“Nein, Zweifel plagen Johnny Cash nicht, wenn er darüber reflektiert, wie „The Man Comes Around“, sein viertes Album mit Produzent Rick Rubin, im Vergleich zu den Grammy-dekorierten Vorgängern bestehen kann. „Ich glaube ganz fest, dass dies unser bestes Album geworden ist“, sagt er. Ja, „es geht sogar noch weiter als die anderen. Weil es in so viele verschiedene Richtungen zeigt, aber doch bei mir zusammenläuft. Diese Songs finden zusammen, weil ich sie zu meinen eigenen mache.“
Wie bisher üblich in der „American Recordings“-Reihe wurde „The Man Comes Around” wieder im Wohnzimmer von Rubin in Los Angeles aufgenommen. Dazu kamen diesmal aber noch Sessions in den Heimstudios von Cash in Tennessee und auf Jamaica. Und die herzzerreißende Version des Traditionals „Danny Boy“ ging in nicht mal zwei Stunden in der Episkopal-Kirche in LA auf Band. Erneut lieferten neben den beiden Hauptakteuren auch Freunde und Familienmitglieder Song-Ideen, wovon schließlich die fünfzehn vorliegenden berücksichtigt wurden, die „The Man Comes Around“ selbst in der fast 50-jährigen Cash-Karriere eine überraschende Ausnahmestellung bescheren. Ob Nine Inch Nails’ “Hurt” oder Hank Williams’s “I’m So Lonesome I Could Cry,” ob die Beatles („In My Life”) oder Depeche Mode („Personal Jesus“), ob Paul Simon’s “Bridge Over Troubled Waters” oder Cash’s eigener Klassiker „Give My Love to Rose”: Es ist schwer, sich ein Album vorzustellen, welches mehr Zeit und Stile vereint. Eine kreative Spannweite, zu der Gast-Vokalisten wie Don Henley, Fiona Apple und Nick Cave noch zusätzlich beitragen.

Da braucht’ s schon das Genie eines Johnny Cash, um eine gemeinsame emotionale Plattform für dieses weitverzweigte Material zu finden. „Das Thema dieses Albums ist spirit“, sagt Cash. „Ein menschlicher Geist, weniger ein spiritueller oder göttlicher, ein menschlicher Geist, der ums Überleben kämpft. Vermutlich reflektiert das meine Erfahrungen mit dem Schmerz meiner Krankheiten, die mich dem Tod so nahe brachten.“ Tatsächlich gab es ja nicht wenige, die ihm den Nachfolger zum 2000er-Album „Solitary Man“ gar nicht mehr zugetraut hatten. Über Jahre waren seine Gesundheitsprobleme falsch diagnostiziert worden, zunächst als Parkinson, dann als Shy-Drager-Syndrome. „Jetzt sagen sie, es sei eine autonome Neuropathie“, sagt der Patient, um mit typischem Galgenhumor anzufügen. „Ich weiß nicht genau, was das bedeutet – ich weiß nur, dass es bedeutet, alt und klapprig zu werden. Und ich weiß, dass ich diese Dinge mit schierer Willenskraft überwunden habe. Ich werde nicht aufgeben, und ich habe die Stärke für dieses Album nur gefunden, um dieser Krankheit eins auszuwischen. Manchmal kam ich ohne Stimme ins Studio, ich hätte einfach zuhause bleiben können. Aber das konnte ich nicht passieren lassen. Also kam ich und öffnete meinen Mund und versucht irgendwas zu Wege zu bringen. Ich nahm auf, wenn das eigentlich das Letzte auf der Welt war, was ich hätte tun können. Und das sind die Tracks, die das Feeling haben, das Feuer, die Inbrunst und Leidenschaft – da ist sehr viel Stärke aus dieser Schwäche erwachsen.”

