Von Anfang an ist 2005 ein seltsames Jahr: Fast wöchentlich schwappt das nächste große Ding aus England zu uns herüber. Junge, wilde Bands namens Bloc Party, The Futureheads oder auch Maximo Park, definieren auf ihre ganz eigene Weise den Britpop neu. Trotzdem reden viele nur von einer Combo – den Kaiser Chiefs.

Britisches Kick-Off

Gründe gab es viele: Zum einen war ihr Debüt ‘Employment’ lupenreiner Referenzrock aus dem Besten was die Siebziger zu bieten hatten. Hinzukam, dass ihre Biographie nebulös wirkte – angeblich benannten sie sich erst vier Wochen vor Veröffentlichung ihres ersten Silberlings in Kaiser Chiefs um. Machten vorher unter dem Namen Parva ganz andere, von Nirvana und Radiohead beeinflusste Musik. Ist da was dran? “Wir orientierten uns einfach zu lange an dem falschen Zeug, bis wir auf unsere Version von Garagenrock kamen. Rückblickend wirkt es schon etwas albern, fünf Typen aus einem Arbeiterviertel in Leeds wollen auf Radiohead machen!”, erklärt Sänger Ricky Wilson. Also ab in die Tonne mit den Demos, sagten sie sich und starteten den Neubeginn. Mit Erfolg, denn die Kaiser Chiefs-Euphorie erfasst nach dem Vereinigten Königreich auch das europäische Festland. Fast im Alleingang rockten sie mit ihrer Hitsingle ‘I Predict To Riot‘ im Herbst 2005 die Tanzflächen, erklommen höchste Chartpositionen und waren die meistbeachtete Band auf den MTV Europe Music Awards.

Hat euch diese Medienpräsens eigentlich sehr genervt? Oder war es genau das, was ihr euch für die Kaiser Chiefs immer gewünscht habt?
Ricky Wilson: Das Ding ist, wenn du als Newcomer ganz nach oben kommen willst, brauchst du die Hilfe der Presse. Die mag es eben, wenn sie schreiben kann: Die Briten kommen und rocken die Welt! Am Anfang ist das toll für uns gewesen und wenn du damit so umgehen kannst, wie Oasis oder Blur es konnten, ist dies auch dauerhaft ok. Aber uns störte es halt, als plötzlich die britischen Zeitungen etwas vom New Rave der Kaiser Chiefs schrieben! (schaut genervt) Ich meine, wir sollen Rave wie die Happy Mondays oder die Charlatans machen?

Auch Kollege und Kaiser Chiefs-Gitarrist Andrew White hält es nicht im Sessel: “Die ganze Diskussion um eine Szene hat aber am meisten genervt. Keine der großen Bands wollte damit was zu tun haben. Nur die Kleinen, wie zum Beispiel The Hiss, freuten sich darüber. Die dachten wahrscheinlich: Toll, so kommen wir drei Wochen auf das Cover des NME! Das funktioniert aber nicht und die Beispiele dafür sind vielfältig: Denk nur an die Datsuns, die Vines oder auch Jet, dieses ganze Australien-Ding hatte sich nach kurzer Zeit völlig erledigt. Deswegen muss man als ambitionierte Band vorsichtig sein bei solch konstruierten Sachen!”  

Never change the winning formula!

Doch genug von Gestern. Im Hier und Jetzt spielt die Musik – genauer auf dem zweiten Longplayer der Kaiser Chiefs. Mit ‘Yours Truly, Angry Mob‘ betitelt, vereint die Platte all das,  was wir an der Band bislang zu schätzen wussten. Doch auch viele neue Seiten der Kaiser Chiefs: Verquerte Gitarrenarrangements, balladeske Züge und weniger Chorgesänge à la “NaNaNaNaNaa”. Was ist passiert?
Rickie:
“Eigentlich arbeiten wir immer noch mit dem selben Elan an unseren Songs wie beim Debüt. Ich muss sagen, das funktioniert bestens und die Band hat sich auch kaum in ihren Grundzügen verändert”, und Andrew ergänzt, “wir haben so etwas wie ein ‚Winning Formula’. Auf dem wollen wir uns aber nicht ausruhen, weswegen ‘Yours Truly, Angry Mob’ auch definitiv eine neue Seite von uns präsentiert. Das Album zeigt einfach, dass da zwischen fünf Typen auch fünf verschiedene musikalische Einflüsse bestehen!” Doch halt, waren es nicht die Kaiser Chiefs selbst, die behaupteten, dass Songwriting falle komplett auf Drummer Nick Hudgson zurück?

