Monte Conner. Wer kennt ihn nicht? Oder besser: Wer kennt ihn überhaupt? Er ist der Mann im Hintergrund. Der 41-jährige Amerikaner arbeitet seit nunmehr fast 20 Jahren auf dem Metal-Flaggschiff Roadrunner Records als `A&R-Manager`, als den man in der Musikindustrie den sich ständig auf der Jagd nach dem `nächsten großen Ding` befindenden musikalischen Goldsucher bezeichnet.

Damit war und ist er der Hauptentscheidungsträger, was für Pferde das Traditionslabel in den Stall holt. Die mächtige Hand im Dunkel. In seiner Zeit hat Conner neben einer Menge andere Bands die einst mächtigen Sepultura oder die mittlerweile Millionen schweren Slipknot entdeckt und unter Vertrag genommen. Mit seinen Entscheidungen und seinem Gespür hat er nicht nur das harte Musikgeschehen maßgeblich beeinflusst, sondern vor allem das Gesicht von Roadrunner Records geprägt und das Label zu dem gemacht, was es ist: ein Trademark in Sachen zeitgemäßen (und auch gut verkäuflichen) Metals. Nicht zuletzt hat er damit auch sich selbst zu einem gewissen Legenden-Status verholfen. Zwischen Businessterminen und Emails, sprechen wir mit einem sympathischen und locker-natürlichen Mister Monte Conner.

Monte, wie fühlt sich das an, als eine Legende bezeichnet zu werden?
Das ist natürlich sehr schmeichelhaft. Wenn ich mir meine Leben betrachte, dann ist gut zu wissen, dass ich in dieser Welt meine Spuren hinterlassen habe. Ich sage nicht, dass die Leute in 200 Jahren immer noch Roadrunner-Bands hören werden, aber da gibt es eben eine ganze Menge CDs, auf denen mein Name steht. Roadrunner ist eine Art Vermächtnis, das ich dann hinterlassen haben werde. Es fühlt sich fantastisch an, so etwas erreicht zu haben, auch wenn es nur bedeutet, dass man vielleicht 50 Jahre länger in Erinnerung bleiben wird als die Durchschnittsperson. Ja, es ist sehr schmeichelhaft, wenn das gesagt wird. Andererseits, wenn du immer noch ein aktiver A&R bist und als Legende gesehen wirst, dann kann das ja auch bedeuten, dass du alt bist, weil du schon eine Ewigkeit dabei bist und vielleicht somit sogar irrelevant bist. Das ist eine Art zweischneidiges Schwert. Aber ich bin definitiv immer noch genauso begeistert von Musik, wie ich immer war. Ich nehme ja auch immer noch gute Bands unter Vertrag. Kein Zeichen davon, dass ich aufgebe.

Wie ging das denn alles los mit dir und Roadrunner?
RR startete ja in Europa 1980 und in den USA dann Herbst 1986. Ich kam dann ein Jahr später dazu. Ich war damals noch auf dem College und hatte eine Radioshow `The Witching Hour`, wo ich Underground-Stuff spielte: Speed-, Death- und Thrash-Metal. All das, als diese Musik noch am Anfang stand. Ich spielte Demos von Slayer, Metallica, Megadeth, Anthrax, Sepultura, bevor diese Bands überhaupt gesignt waren. Ich bekam dann den Job, bei RR Radiopromotion zu machen als ich vom College kam. Ein paar Wochen danach wechselte ich ins A&R-Fach, weil niemand dafür da war und weil ich der einzige Typ in dem NY-Office war, der Metal mochte. Sepultura waren mit die ersten, die ich signte. Eine Band, die ich schon auf dem Sender gespielt hatte.

Sind dir denn in deiner Karriere öfter mal Bands durch die Lappen gegangen?
Also, wenn ich drei oder vier Jahre früher bei Roadrunner angefangen hätte, dann hätte ich Metallica, Slayer, Megadeth und Anthrax selber auch unter Vertrag nehmen können. Ich wäre jetzt reich.

Was? Du bist nicht reich?
Mir geht es gut, aber ich würde mich nicht als reich bezeichnen. Jemand der reich ist, muss nicht arbeiten. Ich muss definitiv arbeiten, um meine Familie zu ernähren.

