Als Moderatorin im Musikfernsehen begann sie ihre Karriere, bald folgte der Schritt vor die Filmkamera. Seit ihrem Kinodebüt in „Nichts bereuen“ hat sich die Erbacherin mit „Kammerflimmern“, „Verschwende Deine Jugend“, „Der rote Kakadu“ und preisgekrönten TV-Filmen von Dominik Graf als ernstzunehmende Schauspielerin etabliert. Für den höchst amüsanten Animationsfilm „Flutsch und weg“ hat die Grimme-Preisträgerin nun erstmals eine Synchronrolle übernommen: die kesse Ratte Rita, die im Original von Kate Winslet gesprochen wird.

Jessica, Deine Rolle im Kinohit „Das Parfum“ war sehr klein, aber macht sich der unglaubliche Erfolg trotzdem auch für Dich bemerkbar?
Ich glaube, das kann man so nicht sagen. Mein nächstes Jahr ist trotzdem schon voll, und ich habe zwei sehr schöne Rollen, über die ich leider noch nicht reden kann. Aber es ist jetzt nicht so, dass internationale Großproduktionen plötzlich bei mir Schlange stehen. Dafür ist meine Rolle aber auch wirklich zu klein gewesen. Das waren drei Minuten, in denen man nicht so wahnsinnig viel zeigen konnte. Da gibt es ganz andere Filme, für die man wesentlich mehr gegeben hat. Allerdings fand ich es schon sehr spannend, „Das Parfum“ zu sehen, denn ich habe mich selbst darin richtig widerlich gefunden, und das fand ich gut!


Trotzdem muss man sich auch für eine kleine Rolle doch vermutlich sehr gründlich vorbereiten, oder?
Natürlich, immer. Auch beim Synchronisieren von „Flutsch und weg“ war das jetzt so, obwohl man so einen kompletten Spielfilm innerhalb von zweieinhalb Tagen synchronisiert. Trotzdem sind da jegliche Emotionen drin, man lässt sich vollkommen darauf ein und muss immer wieder mutig sein. Schließlich muss man die gleichen Töne anschlagen und genauso weit gehen wie eine Kate Winslet es getan hat. Man weiß am Ende auf jeden Fall genau, was man getan hat, ganz egal ob das eine Hauptrolle als Lulu, ein kurzer Auftritt wie im „Parfum“ oder eine Synchronrolle gewesen ist. Nur so macht dieser Beruf schließlich Sinn: wenn man Rollen annimmt, in einen in Aufregung und Nervosität versetzen und immer herausfordern.


Wie bereitet man sich denn überhaupt auf eine solche Sprechrolle vor?
Eigentlich kann man das gar nicht beziehungsweise wusste ich gar nicht wie, schließlich habe ich bisher, wenn überhaupt, nur meine eigene Stimme nachsynchronisiert. Das fand ich anfangs schon schwierig genug, und als ich damals erste Castings für Animationsfilme hatte, ist das nie etwas geworden, weil man mir diese Unsicherheit total angemerkt hat. Erst seit anderthalb Jahren habe ich großen Spaß an dieser Art der Arbeit gefunden, weswegen es bei dem „Flutsch und weg“-Casting dann auch endlich mal geklappt hat. Was ich, um noch einmal auf die Vorbereitung zurückzukommen, tatsächlich gemacht habe, war ein paar Tage vorher nicht mehr groß auszugehen, nicht mehr viel am Telefon zu reden und einfach die Stimme ein bisschen zu schonen. Die ist schließlich bei der Synchronisation das Hauptinstrument und ich habe ohnehin immer meine kleinen Schwächen mit den Stimmbändern.

Das ist alles?
Klar. Ich habe mir jetzt nicht irgendwie Ratten zugelegt oder so! Nein, ich habe einfach den Film gesehen und dann ging es auch direkt los. Man bekommt in dem Moment dann nur die Szene und den Take präsentiert, hört wie Kate Winslet es spricht und lässt dann den Gefühlen freien Lauf. Man stürzt sich da wirklich in die kalten Fluten.


