Ich weiß auch nicht, wie ich auf die Gästeliste gekommen bin. Irgendjemand muss in dem Investmentbanking-Konzern aus Amerika die krasse Unwahrheit über mein privates Vermögen oder die wirtschaftliche Stärke der Motor Entertainment GmbH verbreitet haben. Das knappe Dutzend Mensch, welches mit mir im Berliner Ritz Carlton wartete um mit dem ehemaligen US-Finanzminister Robert Rubin zu lunchen, war entweder adelig, arbeitete in der Großindustrie oder eben in gehobener Position für die einladende Bank. Eins von diesen Dingen passte nicht zu den anderen und das war ich. Etwas verschwitzt vom Fahrradfahren, saß ich in Ben Sherman Jacke, T-Shirt und Jeans zu Tisch, nahm das sicher leckere Mittagessen auf lau aber gerne mit. Den Banker zu meiner Rechten scherte das wenig. Zwischen den vom Ritz-Starkoch Thomas Kellermann gereichten Amues Gueuels (meine Großmutter hätte „Appetithäppchen“ dazu gesagt) fragte mich der Mann mit Glatze, leichtem Bierbauch und Lachfältchen beständig aus. Der Finanzminister a.D. erzählte wie er die USA ent- und Bush sie verschuldet habe, mein Tischnachbar, der sich als Leiter des Bereichs „Private Wealth“ vorgestellt hatte, wollte lieber über Musik reden. Ihn, der sicher schon stramm auf die Fünfzig zuging, interessierte ob Punk wirklich wieder durch Adaption elektronischer Elemente zu Rave im Manchester Sinne werden könne. Erste Indikationen dafür meinte er bei Bloc Party und den Klaxons ausgemacht zu haben.

Ich staunte nicht schlecht und lobte ihn ob der perfekten Gesprächsvorbereitung. Vom Volumen habe man sich in Sachen Motor wohl verschätzt, inhaltlich habe die Bank aber ein erstaunlich präzises Bild darüber, was uns treibt. Das Lob möge er doch bitte seinem Referenten weitergeben und mir erzählen, was er selbst zu Hause so hören würde. Die Atmosphäre kühlte merklich ab. Mein Banker war sichtlich angesäuert. „Ich bin Punk der ersten Stunde“ knurrte er während Rubin den ehemaligen US Notenbankchef Greenspan pries und ich mein Stück Angus Rind zerschnitt. Von der ersten Stunde an, habe er im Krawall 2000 in Hamburg Pogo getanzt. Ich sei damals sicher noch in die Teestube der Vorortskirche gegangen. Recht hatte er. Im Krawall 2000 waren damals die ganz Harten. Kein Einlass ohne Nachweis einschlägiger Vorstrafen und beim Pogen immer einen Springerstiefel im Gesicht. So kam es mir aus der Distanz zumindest vor. Ich war damals noch klein und harmlos. Das ist fast dreißig Jahre her, aber wieso sollte mein Gesprächspartner zwischenzeitlich auch seinen Musikgeschmack abgelegt haben? Die Generation vor ihm hatte den Marsch durch die Institutionen angetreten, um diese zu verändern. Seine Generation hat die Institutionen genutzt um zu leben. Sie sind nicht an ihren Idealen gescheitert, sondern pflegen diese ganz gelassen indem sie auf die richtigen Konzerte gehen, die diskursfähigen Bücher lesen und Filme sehen und eben Musik hören die wirklich anders ist. Sie müssen sich nicht von ihrer eigenen Vergangenheit distanzieren und in den Hafen angepasster Musik flüchten: Sie können zum Ursprung ihrer Ideale stehen, denn sie haben nicht das Gefühl, an diesen gescheitert zu sein. Absurderweise wurde mit dieser Generation der private Nonkonformismus zum Mainstream. Die Spätfolge des Punk: keiner will mehr Masse sein und alle bleiben irgendwie jung. Was bei den 68ern mit den Rolling Stones noch die Ausnahme war, wird bei uns spätestens mit den 60-jährigen Stooges und Iggy Pop, die zu Recht in dieser Woche auf motor.de gefeiert werden, zur Regel. Die Abgrenzung unserer Enkel wird wahrscheinlich in dem Satz „werde endlich erwachsen Opa“ gipfeln müssen. Die Armen. Schon heute ist der durchschnittliche Musikkonsument 32.7 Jahre alt, als Nutzer legaler Downloads gar noch 5 Jahre älter. Neugier ist keine Frage des Alters mehr.
Bevor ich mir mein eignes Alter schön rede,

… grüße ich lieber alle Leser herzlich…