Die polnische Künstlerin Julia Marcell im motor.de-Interview über ihre Heimat, der Suche nach dem richtigen Sound und den Culture Beats-Klassiker “Mr. Vain”. 

Als sich Julia Marcell vor wenigen Jahren bei der Crowdfunding-Plattform Sellaband anmeldet, ist die als Julia Górniewicz in Polen aufgewachsene Singer/Songwriterin skeptisch. In der Hoffnung, dass sie finanziell unterstützt werden, können Nachwuchskünstler auf der Seite erste Einblicke in ihre Kunst gewähren. Der Pianistin ist es gelungen, die magische Marke von 50 000 Dollar zu erreichen – in nicht einmal vier Monaten. Mit dieser Finanzspritze nahm sie ihr Debütalbum “It Might Like You” auf. Als Produzenten konnte sie Moses Schneider gewinnen, der bereits Bands wie Tocotronic und Beatsteaks den Feinschliff verpasste. Auch für ihr zweites Album “June” arbeitete sie mit dem Turbostaat-Produzenten zusammen. Das Resultat dieser Zusammenarbeit sind elf eklektische Songs, die neben einer Vielzahl an klassischen Komponenten auch die elektronische Pop-Ecke nicht vernachlässigen. Was die Wahl-Berlinerin über ihre Heimat, den Umzug nach Berlin und ihre neue Platte zu sagen hat, erfahrt ihr im motor.de-Interview. 

motor.de: Julia, du kommst aus Polen, lebst jedoch aktuell in Berlin. Erzähl mir ein wenig von deiner Heimat. Wo bist du aufgewachsen?

Julia: Geboren wurde ich Olsztyn, das ist im Nordosten von Polen. Die Stadt ist mit seinen 180 000 Einwohnern natürlich unglaublich klein im Vergleich zu Berlin, doch in der Umgebung ist es die größte Stadt. Ich mag meine Heimat, sie ist wunderschön – viel Natur, tolle Wälder. Da meine Eltern in einem Haus wohnen, muss man jederzeit mit dem Auto fahren. Ob du nun in die Stadt willst oder in den Wald – man ist sehr lang unterwegs. Doch im Winter schneit es bei uns immer sehr stark, sodass die ganze Landschaft zu einem kleinen Winter Wonderland wird (lacht).

motor.de: Ich bin nicht allzu sehr mit der polnischen Musikszene vertraut. Gibt es so etwas, wie einen Markt für experimentellen oder rhythmischen Pop?

Julia: Weißt du, zur Zeit passieren in Polen eine Menge interessanter Dinge, gerade im Bereich von Alternative Music. In Polen haben wir schon seit jeher viele Unterschiede zwischen dem Mainstream und der Underground-Szene. Als kleiner Künstler hast du einfach keine Chance, in die Mainstream-Medien zu kommen. Dort wird nur über die großen Pop-Acts berichtet, von denen jeder behauptet, dass er sie hasst (lacht). Komischerweise verkaufen aber die Bands aus dem Underground viel mehr CDs. Aber ich würde nicht sagen, dass es eine richtige Rock- oder Electroszene gibt, die Bands verbinden eine Vielzahl an Musikstilen miteinander. 

motor.de: Neben der klassischen Musik führst du darüber hinaus immer wieder die Sängerin Ewa Demarczyk als großen Einfluss an. Erzähl mir ein wenig von ihr, ich kenne die Dame gar nicht.

Julia: Gerne. Ja, Ewa hat einen sehr großen Einfluss auf mich als Künstlerin. Sie war eine sehr ausdrucksstarke Sängerin. Sie trug immer schwarz und sie sang mit einer wunderschönen Stimme. Ich würde sagen, sie hat sehr theatralisch gesungen, orchestral, mit Klavierstücken wie man sie aus der klassischen Musik kennt, aber trotzdem immer irgendwie in die Richtung von Chanson.

Julia Marcell – “Matrioszka”

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motor.de: Wir müssen natürlich auch über “Sellaband” reden. Für dein Debütalbum hast du 2007 mit Hilfe deiner Fans und interessierten Unterstützern über die Website Sellaband insgesamt 50 000 Dollar gesammelt. Nur so konntest du deine erste LP auf den Weg bringen. Du hast gezeigt, dass es möglich ist, ein Album auch ohne die große Musikindustrie zu machen. Denkst du, das Crowdfunding ein Zukunftsmodell für die Industrie ist?

