Nach dem etwas durchgeknallten Schnellschuss ‘Nightfreak And The Sons Of Becker’, das vor allem dem kruden Humor der Truppe geschuldet war, haben The Coral mit ‘The Secret Invasion’ nun wieder ein ‘richtiges’ Album aufgenommen. Das Werk, es ist bereits ihr viertes in nur drei Jahren, präsentiert die jüngst durch die Hinzunahme von Percussionist John Duffy zum Septett angewachsene Band als trotz ihres jugendlichen Alters erstaunlich reife Songschreiber und wird den Vorschusslorbeeren in vollem Umfang gerecht.

London, 25. April 2005. Die Frauen Londons lassen sich von dem berüchtigten Nieselwetter nicht unterkriegen und TUN einfach so, als sei Frühling. Vermutlich hat die jahrhundertealte Gewöhnung an Jahreszeit-unabhängigen Nebel ein Kälte-resistentes Trotz-Gen bei den Bewohnerinnen der britischen Hauptstadt heranreifen lassen – uns Kontinentaleuropäern wird angesichts der kurzen Kleider und bauchfreien Tops bei unter zehn Grad jedenfalls schon beim Zusehen kalt. Vor dem Astoria-Theatre rotten sich derweil bereits ein paar jugendliche Fans sowie die ersten Ticket-Schwarzhändler zusammen – das abendliche Konzert von The Coral ist mit 2.000 Zuschauern restlos ausverkauft.

Einige Straßen weiter, in der Lobby eines kleinen Hotels, deutet nichts im Verhalten der Coral-Musiker auf das abendliche Ereignis oder ihren Status als eine der hochgelobten Neuentdeckungen von der Insel hin. Wie ein paar Schulbuben freuen sich die Jungs in Jeans und T-Shirts über die soeben erstandenen Vinylpressungen einiger Soundtrack-Alben. Wer in dem 20.000 Einwohner-Kaff Hoylake bei Liverpool wohnt, darf beim London-Aufenthalt die Gelegenheit zum Plattenkauf ebensowenig auslassen wie wir. Jedenfalls sind die mittlerweile vor mir sitzenden Jungspunde (Sänger James Skelly ist mit 24 schon der Band-Senior) so begeistert von den Neuerwerbungen, dass sie sich nur äußerst ungern von meinen Fragen vom Studium der diversen Cover-Artworks ‘ablenken’ lassen.

So wenig wie man Skelly, Bill Rhyder-Jones (Gitarre) und Bassist Paul Duffy ein Zeugnis als reife und gewiefte Interviewpartner ausstellen kann, so sehr kann man dies aber tun, wenn es ums Handwerkliche geht – dem Schreiben herrlich-schöner Popm-Melodien in bester Sixties-Tradition mit unverkennbaren Doors- und Kinks-Anklängen. Nach einigen “Yeah’s” und “No’s” sind sie sogar tatsächlich bereit über diese zu reden. “‘Nightfreak And The Sons Of Becker’ war einfach ein kleiner Scherz, das sollte man nicht als reguläre Veröffentlichung betrachten”, erklärt Sänger James und beschwert sich, “dass wir bis heute keinen Pfennig von Boris Becker gesehen haben”. Als kleinen Promogag hatte man sich nämlich seinerzeit als uneheliche Söhne des Tennis-Stars ausgegeben – umtrieben von der Hoffnung auf die Zahlung saftiger Alimente, die indes – wen wundert’s – bis heute ausgeblieben ist, da Becker offensichtlich der Meinung ist, eine Besenkammer sei genug.

Es ist ein gewisses Kraut, welches für derlei Schrullen ebenso verantwortlich ist wie für die weitestgehende Maulfaulheit der vermeintlichen ‘Becker-Söhne’. In kreativer Hinsicht will Skelly der Kifferei jedoch nicht zuviel Bedeutung beimessen. “Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass unsere Musik ohne Drogen genauso klingen würde. Und wenn es nicht so wäre und die Drogen eine tragende Rolle hätten, dann wäre das auch nichts, worüber man in einem Interview sprechen würde.”

