Über die Faszination von Kartenspielen, kanadische Fehlinvestitionen, handwerkliche Vergangenheit und das ultimative Thema – Jason Collet im motor.de-Interview.

Mit seinem vierten Solo-Album „Rat A Tat Tat“ hat Broken Social Scene-Gitarrist Jason Collett im vergangenen Jahr einmal mehr deutlich gemacht, was für ein famoser Singer/Songwriter er ist. Mal humorvoll, mal zynisch setzt sich der Kanadier darauf mit den Schattenseiten der Liebe auseinander. motor.de traf den ausgewiesenen Dylan-Fan und Politaktivisten vor seinem Konzert im Dresdner Beatpol und sprach mit ihm unter anderem über sein aktuelles Album, das ramponierte Image seines Heimatlandes und seinen Abstecher in die Schauspielerei.

motor.de: Das erste was auffällt, wenn man „Rat A Tat Tat“ in den Händen hält, ist das geschmackvolle Artwork. Was hat es damit auf sich?

Jason Collett: Das Artwork ist zusammengesetzt aus Spielkarten, genauer gesagt aus verschiedenen Joker-Spielkarten. Sie waren in der Vergangenheit Symbole für Sex, Pornographie aber auch für Politik. Zudem faszinierte mich schon immer die karnevaleske und kabarettistische Dimension von Spielkarten. Viele davon stammen übrigens aus Deutschland. Ich hab auch selbst sehr gern Karten gespielt. Es ist ein guter Zeitvertreib auf Tour und bringt Menschen zusammen.

motor.de: Das Album besitzt einen sehr sommerliche Ausstrahlung. In „Rave On Sad Songs“ fragst Du „Will this winter ever go?“ und in „High Summer“ heißt es, „summertime so short and sweet“. Ist der Sommer deine bevorzugte Jahreszeit?

Jason Collett: Das Wetter in Kanada ist dem in Mitteleuropa eigentlich ziemlich ähnlich, vielleicht etwas intensiver. Aber es ist Teil unserer Kultur, ständig über das Wetter zu reden. So wurden solche Wörter einfach Teil meines Vokabulars. Ich persönlich mag aber vor allem den Herbst. Generell finde ich es gut, wenn sich das Wetter während der Jahreszeiten verändert. Ich weiß nicht, ob ich z.B. das ständig gleiche Wetter in L.A. ertragen würde.

motor.de: Denkst du, dass das Klima die Kunst und Kultur von Menschen beeinflusst?

Jason Collett: Definitiv. Es ist faszinierend, wie es die Kultur der Menschen prägt. Im Süden Amerikas sind die Leute viel relaxter als im Norden. Man verbringt dort viel mehr Zeit draußen auf öffentlichen Plätzen, während wir im Norden eher damit beschäftigt sind, schnell nach Hause zu kommen, weil es so kalt ist. Das macht nachdenklich (lächelt). Auch wenn man Songs schreibt, sitzt man meistens zu Hause. Im Winter fühlt sich das richtig an, im Sommer dagegen nicht unbedingt.

motor.de: Ein weiteres Thema auf der Platte ist die Liebe. Es finden sich gleich drei Songs darauf, die das Wort „Love“ im Titel tragen. Alle drei klingen aber eher pessimistisch, beinahe zynisch.

Jason Collett: (lacht) Meine Band beschwert sich auch ständig bei mir und verlangt, dass ich einige der Titel ändere. Aber ich finde das okay so. Zu den Lyrics: Mir macht es einfach Spaß, die dunklen Seiten der Liebe zu thematisieren. Liebe kann hart und schmerzhaft sein, gewissermaßen eine dunkle Reise. Es gibt einfach verschiedene, auch negative Elemente, die Liebe ausmachen und das wird immer so sein. Früher haben mich Love-Songs nicht interessiert, aber umso älter ich wurde, desto mehr begriff ich Liebe als das ultimative Thema. Es bewegt alle Menschen – egal ob arm oder reich.

Jason Collett – “Love Is A Dirty Word”

motor.de: Ein anderer Song heißt „Bitch City“. Ein fiktiver Ort oder gar ein Song über deine Heimatstadt Toronto?

