Beinahe zwei lange Jahren galt die britische Band The Long Blondes dem Hype-Zentralorgan NME als “beste UK-Band ohne Plattenvertrag”. Nun hat es, nachdem der Band der begehrteste Nachwuchspreis der Insel verliehen wurde, endlich mit dem Deal geklappt: Seit Anfang des Jahres stehen die drei Frauen und zwei Männer von den Long Blondes bei ‘Rough Trade’ unter Vertrag, jener legendären Firma, die auch schon die Strokes, Libertines und The Smiths entdeckte. Grund genug für uns, Sängerin Kate Jackson und Gitarrist und Hauptsongwriter Dorian zum Gespräch zu bitten.

Man hat ja, wenn man in diesen Tagen in englischen Musikmagazinen blättert, das Gefühl, ihr währet quasi über Nacht gekommen. Das stimmt aber wohl nicht ganz, oder?
Kate Jackson: Wir sind weit von einem Übernachterfolg entfernt, das kannst du mir glauben.
Dorian Cox: Wir gelten seit zwei Jahren oder so als die beste ungesignte Band Englands. Das ist seltsam. Die Leute sind schon sehr früh auf uns gestoßen, und auf einmal stand diese Behauptung im Raum, die wir nun die ganze Zeit herumtragen. Jetzt haben wir aber endlich eine Platte gemacht und können beweisen, dass wir wirklich eine gute Band sind.
Kate: Der NME hat das ziemlich früh schon behauptet. Dummerweise haben wir dann aber nicht so schnell einen Plattenvertrag gekriegt, wie die vielleicht dachten. Also blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihre Behauptung die ganze Zeit über aufrecht zu erhalten. Zum Schluss war das schon fast eine Bürde für uns. Jede Woche wurden wir in einer Kolumne des NME erwähnt.

Nun hat es ja endlich geklappt und ihr steht beim legendären ‘Rough Trade’-Label unter Vertrag. Gab es auch noch andere Angebote und hat RT irgendeine Bedeutung für euch?
Kate: Absolut! Wir hatten andere Angebote, auch wenn es nicht ganz so viele waren, wie jetzt überall behauptet wird. Aber als der Anruf von (‘Rough Trade’-Chef) Geoff Travis kam, haben wir keine Sekunde gezögert. Wann immer wir in den letzten Jahren rum gesponnen haben, war es unser größter Traum, mal bei dieser Firma zu landen. Ich meine, sie haben mit den Strokes und den Libertines die beiden wahrscheinlich wichtigsten Bands dieses Jahrzehnts entdeckt!

Wie man hört, habt ihr bis vor wenigen Wochen noch in ganz normalen Jobs gearbeitet, aber trotzdem laufend Konzerte gespielt. Wie ging das zusammen?
Kate: Das war ein krasser Gegensatz und fast schon surreal: Wir haben all diese rauschhaften Konzerte in London gespielt, fuhren dann mitten in der Nacht zurück nach Sheffield und mussten am nächsten Morgen wider früh raus und um neun zur Arbeit. Am Ende hatten wir alle unser Urlaubskonto dermaßen überspannt und so oft krank gemacht – es musste einfach etwas passieren.

Aber war das nicht vielleicht auch hilfreich, um die Bodenhaftung nicht zu verlieren? Schließlich zahlen einem positive Schlagzeilen ja nicht die Miete…
Dorian: Das hat schon geholfen. Gerade wegen dieser “best unsigned band”-Geschichte. Da war es nicht schlecht, einen ganz normalen Berufsalltag zu haben und so immer den Kontakt zur Realität zu wahren. Schließlich bringt alleine diese Auszeichnung ja tatsächlich noch kein Geld.

Was für Jobs habt ihr gemacht?
Dorian: Ich hatte eine Assistentenstelle an der Uni und jahrelang keine richtige Idee wohin das führen sollte, Kate hat in irgendwelchen Läden gearbeitet.

Als ihr jetzt endlich ins Studio gegangen seid, habt ihr da einen gewissen Druck verspürt, den Vorschusslorbeeren gerecht zu werden?
Kate: So lange wir im Studio waren, haben wir überhaupt keinen Druck verspürt, da wir viel zu aufgeregt waren, endlich all diese Songs, die wir schon seit Jahre spielten aufnehmen zu dürfen. Erst jetzt, wo alles fertig und das Video gedreht ist, wird uns langsam etwas mulmig.
Dorian: Ich empfinde diese Art von Druck aber als ein positives Zeichen, da es zeigt, dass sich die Leute für uns interessieren. Ich kann mir jedenfalls nichts Schlimmeres vorstellen, als eine Platte aufzunehmen, eine Menge Liebe und Arbeit reinzustecken und am Ende interessiert es keinen.

Nun kommt ihr ja aus Sheffield, der Heimatstadt der Arctic Monkeys. Hat sich seit deren Durchbruch in eurer Heimatstadt etwas verändert?
Kate: Keine Ahnung, wir sind nie da, die letzen zwei Monate waren wir durchgehend in London.
Dorian: Die Arctic Monkeys habe ungefähr zur selben Zeit wie wir angefangen. Sie kommen allerdings vom anderen Ende der Stadt, das ist eine ganz andere Gang da drüben. Es gab natürlich immer eine Menge Bands in Sheffield, aber die meisten waren schrecklich und langweilig. Da hat sich jetzt glaube ich schon etwas getan, was toll ist.