Julia: Ist es ein Zukunftsmodell? (überlegt kurz) Ich würde sagen, es ist ein Jetzt-Modell. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird, aber eine Menge Künstler benutzen Plattformen wie Sellaband, Kickstarter oder ihre eigenen Websites, um sich zu vermarkten. Die Leute tun, was sie können und das ist großartig. In Polen gibt es derzeit den Trend, dass viele Indie-Bands zu diesen X-Factor-Formaten gehen. Die Leute sind dann meistens überrascht, dass diese Künstler so gute Musik machen. Das zeigt, die Musiker müssen sich eben ihre Wege suchen, und es ist schön zu sehen, wie kreativ sie dabei sind.

motor.de: Wie bist du auf Sellaband gekommen?

Julia: Jemand hat mir davon erzählt und ich fand die Idee einfach großartig, dachte jedoch zunächst, dass es vielleicht nicht so mein Ding wäre. Ich habe dann ein wenig über Bands recherchiert und auch sie hatten diesen Link zu Sellaband, da dachte ich: ‘Ah, das ist das Ding, wovon mir mein Freund erzählt hat’ und am nächsten Tag war ich drin. Ich habe meine Demos und meine EP hochgeladen und mich gefragt, ob das überhaupt was werden kann.

motor.de: Letztlich ist das aber schon eine Win-Win-Situation, oder? Du kannst ja nicht allzu viel verlieren.

Julia: Das stimmt natürlich. Doch auf der anderen Seite ist es auch gut, bei einem richtigen Label zu sein, dort bist du abgesicherter als Künstler. Du spielst nun einmal nicht nur für Freunde und für ein paar Leute in einer Bar. Aber ich habe es als so eine Art Test angesehen, als ich die Songs da hochgestellt habe. Ich wollte sehen, ob überhaupt Leute darauf reagieren.

motor.de: Und die Reaktionen waren gut…

Julia: Ja, in der Tat, sogar sehr gut (lacht). Die ganze Geschichte war wirklich sehr hilfreich und ich bin wirklich dankbar für die tolle Unterstützung. 

Julia Marcell – “June”

motor.de: Lass uns ein wenig über deine neue Platte “June” reden, für die du nun auf Haldern Pop Recordings unterschrieben hast. Wie für deine erste LP “It Might Like You” hast du im Studio wieder mit Moses Schneider (Beatsteaks, Tocotronic) zusammengearbeitet. Wie war die Zusammenarbeit?

Julia: Oh, wir hatten sehr viel Spaß (lacht). Bei meinem Debüt bin ich einfach ins Studio gekommen und wird haben lediglich vier Takes für jeden Song benötigt. Das war alles recht unkompliziert und schnell. Für “June” haben wir uns weitaus mehr Zeit gelassen. Mehrere Monate saßen wir gemeinsam im Studio und haben darüber diskutiert, was einzelnen Songs noch fehlt. Sollen wir das Instrument drin lassen, sollen wir das raus nehmen? Sollen wir das und das und das … weißt du, wir haben alle Instrumente live eingespielt und manchmal klangen die Streicher zum Beispiel viel zu elektronisch. Das war der große Unterschied, zwischen den beiden Alben. Wir haben sehr viel mehr Zeit für den richtigen Sound der Platte gebraucht.

motor.de: Du hast den elektronischen Sound schon angesprochen. Wolltest du die Platte eigentlich organischer klingen lassen oder hattest du dieses Electro-Appeal bei der Aufnahme im Blick?

Julia: Ich denke, wir haben einen Mittelweg gefunden. Es war mir sehr wichtig, dass wir uns unsere eigene Klangwelt kreieren – Sounds, von denen du nicht weißt, woher sie kommen, so als könntest du nicht sagen, was das für Sounds sind. Auf dem vorhergehenden Album konntest du sofort sagen, was da gespielt wird, wie groß der Raum war, in dem es aufgenommen wurde. Jetzt war es mir wichtig, dass man mehrere Schichten hat, sodass man nicht sofort erkennt, wo der Klang herkommt. Wir mussten sogar manche Instrumente enthumanisieren. Wir haben die Live-Instrumente mit ein wenig elektronischen Sounds versehen. Ingesamt wollten wir zwar nicht diese Fülle an elektronischen Sounds, obgleich die LP für mich sehr organisch klingt.

motor.de: Ich weiß, jetzt kommt eine Frage, die Musiker gemeinhin hassen: Wie würdest du deine Platte beschreiben?

Julia: Oh nein, bitte nicht (lacht).