Könntest du das denn überhaupt, NICHT arbeiten?
Ich bin ein Workolholic, aber wenn ich eine Menge Geld gewinnen würde, dann würde ich nicht arbeiten. Jeder, der mich kennt, sagt, dass das nicht stimmt. Aber wenn ich ehrlich bin, dann würde ich in einem solchen Fall mit der Arbeit aufhören. Ich bin gerne beschäftigt, aber gleichzeitig bin ich den Stress so Leid. Diese Position bedeutet eine Menge Druck. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Es wäre nett, einmal sorglos zu leben.

Machst du Urlaub?
Ja. Mehr seitdem ich verheiratet bin. Bevor ich geheiratet habe, war das nie der Fall. Ich habe etwa zehn Jahre am Stück gearbeitet, ohne jemals wirklich in den Urlaub zu fahren.

Und hörst du dir immer noch Demos an?
Ich höre mir jedes Demo an, das an mich geschickt wird. Jedes einzelne. Da könnte ja etwas Besonderes dabei sein, und das möchte nicht verpassen.

Hat man in den Jahren oft versucht, dich abzuwerben? Ein so erfolgreicher A&R-Manager muss doch extrem gefragt sein?
Ja, ich habe Positionen in Major-Labels angeboten bekommen, aber ich wollte nie für einen Major arbeiten. Ich mag die Politik nicht, die da mitspielt. Das ist es, was ich an Roadrunner schätze: dass es so viele Leute gibt, die eine enorme Loyalität dem Label gegenüber mitbringen. Und gleichzeitig ist das Label sehr loyal zu seinen Angestellten. Wenn du einen guten Job machst, dann ist das eine sehr sichere Position. Über die Jahre habe ich bemerkt, dass ich hier eine gute Sache am Laufen hatte. Und es war klug von mir, nicht der Versuchung zu erliegen, zu einem Major-Label zu gehen, mit dem großen Geld und den schicken Büros.

Wenn du zurückblickst, was würdest du denn heute anders machen als früher?
In der Vergangenheit, speziell, als ich gerade angefangen hatte, war ich nicht selektiv genug. Ich hab ein paar fantastische Bands gesignt, aber eben auch eine Menge Müll. Jetzt, wo ich etwas älter bin, bin ich wählerischer denn je. Früher war ich schneller beeindruckt. Ich hab so 60 bis 65 Bands in meiner Karriere unter Vertrag genommen und bei ungefähr 20 bis 25 hätte ich das sein lassen sollen.

Mitte der Neunziger, als Death-Metal ganz groß war, überschwemmte ja RR mit Florida-Death-Metal die gesamte Szene.
Ja, das war damals sehr verlockend. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich fast alles, was Death-Metal war und Qualität hatte unter Vertrag genommen. Das war definitiv eine Zeit, in der zu viele Bands unter Vertrag genommen wurden. Da hätte ich mich zurückhalten sollen. 

Oftmals wurde beklagt, dass Roadrunner zu sehr auf Verkaufszahlen schielt und Bands nicht wirklich aufbaut und sich entwickeln lässt?
Es ist nicht mehr wie in den Sechzigern oder Siebzigern, wo ein Typ wie Steve Miller vier oder fünf Alben machen konnte, bis er mal mit einer Single herüberkam. Bands konnten sich entwickeln, Bands wie Styx und Journey, die hatten drei oder vier Alben draußen, bevor sie groß raus kamen. Heute ist es wirklich sehr schwer, einer Band zum Durchbruch zu verhelfen. Die Kosten dafür sind heute wesentlich höher. Wenn du eine Platte von einer Band raus zu bringen, ein Video drehen und die Band auf Tour schicken willst, dann bist du, bevor du es merkst, mit mehreren hunderttausend Dollar dabei. Man muss der Band mit einem Album eine Chance geben und wenn es nicht funktioniert, dann musst du da raus, es sei denn, du glaubst zu 100% an die Band. So sieht das eben aus im Musikbusiness von heute. Es ist einfach zu teuer, um lange herum zu probieren.

Text: Martin Erfurt