Also kennt ihr die Band nicht?
Dorian: Wir kannten die Band, haben immer von ihnen gehört, sie spielten eine Menge kleiner Konzerte, und auf einmal lesen wir ihren Namen im NME! Wir haben sie aber vorher nie live gesehen.
Kate: Ihr Erfolg bestätigt meine alte Theorie von den beschissenen Bandnamen: Als Oasis 1994 rauskamen habe ich gesagt: Okay, die Jungs sind gut, aber mit einem Namen wie Oasis werden sie es nie zu was bringen. Dasselbe dachte ich bei The Smiths und nun bei den Arctic Monkeys – drei Mal voll daneben, würde ich sagen! (lacht)

Als Vorbilder gebt ihr im Indie-Kontext eher ungewöhnliche Musiker wie ABBA, Madonna oder auch die Achtziger-Hit-Produzentenschmiede Stock, Aitken, Waterman an.
Dorian: Wir lieben einfach Pop-Musik, das wollen wir klarmachen. Wir werden meistens mit Blondie und solchen Bands verglichen, und die mögen wir auch. Gleichzeitig ist aber auch ganz klassischer Pop extrem wichtig für uns.
Kate: Madonna hat mich mit Sicherheit stärker beeinflusst als Siouxsie oder Blondie. Sie war das erste große Vorbild, so wollte ich immer sein. Und ABBA habe ich schon bei meiner Mutter im Bauch gehört – da bin ich also vorbelastet.

Trotzdem werdet ihr mit Blondie und Siouxsie verglichen, was einerseits euer Sound rechtfertigt, andererseits aber auch die mangelnde Fantasie vieler Kollegen aufzeigt, da es für eine Indie-Rock-Band mit Frauenstimme nun einmal die naheliegendsten Vergleiche sind…
Kate: Ich denke es ist leicht für Journalisten, sich Siouxsie und Blondie rauszupicken, weil es halt Frauen sind und die bekanntesten weiblichen Punk-Referenzen. Ich persönlich finde nicht, dass ich wie eine von diesen beiden klinge.

Es macht den Eindruck, dass das klassische Storytelling in euren Texten eine große Rolle spielt, richtig?
Dorian: Geschichtenerzählen ist ein sehr wichtiger Aspekt des Songwritings, der meiner Ansicht nach lange sehr stark vernachlässigt wurde. Die Arctic Monkeys sind in dieser Hinsicht sehr gut und ich glaube, das ist auch ein wesentlicher Aspekt ihres Erfolges. Auch für uns ist diese Herangehensweise sehr wichtig, da es dem Hörer erlaubt, den Inhalt eines Songs nachvollziehen zu können. Ein rezensent nannte uns neulich “die Arctic Monekys für Mädchen”, das habe ich durchaus als Kompliment empfunden.
Kate: Es gibt nicht besonders viele Bands mit einer weiblichen Stimme, die die jungen Mädchen direkt ansprechen – so wie ich das kann.

Dabei schreibt die Texte mit Dorian ja ein Mann. Wie funktioniert das, sich in die weibliche Gefühlswelt einzufinden?
Dorian: Das klappt gut. Sei froh, dass du meine Stimme nie gehört hast. Ich hatte nie den Wunsch, Sänger zu werden, nicht einmal Gitarrist. Das Wichtigste für mich war es immer ein Songwriter zu sein. Als wir die Band gestartet haben, war das für mich optimal, da ich mich komplett austoben konnte. Außerdem kenne ich Kate mittlerweile ziemlich gut, wir wohnen ja auch zusammen.

Wie wichtig sind für jemanden, der einen Songtitel wie ‘A Weekend Without Make Up’ im Programm hat Stil und Klamotten?
Dorian: Style ist wichtig. Wir waren immer an Klamotten interessiert. Das ist noch vor der Musik der Grund, aus dem wir uns ursprünglich kennen gelernt haben. Wir wurden aufeinander aufmerksam, da uns der Stil des jeweils anderen gefiel. Da wir anfangs unsere Instrumente noch nicht spielen konnten, konnten wir auch nicht irgendwelche Anzeigen aufgeben, von wegen Drummer gesucht oder so. Es war mehr so: “Du siehst cool aus, scheinst zu uns zu passen, willst du nicht Schlagzeug spielen lernen.” Generell haben wir ein Faible für alte Dinge, du solltest einmal in unser Haus kommen. Es ist voll mit alten Plattenspielern und allen möglichen anderen Retro-Sachen.

Ihr wohnt zusammen, seid aber kein Paar, oder?
(Beide lachen) Dorian: Nein, sind wir nicht. Ich bin mit unserer Bassistin Reenie zusammen, Kates Freund lebt in New York.

Und, wie ist das mit der eigenen Freundin in einer Band zu sein?
Dorian: Der Vorteil ist, dass ich sie immer bei mir habe. Kates Freund lebt wie gesagt in NY und sie sieht ihn so gut wie nie. Nach den Shows ist das dann allerdings manchmal blöd, wenn die ganzen Frauen rein gerannt kommen. Aber wir kommen schon zurecht.

Und Kate: Wie gut kriegt man eine Fernbeziehung auf die Reihe wenn man ständig auf Tour ist?
Kate: Dazu sage ich nur eins: Such dir das richtige Handyunternehmen, sonst bist du schnell arm.