewachsen.

Ist es also gerade jetzt wichtig, aktiv zu werden statt ein Liebeslied zu singen?
Meine Liebeslieder sind nur einfach ganz schlecht.

Dann lass mich mal direkt nach dem Lied “Hard-On For War” fragen. Da singst du über die ekligen alten Typen, denen es leicht fällt, bei den jungen Mädchen zu landen. Das habe ich nicht ganz mit dem Songtitel zusammenbekommen.
Wenn man junge Männer in den Krieg schickt, erleben die alten Säcke einen Boom, weil die Ehefrauen und Freundinnen der Soldaten alleine Zuhause bleiben. Also unterstützen die alten Männer den Krieg, weil sie eine größere Chance haben, mal wieder ficken zu können. Nimm zum Beispiel Dick Cheney, der damals nicht am Vietnam-Krieg teilnehmen musste und nun einer der größten Kriegstreiber ist. Von all den Politikern, die jetzt für den Krieg sind, hat kaum einer Militärdienst geleistet. Bush war in der “National Guard”, er verbrachte seine Zeit also in Texas.

All diese Politiker bemühen sich ja auch darum, dass ihre Kinder nicht zur Armee gehen müssen, während die armen Leute zur Armee gehen, weil es ihre einzige Karrierechance ist.
Ich glaube, im kompletten Senat und im Kongress gibt es nur ein oder zwei Politiker, die Kinder im Irak haben.

Text: Dietmar Stork