Dreizehn Jahre ist es nun schon her, dass Jamiroquai-Mastermind Jay Kay seinen fast schon legendären Acht-Alben-Vertrag beim Sony-Label S2 unterschrieb. Während andere Plattenfirmen bei der Künstlerentwicklung gerne kurzfristig denken, ist Sony (jetzt SONY BMG) zu Recht stolz auf diese langjährige Zusammenarbeit. 1992 war Kay ein schmächtiger weißer britischer Junge mit einem Skateboard unter dem Arm, einer Leidenschaft für Vintage Rare Groove und einem bizarren Büffelhut. Spätestens heute, nach zwanzig Millionen Alben, vier Welttourneen und 141 Wochen in den UK-Singlecharts kann man sagen, dass sich die mutige Investition gelohnt hat.

Vom smarten Aushängeschild der Acid-Jazz-Bewegung der frühen Neunziger zur internationalen Musik-Ikone – in den vergangenen dreizehn Jahren hat sich einiges getan bei Jay Kay.
Dank fünf fantastischer Alben voll hochgradig tanzbaren Grooves und gnadenlosen Hooklines plus seiner legendären Live-Auftritte ist Kay nicht nur im Vereinigten Königreich und in Deutschland äußerst erfolgreich, sondern auch in Frankreich, Spanien, Italien, Südamerika, Südafrika, Australien und Japan. In den USA gilt er als einer der bekanntesten britischen Musik-Exporte, verfügt über eine zuverlässige und nach wie vor wachsende Fangemeinde und hat bislang fünf MTV-Awards und einen Grammy gewonnen. Dass er zudem seit einigen Jahren als Stil-Ikone gilt und eine beachtliche Sammlung an Elle- und GQ-Style-Awards besitzt, findet Jay eher lustig.

Alle Zutaten für eine echtes dekadentes Rockstar-Leben sind vorhanden: Die Villa im beschaulichen Buckinghamshire, eine Garage voll schneller Autos – man könnte es durchaus verstehen, wenn der Sänger, der seinen historischen Deal unterzeichnete, als er noch in einem besetzten Haus in Ealing im Westen London wohnte, sich zurücklehnen und die Früchte seines Erfolges genießen würde. Doch obwohl vier Jahre vergangen sind seit seinem Erfolgsalbum “A Funk Odyssey” (2001) hat Kay keineswegs Lust, sich zur Ruhe zu setzen.

“Ich habe immer noch eine Menge zu beweisen,” sagt Kay, der die letzten beiden Jahre damit verbracht hat, sein sechstes Album “Dynamite” zu schreiben und aufzunehmen. “In diesem Spiel musst du dich immer wieder beweisen. Aber im Grunde liebe ich das – zu sehen, wie ein Track Form annimmt, und für dieses Album haben wir wirklich akribisch an den Tracks gearbeitet und Dinge verändert, bis alles perfekt passte.”
Das Album wurde geschrieben und aufgenommen in Spanien, Italien, Costa Rica, Schottland, New York, Los Angeles und in Kays eigens dafür errichtetem Studio in Buckinghamshire. “Dynamite” ist auf der einen Seite typischer Jamiroquai-Sci-Fi-Sound, zeigt aber auch denen trotzig den Mittelfinger, die der Meinung waren, Kay sollte sich mit fünfunddreißig Jahren so langsam aus dem Business verabschieden.

Die Single “Feels Just Like It Should” erinnert an hochtouriges, stinkendes Motoraufheulen. Jamiroquais organischer Funk wurde digital geschliffen und mit einem dreckigen Groove verheiratet. “Oh ja, das ist echt dreckig. Der Bassgroove, das bin ich als Human Beatbox. Du hörst es und denkst: ‚Verdammte Scheiße, was soll das denn?’ Wenn du seit vier Jahren kein Album herausgebracht hast, willst du Eindruck machen. Ich bin zurück – aber hallo!”

“Black Devil Car”, eine Art “Cosmic Girl” mit Gitarren und schmutziger Fantasie, und der Disco-Titeltrack “Dynamite” garantieren grandiosen Feelgood-Vibe, “Seven Days in Sunny June” ist rührend, romantisch, extra sonnig, sexy und cool.
Kay freut sich über den Hochgeschwindigkeits-Sound des neuen Longplayers. “Wir haben das Album live eingespielt, dann digital aufgemotzt, verdichtet und so einen härteren Sound kreiert. Ich wollte den Groove in den Vordergrund stellen, die Strophen knapp halten und dafür dicke Refrains einbauen.”