Was war das Speziellste an dieser Synchronarbeit?
Dass wir einen Regisseur hatten, der Oliver Rohrbeck heißt und das Oberhaupt der drei ??? ist. Für mich ging ein Traum in Erfüllung: tagelang mit Justus Jonas einen Fall bearbeiten dürfen, nämlich den Fall „Flutsch und weg“! Mit Oliver zu arbeiten war ganz fantastisch, denn er gibt wirklich sehr klare Anweisungen, weil er das ja selber alles einmal gelernt hat. Bei mir wusste er, dass ich so etwas noch nie gemacht hatte, weswegen er ein wenig behutsamer mit mir umgegangen ist, damit ich nicht völlig verzweifle. Es war eine großartige Arbeit mit ihm und ich bin jetzt noch größerer Fan. Allerdings habe ich gestern mal wieder eine Folge der Fragezeichen gehört – und statt meinem alten Justus die ganze Zeit Oliver Rohrbeck vor mir gesehen.

Bekommt man solche Sprechrollen eigentlich nicht zuletzt, weil man einen bekannten Namen hat?
Nicht unbedingt, denn nicht umsonst gibt es Castings, bei denen man auch ohne Probleme durchfallen kann. Die Rolle von Catherine Zeta-Jones in „Sinbad“ habe ich nicht gesprochen, weil ich es damals einfach nicht drauf hatte. Wenn die Sicherheit nicht da ist oder der Charakter und die Stimme nicht passen, dann bekommt eine Rolle auch nicht nur weil man berühmt ist. Produzenten wie Jeffrey Katzenberg, der für „Flutsch und weg“ verantwortlich war, suchen sich ihre Leute schon sehr genau aus – sowohl im Original als auch in der deutschen Fassung. Aber ich muss schon zugeben, dass ich manchmal ein schlechtes Gewissen, weil ich als prominente Schauspielerin auch wegen meines Namens engagiert wurde und das Sprechen nicht gelernt habe.

Demnächst sieht man Dich auch wieder auf der Leinwand, unter anderem in „Die wilden Hühner 2“ und der Judith Hermann-Verfilmung „Nichts als Gespenster“. Zwei ganz schön unterschiedliche Filme…
Die Abwechslung finde ich unglaublich beruhigend, weil man sich immer wieder neu testen und auf die Probe stellen muss – und darf. Vor allem übrigens, wenn man mit Kindern zusammenarbeitet, wie bei den „Wilden Hühnern“. Da herrscht eine Willkürlichkeit des Spielens, bei der jeder Take ganz neu und anders ist. Darauf kann man sich gar nicht vorbereiten, sondern muss einfach reagieren. Das ist unglaublich anstrengend, aber auch wahnsinnig toll. Ich habe die Hühner richtig ins Herz geschlossen, schließlich sind wir jetzt zusammen ein Jahr älter geworden.

Du spielst die Lehrerin der Mädels. Ist das eine Abkehr von den bisher meist jugendlichen Rollen?
Sicherlich, und ich empfinde es als eine Wohltat, auch mal von diesem Mädchenmäßigen weggekommen zu sein. In „Liebeswunsch“, der auch demnächst zu sehen ist, spiele ich nun zum Beispiel eine Frau, die heiratet und ein Kind bekommt. In der Lage zu sein, eine Mutter zu spielen, obwohl ich selbst noch keine Mutter bin, ist doch herrlich. Dieses Weiterentwickeln mit jeder Rolle, das ja häufig auch parallel zum eigenen Leben läuft, mag ich sehr.


Aber muss man denn Regisseure und Casting-Agenten von solchen Weiterentwicklungen erst einmal überzeugen?
Ich habe in diesem Jahr zwei Castings gemacht, wo die Leute im Nachhinein gemerkt haben, dass sie mich für diese Art Rollen in Zukunft nicht mehr anfragen, sondern dass es einen Schritt nach vorne bei mir gegeben hat. Dadurch hat sich tatsächlich die Auswahl der Castings bei mir sehr verändert. Irgendwann merken das die Leute einfach, genau wie man auch selbst irgendwann eine solche Erkenntnis hat. Wenn man über ein gewisses Schema hinausgewachsen ist, benimmt man sich schon beim Vorsprechen so, dass man sofort merkt: „Dieses kleine 22jährige Mädel geht einfach nicht mehr; das nehme ich mir nicht einmal mehr selber ab.“ In dem Moment ist dann beim Casting auch Schluss.

Interview: Patrick Heidmann