Vorbands haben oft einen durchaus undankbaren Job: Sie müssen Leute überzeugen, die nie von ihnen gehört haben, sie müssen für den Tonmann als Sound-Versuchskaninchen herhalten und sie müssen ein Publikum in Stimmung versetzen, das eigentlich wegen einer ganz anderen Band gekommen ist. Sibling Sense aus Stockholm hatten es am Freitag Abend in Erfurt nicht besser. Ihr Britpop-Best-Of der letzten Platten von Keane, Coldplay und Placebo verebbte auf den ersten drei Metern so gnadenlos, dass sie einem fast leid taten – denn sie konnten absolut nichts dafür.

Der Erfurter Stadtgarten ist nämlich das ausgesprochene Gegenteil eines heimeligen Stockholmer Konzert-Clubs; ein für diese Musik hoffnungslos zu groß geratener zweistöckiger Saal. Schützenfest-Vereine treffen sich hier sonst zum Saufen, wenn der Spiele-Nachmittag für sozial schwache Familien vorüber ist. Die Akustik dort ist ausgesprochen miserabel und die Bühne ist so hoch, dass, wer darauf steht und von Scheinwerfern geblendet wird, fast nichts weiter sieht, als eine schwarze Wand, gegen die er ansingen muss. Dass der Veranstalter der Tour den Bandnamen von Sibling Sense auf sämtlichen Plakaten und Eintrittskarten in Deutschland falsch buchstabiert hat, war wohl von Anfang an kein gutes Omen für die Jungs.

Johnossi begannen ihr Konzert dementsprechend vorsichtig, um nicht zu sagen konservativ. Wer in einer ungewohnten Location vor fremdem Publikum als Band auf Nummer sicher gehen will, der beginnt mit einem sicheren Hit (“Party With My Pain”) und hängt die anschließenden zwei Songs übergangslos dahinter. So kann man erstmal die Stimmung abklopfen und es verhindert die eventuelle peinliche Stille nach dem ersten Song. Doch diese Taktik erwies sich glücklicherweise als überflüssig. Zwar war der Saal mit knapp 200 Gästen nicht einmal zur Hälfte gefüllt, doch hat der hierbei sicher selektiv wirkende Eintrittspreis von über 15 Euro dafür gesorgt, dass ausschließlich echte Fans der beiden Schweden zugegen waren. Sie liebten ihre Johnossis sowieso, da musste keine Überzeugungsarbeit mehr geleistet werden. Das überdurchschnittlich weiblich und junge Publikum erwies sich als äußerst Johnossi-gebildet, denn vor allem die Songs des ersten Albums kamen besonders gut an. Bei “Press Hold”, “Man Must Dance” und dem fantastischen “Glory Days” glänzte das Publikum durch lautstarke Textsicherheit.

Johnossi: Press Hold (Live, 2007)

Dann passierte etwas wirklich tragisches: Johns ohnehin heisere Stimme brach vollends weg und wollte sich in den oberen Tonlagen auch über den Rest des Konzerts nicht mehr richtig erholen. Bei einem Duo aus Gitarre und Schlagzeug fehlt mit dem Gesang leider gleich das komplette dritte von nur drei Instrumenten. John war sein stimmliches Versagen sichtlich peinlich, doch dem verliebten Publikum war es egal. Zur ersten Zugabe wurde “Family Values” auch mit Reibeisen-Stimme zum romantischen Erfolg und “Execution Song” brachte die Menge endgültig zur totalen Explosion. Weil Johnossi zur frenetisch geforderten zweiten Zugabe schon keine Songs mehr einfielen, spielten die beiden Energiebündel ein paar improvisierte Akkorde herbei und gaben sich und dem Publikum den ekstatischen Rest.

John und Ossi bringen live zu zweit eine schier beeindruckende Menge an Energie und Kraft auf die Bühne. Dazu wurden sie durch ihren Lichtmann auch optisch ausgezeichnet inszeniert. Mit ihrer Laufleistung und Spielfreude haben Johnossi den Abend mehr als gerettet; selten klangen Dankesbekundungen und Liebeserklärungen einer Band an ihr Publikum so authentisch wie am vergangenen Freitag Abend. Der einzige Versager des Abends war Johnossis Tour-Booker. Warum dieser ein so gute Band auf so eine unpassende Bühne gestellt hat, wird wohl ewig sein Geheimnis bleiben.

18.04.2008: Johnossi + Sibling Sense im Stadtgarten, Erfurt

Johnossi auf Tour:
21.04. Frankfurt, Brotfabrik
22.04. Nürnberg, Hirsch
23.04. (A) Wien, Flex
24.04. (S) Zürich, Abart
25.04. (S) Bern, ISC
26.04. (S) Basel, Kaserne
27.04. München, Kleine Elserhalle
29.04. Berlin, Postbahnhof
30.04. Dresden, Starclub