Jason Collett: In gewisser Weise geht es darin auch um Toronto. Aber eigentlich ist der Titel inspiriert von einem Buch des mexikanischen Schriftstellers Carlos Fuentes. Es heißt „Where The Air Is Clean“ und ist eine der großartigsten Novellen, die ich je gelesen habe. Er beschreibt darin die schönen und hässlichen Seiten, die eine Stadt haben kann. Explizit beschreibt er Mexiko City aber seine Zitate lassen sich auch auf alle anderen Großstädte übertragen. Ich liebe Städte und der Song beschreibt die Stadt als eine Art Muse.

motor.de: Bob Dylan soll einen großen Einfluss auf deine Musik gehabt haben. Welche ist deine liebste Dylan-Platte?

Jason Collett: Das wechselt mit der Zeit. Aber ultimativ würde ich sagen „Blonde On Blonde“. Auch „Desire“ mag ich sehr. Im Grunde liebe ich all seine Platten. Ich mag seine metaphorische Art zu schreiben. Und seinen Sinn für Humor.

motor.de: Böse Zungen behaupten ja, dass Dylan live nicht mehr so toll sein soll. Was ist deine Meinung?

Jason Collett: Einmal habe ich ein Konzert von ihm erlebt, das ich tatsächlich zu den schlechtesten Shows zählen würde, die ich je gesehen habe. Ein anderes Konzert von ihm war das absolute Gegenteil. Er ist nun mal rastlos und ständig auf Tour. Und dann gibt es ab und an Nächte, in denen ihm alles egal oder er einfach nicht in der richtigen Stimmung ist. Dann passiert so etwas eben. Ich finde aber, es hat etwas absolut Cooles an sich, dass er manchmal auf alles pfeift (lacht). In der einen Nacht stand er dann aber so unter Strom, dass ich ihn sogar habe tanzen sehen. Und seine Stimme war goldig. Wenn er sich inspiriert fühlt, ist er immer noch ein Gott.

motor.de: Bevor Du Gitarrist von Broken Social Scene wurdest, hast Du als Schreiner gearbeitet. Klingt nach einem typisch kanadischen Beruf. Was war das für eine Zeit?

Jason Collett: Man verbindet sicherlich eine gewisse Romantik mit diesem Beruf. Außerdem waren meine beiden Großväter ebenfalls Schreiner. Ich habe diesen Job aber vor allem ergriffen, um mein Leben als Musiker zu finanzieren. In Kanada verdient man als Schreiner gutes Geld. Dadurch konnte ich dann in meiner Freizeit meine ersten Touren finanzieren und musste nicht vorher bei meinem Boss um Urlaub betteln. Ich konnte mein eigener Chef sein. Irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich von meiner Musik leben konnte. Aber manchmal vermisse ich diese Zeit. Es war jedenfalls eine befriedigende Arbeit.

motor.de: Du bist auch politisch aktiv, unter anderem als Mitglied der New Democratic Party of Kanada (der Sozialdemokratischen Partei Kanadas – Anm. d. Red.)…

Jason Collett: …was ich für mich als etwas ganz Natürliches ansehe. Es ist nämlich so: Die Rechte – egal ob in Europa oder in Nordamerika, egal ob Republikaner oder Tories – arbeitet täglich hart an ihrer politischen Agenda und deren Umsetzung. Die Linke dagegen nicht. Wenn wir uns aber nicht engagieren, wird nur deren Stimme gehört. Und ich mag diese Stimme nicht. Die NDP ist die einzige Partei in meinem Land, die die Werte vertritt, die ich für wichtig halte. Auch wenn ich nicht in allen Punkten mit ihr übereinstimme. Aber Kanada hat nun mal eine sozialstaatliche Geschichte und ich glaube an diese Prinzipien. Konservative und Liberale sind allerdings derzeit dabei, dieses System, das sich über Jahrzehnte bewährt hat, zu zerstören.

motor.de: Du scheinst auch kein großer Fan von Stephen Harper, Kanadas amtierendem Premierminister zu sein.

