Kein „Verstärker“, viel Gefühl, nette Menschen und sogar Autogramme. Ein freundliches Ü30-Konzert mit enormem Popappeal.

Die Frisur sitzt. Nicht mehr so messerscharf gescheitelt wie man das früher kannte, sondern ein bisschen slackerig über die Ohren gewachsen und offensichtlich so perfekt geschnitten, dass es immer nur ein leichtes Kopfschütteln braucht, um die Haare aus dem Gesicht und wieder in perfekte Form zu bringen. In der Gegenlicht-Korona sieht das sehr beeindruckend aus, tadellos chic wie natürlich Jochen Distelmeyer überhaupt im weißen Hemd und dem Pullunder, der erst zur Zugabe weichen muss.

Weit weg vom Schaffen der früheren Jahre ist „Heavy“, das kürzlich erschienene „Soloalbum“ des vormaligen Blumfeld-Masterminds nicht. Jetzt steht halt auch Distelmeyer drauf, wo eh vor allem immer Distelmeyer drin war und es wird logisch fortgeschrieben, was aus Sicht der nicht eben wenigen Mäkler weniger von politischem Bewusstsein als von Kennerschaft der Münchner Freiheit zeugt. Wer sich darauf einlassen mag, weiß, dass Jochen Distelmeyer einer der wenigen wirklich begnadeten Songschreiber und Poppoeten ist, die dieses Land zu bieten hat.

Jetzt also solo, mit vierköpfiger Begleitband. Zum Konzert ist das Leipziger Conne Island weit weniger voll als zum hoffnungslos überfüllten letzten Blumfeld-Abschiedskonzert am gleichen Ort, „angenehm gefüllt“ ist die freundliche Beschreibung dafür. Es ist ein bisschen wie ein Ü30-Treffen, man sieht viele Gesichter, die man sonst nur noch selten im Club sieht. Alles geht ein wenig ruhiger, fast schon gesittet zu, Beifall und Jubel sind eher freundlich-anspornend denn frenetisch. Und nur manchmal – nennen wir es die Blumfeld-Momente – macht sich ein wenig überbordende Stimmung breit. „Komm sag es allen: Wir sind frei / Es gibt kein Müssen und kein Sollen / wenn wir nicht wollen“ ist so ein Moment, der altgediente Bumfeld-Fans in eine Mischung aus Andacht und Euphorie zu stürzen vermag.

Geradezu wuchtig für den Maßstab des Abends geht es los: „Wohin mit dem Hass“ mit seinen ruppigen Gitarren, dem schwerlastigen Kopfnickerrhythmus und der messianischen Botschaft, die noch am ehesten an die alten Zeiten gemahnt. Danach wird es deutlich gefälliger. Freundliche Gitarrenpopsongs werden dargeboten, gutlaunig, schmissig, durch und durch melodisch. Wer nicht Intimkenner des Blumfeld-Œuvres ist (das sind allerdings wohl sehr viele an diesem Abend) wird kaum unterscheiden zwischen den Stücken von – sagen wir mal – „Ich-Maschine“ oder eben „Heavy“. Sehr geschlossen spielt die Band, sehr musikalisch, zielstrebig tight, konzentriert aber eben auch spielfreudig. Die sperrigen Stücke bleiben außen vor, auch ein „Verstärker“ oder „Ghettowelt“ – so viel Blumfeld-Klassik gesteht Distelmeyer dem zweifelsfrei darauf wartenden Publikum dann doch nicht zu.

Ein Abend ist das, den man sicher nicht als „denkwürdig“ einordnen muss, aber eine Art amtliches Entertainment auf verdammt hohem Niveau. Ein schönes Konzert, nicht mehr, nicht weniger. Am Ende gibt es noch ein hinreißend schönes Cover von Patti Smith’ „Dancing Barefoot“, ein zackig eingezähltes „Status: Quo Vadis“, das wars. Das Hemd ist durch, sogar die Frisur muss dem Schweiß Tribut zollen. Nachher steht er noch am wenig frequentierten Mechandise-Stand (wer trägt bitteschön Distelmeyer-Shirts?), raucht eine Zigarette, quatscht mit Hamburg-Indie-Urgestein Alfred Hilsberg, der auch gerade in Leipzig weilt, und ist freundlich zu den Menschen, die nach einem Autogramm fragen. Ja, Jochen Distelmeyer gibt Autogramme. Gabs das zu Blumfeld-Zeiten eigentlich auch?

Text: Augsburg
Fotos: Spiegeleule