Motor.de: Genau aus diesem Grund mache ich den Anfang, okay? “June” klingt für mich, wie ein eklektisches Pop-Album, das sehr viele klassische Elemente zu vermischen weiß, sodass ich unweigerlich an Owen Pallett denken muss. Auf der anderen Seite bietest du sehr Rhythmik-konzentrierte Stücke mit äußerst präzisen Drum-Elementen. “June” klingt mitunter riesig, aber auch sehr ambivalent für ein Pop-Album. War es deine Absicht, verschiedene Stile auf der Platte zu verbinden?

Julia: Ich weiß nicht, ob es wirklich verschieden Stile sind. Als wir die Songs aufnahmen, haben wir nicht darüber gesprochen. Wir haben uns die Lieder angehört und manchmal haben sie uns an irgendetwas erinnert, an ein Gefühl oder einen anderen Musikschnipsel. Manche Songs klingen sogar, als hätten sie ihre Wurzeln im Blues – was wir aber vermeiden wollten (lacht). Ich denke, da ist sogar ein kleines bisschen Reggae auf der Platte – jedenfalls für mich. Aber alles in allem ist es ein Pop-Album. Es sind Melodien und Songs.

motor.de: Denkst du, dass dein Umzug nach Berlin auch eine Ursache für die Klangfarbe deiner neuen Platte war? Denn dein Erstling hat sich mehr auf Reduktion konzentriert, man hörte nur ein Piano und deine Stimme. Das Bezaubernde an “June” ist, dass du deine Stimme nun mehr als Instrument einsetzt. Es passiert mehr. 

Julia: Absolut richtig. Die neue Platte ist vor allen Dingen von der Tatsache beeinflusst, das ich jetzt mit einem Drummer spiele (lacht). Aber klar, etwas zu schreiben, ist ja immer von außen beeinflusst. Und der Umzug ist ja ein drastischer Einschnitt. Ich denke, der größte Impuls für mich war, mit anderen Bands zu spielen. Die erste Platte schrieb ich allein mit einem Klavier. Das war mein Medium, mit dem ich Songs schreiben konnte. Dieses Mal habe ich aber viel mehr experimentiert.

motor.de: In dem Song “Echo” singst du “You were raised by songs”. Da komme ich natürlich nicht umher zu fragen, welche Songs und Künstler dich am meisten inspirieren?

Julia: Das sind so viele (lacht). Owen Pallett ist ein großartiger Künstler, genauso wie Joanna Newsom oder My Brightest Diamond. Zuletzt habe ich mir sehr viel von den Talking Heads angehört sowie “Graceland” von Paul Simon, oder auch “Pet Sounds” von den Beach Boys. Wirklich geiles Zeug, wenn man das so nennen will (lacht). Aber ich liebe auch Mainstream-Pop-Musik, wie Kanye West oder Nicki Minaj. Wenn ich aber an meine musikalische Vergangenheit denke, da habe ich viel Madonna und Michael Jackson gehört. Natürlich auch ein paar polnische Bands wie Maanam oder Republika. Natürlich liebe ich auch Edith Piaf. Wie kann man Edith Piaf nicht lieben? Dann hatte ich eine lange Heavy Metal-und Punk-Phase, mit Minor Threat zum Beispiel. Und ich habe eine Menge Marilyn Manson gehört. Ich liebe einfach irgendwie alles und ich will alles hören.

Julia Marcell – “Gamelan”

motor.de: Zum Abschluss würde ich gerne auf den Song “Gamelan” zu sprechen kommen. Nicht nur, dass die von dir angesprochenen Stimmüberlagerungen hier am besten zu hören sind. Vielmehr noch: du benutzt im Song ein Snippet von Culture Beat….

Julia: Ja, das stimmt (lacht). Ein Klassiker. Als ich jung war, haben alle Culture Beat gehört und Gruppen wie…

motor.de: Ace of Base…

Julia: Yeah, und Mr. President (lacht). Ich finde es einfach interessant… (überlegt lange). Wir leben im Zeitalter der Postmoderne. Im Internet findet man heute unglaublich viele Dinge, mehrere Menschen kreieren im Internet eine Vielzahl an Kreativem, benutzen Songs oder Zitate und reißen diese aus dem Kontext, um sie woanders wieder einzubinden. Ich mag das sehr.

motor.de: Die letzte Frage, was kommt als nächstes?

Julia: Wir spielen demnächst in meiner Heimat, in Polen im Oktober und ein wenig im November und dann haben wir Anfang 2012 eine Deutschlandtour geplant. Es sei denn die Welt geht unter (lacht).

Interview: Sebastian Weiß
Übersetzung: Sebastian Weiß, Heiko Saul