Jason Collett: Absolut nicht! Er spielt sich derzeit auf wie ein König und regiert mit seiner Minderheitsregierung am Parlament vorbei. Auch seine außenpolitische Agenda hat nichts mehr mit dem Kanada zu tun, das ich einmal kannte. Kanada war, so lange ich lebe, nie in kriegerische Handlungen verwickelt. Eine Geschichte, auf die man durchaus stolz sein konnte. Unser Engagement in der Welt wurde als dem Weltfrieden dienlich angesehen. Harper hat diese Reputation aber innerhalb weniger Jahre zerstört. Und er ist sogar zynisch was das angeht, hält es für unwichtig. 20 Milliarden Dollar wurden in Kampfflugzeuge investiert, die wir schlicht und ergreifend nicht benötigen. Wir waren in Afghanistan an Kriegsverbrechen beteiligt. Ich bin derzeit alles andere als ein stolzer Kanadier. Im letzten Jahr haben wir folgerichtig den Sitz im UN-Sicherheitsrat nicht bekommen, auf den wir uns beworben hatten.

motor.de: Stattdessen wurde Deutschland in den Sicherheitsrat gewählt…

Jason Collett: …genau. Und ich bin froh, dass wir diesen Sitz nicht bekommen haben, denn Kanada verdient ihn zurzeit einfach nicht. Harper ist ein Motherfucker.

motor.de: Verfolgst Du die Geschehnisse, die sich derzeit in der arabischen Welt abspielen?

Jason Collett: Absolut. Ich halte es für sehr spannend, was dort im Moment abgeht. Vor allem wie schnell sich diese Protestwelle ausgebreitet hat. Ich glaube, die Welt hat einen solchen politischen Aufstand seit 1968 nicht mehr gesehen. Jeden morgen nach dem Aufwachen checke ich zuerst, was sich dort über Nacht ereignet hat.

motor.de: Zurück zur Musik. Wie schreibt ein Musikerkollektiv wie Broken Social Scene seine Songs? Ist es ein demokratischer Prozess oder ist Kevin (Drew, Frontmann von BSS – Anm. d. Red.) eine Art Diktator?

Jason Collett: Es ist definitiv kein demokratischer Prozess. Man könnte Kevin tatsächlich als eine Art Diktator bezeichnen, aber dafür hat er ein viel zu großes Herz. Er ist eine der charismatischsten Persönlichkeiten, die ich kenne und somit auch der geborene Frontmann. Aber er ist auch ein sehr inspirierender Mensch. Er will immer das Beste für alle. Und Broken Social Scene haben ja als rein instrumentelle Band begonnen, die nicht gerade songorientiert gearbeitet hat. Da braucht es jemanden, der den Laden zusammen hält. Interessant ist auch, dass der Gesang bei Broken Social Scene nie eine größere Bedeutung hatte als die Instrumente. Wenn Feist oder Kevin einen Part singen, fügt sich dieser nahtlos in den Gesamtkontext ein. Und es ist ein befreiendes Gefühl, wenn man die Lyrics nicht zu stark intellektualisiert.

motor.de: Du hast vier Kinder. Ist es hart für dich, soweit von ihnen entfernt auf Tour zu sein?

Jason Collet: Es ist schon hart. Aber Kinder groß zu ziehen ist immer harte Arbeit, vor allem wenn beide Elternteile arbeiten gehen. Meine Zeit ist eben aufgeteilt. Ich bin für einige Wochen auf Tour, habe danach aber auch wieder einige Wochen Zeit für meine Kinder. Touren in Europa zahlen sich in finanzieller Hinsicht aber eben auch nur aus, wenn man mindestens fünf oder sechs Wochen unterwegs ist.

motor.de: Was sind deine Pläne für den Rest des Jahres?

Jason Collett:
Zunächst freue ich mich auf einen Urlaub mit meiner Familie in New York, sobald ich von dieser Tour zurück bin. Anschließend stehen ein paar lokale Shows in meiner Heimat auf dem Programm. Aber auch ein paar weitere Dates in Europa sind für dieses Jahr noch geplant. Wahrscheinlich in UK, den Niederlanden, vielleicht in Spanien. Und dann werde ich mir die Zeit nehmen und an einem neuen Album arbeiten. Ich schreibe die ganze Zeit über Songs und im Sommer wird es dann mal Zeit, einige davon aufzunehmen.

Interview: Thomas Kasperski