Jede junge Band, die bei einem Majorlabel unterschreibt, muss damit rechnen, dass dieser Schritt auch üble Folgen haben kann. Vielleicht beutet die Firma einen Strich und Faden aus, weil sie nur an schneller Kohle interessiert ist. Das ist bitter.
Oder sie setzt einen nach kürzester Zeit wieder auf die Straße, weil die Verkäufe nicht ganz so astronomisch sind, wie erwartet. Auch nicht nett!
Mit all diesen Dingen hatten die britischen Emo-Rocker von Hundred Reasons wohl gerechnet, als sie 2001 bei Columbia Records unterschrieben. Schließlich waren sie keine Anfänger mehr in dem Geschäft. Ein Jahr Doppelbelastung aus exzessivem Touren und kräftezehrenden Nebenjobs hatte ihnen bereits alle romantischen Flausen über das Rockbiz ausgetrieben. Eine wachsende Fanbase gab ihnen Rückhalt. 200.000 verkaufte Kopien ihres Debütalbums ‘Ideas Above Our Station’ und ein Kerrang!-Award als ‘Best New Band 2000’ sorgten für das nötige Selbstvertrauen. Wie gesagt: So leicht waren die Jungs nicht mehr zu überraschen. Aber von dem was kurz vor den Aufnahmen zu ihrem zweiten Longplayer passierte wurden sie dann doch kalt erwischt.
“Kurz bevor wir mit den Aufnahmen zu ‘Kill Your Own’ begannen, hat das Label einen Wandel durchgemacht. Die meisten Leute, mit denen wir gearbeitet hatten, wurden gefeuert und viele Bands wurden abgesägt”, erklärt Gitarrist Larry Hibbit. “Unsere Songs haben sie behalten, um die Platte veröffentlichen zu können. Aber sie haben sich keine Mühe gegeben. Sie wussten, dass sie auch ohne Promotion immer noch 50- bis 60.000 Scheiben von diesem Album verkaufen würden.”

Was ein Albtraum für eine Band! Aufs Abstellgleis geschoben. Und zwar nicht weil man zuwenig Platten verkauft – sondern weil man gemessen am eingesetzten Kapital GENUG Platten verkauft. Ein volles Jahr hing die Gruppe in dieser frustrierenden Situation fest und musste auf das Ende ihres Vertrages warten. Vom Label ignoriert und völlig auf sich allein gestellt. “Es wäre in vielerlei Hinsicht besser gewesen, sie hätten uns einfach rausgeworfen und wir hätten uns einen neuen Partner gesucht.” Wenn an diesem Jahr in der Warteschleife überhaupt etwas Positives dran war, dann die Tatsache, dass man genug Zeit hatte, den wachsenden Frust in gute Songs zu gießen. Dem aktuellen Longplayer ‘Kill Your Own’ haben diese Querelen auf jeden Fall gut getan. Dunkler und gemeiner als der Vorgänger kommt diese Platte daher. Aggressive Punkbretter explodieren völlig unerwartet zwischen elegischen und düsteren Emo-Nummern. Die scharfen Stimmungswechsel zwischen den einzelnen Songs geben einen Eindruck davon, welche emotionale Berg- und Talfahrt Hundred Reasons in letzter Zeit durchgemacht haben.
“Das Album ist das Produkt dessen, was uns in den letzten 18 Monaten widerfahren ist. Ein Album über uns und wie wir uns als Band wiederentdecken. Es steckt diesmal einfach mehr von uns drin, weil wir so lange auf uns gestellt waren.”

Text: Matthias Pflügner