Nicht wenige, die am letzten Montag den nicht enden wollenden Zustrom junger, alternativ wirkender Menschen in das altehrwürdige Berliner Ensemble bestaunten, hätten glauben können, sich statt in der einstigen Wirkungsstätte Bertolt Brechts in einem Club im Friedrichshain zu befinden. Kunstvoll zerzauste Haare, Umhängetaschen und Hosen im Vintage-Look, die nur ein Nietengürtel daran hinderte noch mehr von der Unterwäsche des Trägers frei zu geben, als ohnehin schon sichtbar war, zeichneten den Großteil des Publikums aus. Gekommen sind sie wegen John Irving, der seinen neuen Roman “Bis ich dich finde” in Berlin vorstellte.

Sieben Jahre nach dem letzten Werk “Witwe Für Ein Jahr” ist der Großmeister der ausufernden Beschreibungen und absurden Handlungen zurück und macht in Hamburg und Berlin Station, um die Huldigungen seiner all die Jahre geduldig wartenden Fans entgegen zu nehmen. Angesichts des geringen Unterhaltungswertes, den eine Lesung generell hat, ist ein derartiger Auflauf eine Überlegung wert. Vor allem, weil der neueste Roman vom Meister persönlich als “mein längster” angepriesen wurde, darf der Sinn, von 1.300 Seiten 50 vorzulesen, bezweifelt werden. Sicher, John Irving schreibt gute Romane, die mal mehr, mal weniger erfolgreich verfilmt wurden und sieht für seine 63 Jahre auch erstaunlich fit, sogar gut aus. Aber ein Schriftsteller, der sich selbst in der Tradition der detailliert-fabulierenden und tendenziell langatmigen Literatur des 19. Jahrhunderts sieht und dessen prägnanteste Eigenschaft eine Liebe zum Ringen ist, sollte kaum im Ruf stehen, ein Held der Jugend zu sein. Zumal er während der 60-minütigen Lesung nur eine knapp 15-minütige Sequenz selber liest: Eine ältere Frau unterhält sich darin mit Jack Burns, dem Helden des Romans, über das Leben, während sie ausgiebig seinen Penis quetscht.

Immerhin wurde Irving anschließend noch auf der Bühne von Andreas Lebert, Chefredakteur der Brigitte, zu einem belanglosen Interview genötigt. In dieser halben Stunde, in der immerhin drei Fragen beantwortet wurden, konnten jedoch nur wenige Zuhörer nicht der Versuchung widerstehen, sich die barocken Verzierungen des Theaters einmal genauer anzusehen. Die Apathie fand ein jähes Ende, als Lebert bekannt gab, dass John Irving keine Bücher signieren werde. Ein tieftrauriges “Oooh!” von nahezu allen Anwesenden, die scheinbar genau deswegen gekommen waren, beendete den Abend. Nicht wenige gingen ernüchtert und vielleicht sogar enttäuscht aber mit ihrem – unsignierten – Exemplar von “Bis ich dich finde” nach Hause. Live kann man sich dem Phänomen John Irving also nicht nähern, bleibt der Blick in sein Schaffen.

Wenn man sich seinen Werken nähert, ist man schon hin und wieder geneigt zu sagen: “Laaangweilig!” – in den Augen der Verehrer macht jedoch genau das den Charme der absurden Geschichten über Liebe, Verlust und das unvermeidliche Ringen aus. John Irving ist, wenn man so will, der schreibende Gegenentwurf zu anderen Zielgruppen-Autoren wie Nick Hornby und Stephen Fry, deren Stil stets um Pointen bemüht und von einer gewissen Kurzatmigkeit geprägt zu sein scheint. In diesem Sinne wirkt Irving wie ein ausladendes prächtiges Bankett mit allem, was man eigentlich schon immer mal essen wollte, es jedoch nie in einer derartig gehäuften Präsenz erleben durfte. John Irving schreibt große Geschichten, die, wie er selbst sagt, beim Leser große Gefühle wecken sollen, ihn zum Lachen und Mitleiden bewegen sollen. Dass er mit diesem emotionalen und nicht künstlerischen Ansatz zielstrebig und punktgenau an der verkopften Attitüde der zeitgenössischen Kritik vorbeischreibt, schreckt ihn nicht ab: “Ich bin kein Intellektueller, ich bin Geschichtenerzähler!” In Zeiten, die von Kurzlebigkeit, billiger Action und stetig wechselnden Eindrücken geprägt sind, bieten Irvings Romane dem geduldigen Leser eine Auszeit, eine Rettungsinsel für die Phantasie. Dass es dafür Bedarf gibt, beweist ein bis auf den letzten Platz gefülltes Theater voller trendiger Mittzwanziger, und die nach der Lesung ausverkauften Exemplare des neuesten Wälzers. Hoffentlich lässt der nächste nicht wieder sieben Jahre auf sich warten.

Text: Martin Schmidt