Enorm inspirierend waren die Aufnahmen in den USA. “Wir sind rübergeflogen und wollten die besten Background-Sänger, die besten Streicher, die besten Bläser. Und wissen sie, dann ist man in L.A. und da laufen alle diese wunderschönen Frauen herum, darum geht es in ‚Dynamite’. In New York haben wir schließlich alles abgemischt und ich habe gespürt, dass ich wieder ‚back in the game’ bin.”
Obwohl “Dynamite” oberflächlich tadellos als Soundtrack für das freie, unbekümmerte, partyselige Single-Leben funktioniert , befasst es sich auch mit gesellschaftlichen Befindlichkeiten in Zeiten, in denen die Welt, so Kay, “ziemlich am Arsch” ist. Das Album ist keineswegs abgekoppelt von der kritischen Reflektion des politischen Weltgeschehens.

Es passt, dass einer der größten britischen Popstars ausgerechnet in jenem Jahr wieder auf der Bildfläche erscheint, in dem Großbritannien turnusmäßig den Vorsitz der G8-Staaten übernimmt – mit dem Versprechen, die Bekämpfung der Armut in der Dritten Welt und des weltweiten, durch Menschen verursachten Klimawandels ganz oben auf die Agenda zu setzen.

Vom ersten Tag an stand Kay für dezidierte politische Ansichten. Leider haben seine aufrüttelnden Sleeve-Notes, die dem Jamiroquai-Nummer-Eins-Debütalbum mit dem unmissverständlichen Titel “Emergency On Planet Earth” (1993) beigefügt waren, immer noch nichts von ihrer Aktualität verloren. Hunger in der Dritten Welt, die Klimakatastrophe, Kriege, die von machthungrigen Diktatoren angezettelt werden – das alles existiert nach wie vor.

Auch “Return Of The Space Cowboy” (1994) mit seinem düsteren Kommentar zur schwierigen sozialen Lage in innerstädtischen Krisenvierteln ist immer noch zeitgemäß. “Travelling Without Moving”, das Album, das Jamiroquai 1997 den internationalen Durchbruch verschaffte, warnte vor den Gefahren der Biotechnik. Die mit einem Grammy ausgezeichnete Single “Virtual Insanity” erschien an dem Tag, an dem Klonschaf Dolly in England geboren wurde.

Nach den beiden sehr persönlichen Alben “Synkronized” (1999) und “A Funk Odyssey” (2001), das mit Mehrfach-Platin ausgezeichnet wurde, ist “Dynamite” Kays Rückkehr in bewährt rotziger, weltzugewandter Manier. “The World He Wants” fragt, was den “Führer der Freien Welt” umtreibt, “Star Child” befasst sich mit der absurden Popularität von US-Fernsehpredigern. Inhalt und zu transportierende Attitüde des polternden Floorfillers “Give Hate A Chance” sind ähnlich kritisch.

“Die menschliche Rasse hat nichts Besseres zu tun, als sich gegenseitig platt zu machen”, sagt Kay. “Ein großer Teil davon findet im Namen der Religion statt, darum geht es in ‚Give Hate A Chance’ und ‚Star Child’. Wir hassen uns aus allen möglichen Gründen: Verschiedene Religionszugehörigkeit, verschiedene Hautfarbe, verschiedene Denkweise. Immer nur Hass, Hass, Hass und ich frage mich wirklich, wann das mal aufhört.”

Trotz regelmäßiger Schlagzeilen in der britischen Klatschpresse, Rockstarallüren und einem Faible für interessante Kopfbedeckungen wäre es ein Fehler, Jay Kay zu verurteilen oder zu unterschätzen. Der Erfolg seiner Musik zeigt, dass er mit Sicherheit kein Dummkopf ist. Auch wenn seine expliziten Ansichten ihn zu einem leichten Ziel für boshafte Zyniker machen – selbst die müssen zugeben, dass das Leben und die Popmusik ohne ihn ein ganzes Stück langweiliger wären.