Als Beispiel dafür, wie man dabei nicht nur den Schmerz, sondern auch die eigenen Erwartungen transzendieren kann, nennt Johnny Cash seine Version des Sting-Songs „Hung My Head”. Cash: „Diese Art Songs mag ich – traurig und tragisch. Es geht ja in vielen meiner Songs um Desaster und Tragödien, um Mord, Tod und zerbrochene Lieben. Und dieser Song passt genau da rein.” Besonders am Herzen liegen ihm auch die wohl überraschendsten Repertoiregäste. Als Rick Rubin seinen Schützling auf die dunklen Industrial-Hymnen „Personal Jesus” und „Hurt” aufmerksam machte, konnte Cash jedenfalls im Handumdrehen die Dämonen in seinem eigenen Leben wiedererkennen. „Ich denke, „Hurt“ ist der beste Anti-Drogen-Song, den ich je gehört habe. Es geht um den Schmerz eines Mannes und darum, was wir uns selbst antun können – aber auch um die Möglichkeit, dass wir das nicht mehr tun müssen. Damit konnte ich sofort etwas anfangen.“ Und „Personal Jesus“? Cash: „Das ist vermutlich ein Gospel-Song, der dem Evangelium so nahe ist, wie sonst kaum einer, den ich aufgenommen habe. Ich weiß nicht, ob der Autor das damit im Sinn hatte, aber das ist es.“

Die merkwürdigste Geschichte des Albums dreht sich aber um die Entstehung des Titelsongs, seit Jahren die erste neue Komposition, die er aufgenommen hat. Und sie beginnt vor ungefähr sieben Jahren in Nottingham, England. „Ich träumte damals, ich sei im Buckingham Palast“, erzählt Johnny Cash. „Und die Queen sagte zu mir: ‚Johnny Cash, du bist wie ein Dornenbaum im Wirbelwind.‘“ Was wollte ihm Elizabeth damit sagen? Cash wusste es nicht, konnte dieses Bild aber nicht vergessen. Bis er einige Jahre später in der Bibel über das Wort „Wirbelwind“ stolperte, was zu einer langen, intensiven Recherche führte, die auch ein Studium der Kapitel „Jüngstes Gericht“ und „Buch der Offenbarung“ einschloss. Und dann fing Cash an zu schreiben. „Ich schrieb Dutzende Strophen“, erinnert er sich. „Und ich dachte erst, das würde eins von meinen merkwürdigen Gedichten werden. Doch dann sah ich eine Songform kommen. Ich hatte noch nie soviel Zeit, soviel Schreiberei in einen Song investiert. Wahrscheinlich habe ich zuviel geschrieben. Aber ich musste es tun, das musste einfach raus.“

Diese Leidenschaft und Hingabe definiert das ganze Album. Acht Jahre nachdem ihn Rick Rubin (Beastie Boys, Red Hot Chili Peppers, Tom Petty) mit der Idee konfrontiert hatte, einfach ein Album mit seiner Akustik-Gitarre zu machen, ist Johnny Cash längst bewusst, dass die nun mit „Man Comes Around“ fortgesetzte „American Recordings“-Reihe einen ganz besonderen Abschnitt seiner Karriere markiert, nämlich eine Werkschau, in der die Kraft und die Integrität seiner Stimme und seiner Songs unangetastet bleiben. „“Wir passen schon gut auf, dass da nicht zuviel von außen herangetragen wird“, erläutert Cash. „Wir nehmen den Kram auf und lassen die Leute spielen, die wir spielen lassen wollen, wir machen es so, wie wir es machen wollen.“

Im Februar konnte Johnny Cash seinen 70. Geburtstag feiern. „Ich hab‘ Anrufe aus aller Welt bekommen“, erzählt er. „Ich hatte einen schönen Tag mit alten Freunden und den Menschen, die ich liebe, und ich dachte so bei mir: ‚Die ganze Welt scheint heute nacht in meinem Namen zu feiern – und dann geh‘ ich so früh ins Bett!“ Überhaupt war 2002 für ihn ein Jahr der runden Jubel- und Gedenktage: Sun Records, das legendäre Plattenlabel in Memphis, seine erste Heimstatt, wurde 50, und der ehemalige Sun-Kollege Elvis Presley war im August genau 25 Jahre tot. Dazu gab es Tribute-Alben und Re-Releases aus seinem umfangreichen Katalog. Doch Johnny Cash nimmt alles mit derselben Haltung. Und die lautet immer noch, trotz allem oder gerade erst recht: „Wir halten nicht an, um die Meilensteine zu polieren. Wir schauen nach vorn, in das 51. Jahr, in das 71.Jahr – auf die Arbeit, die noch vor uns liegt.“
Johnny Cash starb am 12. September 2003 im Alter von 71 Jahren.