Ob Drogen induziert oder nicht ist auch nicht mehr so wichtig, tritt doch das schrullige Element bei ‘The Secret Invasion’ deutlich in den Hintergrund. Das Album ist eine erquickliche Sammlung schöner Pop-Songs für lange Sonntagmorgende und klingt auf eine angenehme Art sehr reif und erwachsen. Für die Produktion griff man auf Geoff Barrow und Adrian Utley von Portishead zurück, da Stammproducer Ian Broudie gerade “zu sehr mit seinem Solo-Album beschäftigt war”, auf dem ja auch die Coral-Jungs ein paar Duftmarken hinterlassen haben. Sechs lange Monate schloss man sich mit der Portishead-Crew im Studio ein und brachte diese mitunter fast zur Weißglut. “Wir haben ständig heimlich die Regler verstellt”, erklärt Skelly; “nur um herauszufinden, was passiert – aber sie hatten eine Engelsgeduld mit uns.”

Meistens verkniff man sich aber Späße dieser Art und arbeitete zielgerichtet an der Sache: “Wir mögen es, monatelang im Studio zu basteln. Ich denke, dass wir im letzten Jahr und mit diesem Album um einiges besser geworden sind. Wir gehen jetzt die Dinge weitaus zielgerichteter an als früher und wissen genau, was wir wollen. Von daher lassen wir auch keinerlei Einfluss auf unser Songwriting zu; Barrow und Utley waren nur für den Sound zuständig.” Der allerdings kündet mit seiner unaufdringlichen Wärme von der Meisterschaft der Portishead-Crew, die im Übrigen “demnächst auch endlich wieder ein eigenes Album aufnehmen wird”, wie uns James verrät.

Gerade als tatsächlich so etwas wie ein Gespräch zustande kommen will, zieht Organist Nick Power am Nebentisch eine weitere Platte aus seiner Tüte und die Aufmerksamkeitsspanne meiner Gesprächspartner ist endgültig erschöpft.

Später im Astoria treffen wir Noel Gallagher an der Keith Moon Bar und erfahren, dass der Oasis-Chef die Band des Abends ganz und gar großartig findet. Was witzig ist, da diese einst als Oasis-Coverband startete. Nachdem Noel sein Wasser gekriegt hat und auch wir uns mit Getränken versorgt haben, geht das Licht aus. The Coral haben es weder für nötig gehalten ihre Garderobe vom Nachmittag zu wechseln noch legen sie offensichtlich Wert auf irgendeine Art von Stage-Acting. Der Auftritt ist trotzdem von bestechender Intensität und reißt das Publikum in seinen Bann. Alle reden ja immer davon, dass es nur um die Musik gehen sollte. Aber wenn dann mal Jemand daherkommt, bei dem das wirklich so ist, ist das auch wieder nicht okay. An The Coral ist absolut nichts Aufregendes, kein Glamour oder Glitter. Aber sie haben halt all diese wunderbaren Songs. Und manchmal reicht das tatsächlich aus.

Text: Torsten Groß

The Coral, AstoriaTheatre, 25.4.05:

Setlist
01: ‘She Sings The Mourning’
02: ‘Don’t Think You’re The First’
03: ‘So Long Ago’
04: ‘Simon Diamond’
05: ‘Bill McCai’
06: ‘In The Morning’
07: ‘The Operator’
08: ‘A Warning To The Curious’
09: ‘Dreaming Of You’
10: ‘Come Home’
11: ‘Far From The Crowd’
12: ‘Pass It On’
13: ‘Something Inside Of Me’
14: ‘Calendars And Clocks’

Zugaben
01: ‘Skeleton Key’
02: ‘Shadows Fall’
03: ‘Arabian Sand’