Das klingt alles sehr demokratisch. Doch ist es wirklich so, dass ihr diesmal alle am Songwriting beteiligt wart?
Ricky: Siehst du, dass ist das Ding: Ich will dich jetzt nicht als Mensch kritisieren, aber ihr Journalisten liebt es eben, Dinge in Schwarz und Weiß darzustellen! Zu schreiben: Wer schreibt die Songs? Der Drummer macht das! Ok, Nick ist jemand, der ständig mit Ideen um die Ecke kommt, aber ohne die Band könnte er sie niemals umsetzen. Ohne uns hätte er nie einen einzigen Song vollenden können.

Logisch, schließlich braucht er eure Stimmen und Instrumente für seine Vorschläge!
Ricky: Du machst es schon wieder! (lacht) Also noch mal, Nick kommt in den Proberaum und dann stecken wir alle unsere Köpfe zusammen. So hat jeder von uns die beste Kontrolle über alle musikalischen Geschicke der Band.
Andrew: Es gibt Musiker, die schreiben für ein Album über 80 Songs. 79 von denen sind aber absoluter Mist, wenn nicht die gesamte Band daran mitarbeitet. Wir hatten für ‚Yours Truly, Angry Mob’ knapp 22 Songs, von denen aber eigentlich nur 17 in Frage kamen. Aus denen haben wir dann zwölf ausgewählt.
Mathematisch klingt das vernünftig. Eure Kollegen von Oasis machen das ja inzwischen auch so. Apropos, ist die Manchester Band immer noch ein großer Einfluss für euch?
Ricky: Für mich schon. Sie sind einfach supercool, klingen fantastisch und ich bin mit ihnen in den Neunzigern groß geworden. Du doch auch, oder Andrew?!
Andrew: Sie sind einer der Gründe, weswegen ich Musik in dieser Band namens Kaiser Chiefs mache.

Also nervt es euch nicht, wenn die Vergleiche mit ihnen oder The Who auch beim neuen Album aufrecht erhalten werden?
Ricky: Doch, das stört mich. Weil wir natürlich versuchen, uns bewusst von denen abzugrenzen. Sicher, wir mögen sie und denken, dass diese Bands sehr ambitioniert waren und auch noch sind. Aber man darf halt nicht vergessen, dass es da für uns auch noch Einflüsse wie Simon And Garfunkel oder die Mamas And The Papas gibt. (überlegt) Andrew zum Beispiel steht total auf diesen gay stuff.

Was meinst du damit?
Ricky: Rufus Wainwright!
Andrew: Mal langsam, ich habe noch nie von diesem Typen gehört!
Ricky: Solltest du aber, er ist ein verdammt guter Texter. Ich stehe auf seine Nonsence-Lyrics. Wahrscheinlich, weil wir nicht so gut darin sind. Er verbindet irgendwie das Beste von Muse und anderen soundtechnisch groß angelegten Acts.
Andrew: Jetzt weiß ich, wen du meinst – der hat doch über Chip Shops gesungen?!
Ricky: Der sang niemals über so was. Du solltest dich besser informieren!

The Boys are back in town

Während die Beiden noch darüber beraten, wen sie nun eigentlich mögen, sollten wir an dieser Stelle noch einmal die Fakten sprechen lassen: Fakt ist, dass die Kaiser Chiefs sich um die hohen Erwartungen an ihr zweites Album keine Gedanken machen müssen. ‚Yours Truly, Angry Mob‘ hält locker den Kurs des Vorgängers. Die erste Auskopplung ‚Ruby‘ besitzt den Charme früherer Hitsingles und ist leichter verdaulich als das parallel erscheinende zweite Album von Bloc Party. Ach ja, da war doch was!
Ricky: “Beide Bands veröffentlichen ihr zweites Album zur selben Zeit – aber wir bringen das Bessere heraus. Sieh mal, die Kaiser Chiefs haben mehr Exemplare von ihrem Debüt verkauft, als all die anderen Bands zusammen, welche parallel mit uns groß rauskamen. (hält kurz inne) Oh, das war überheblich! Es geht ja nicht ums Albenverkaufen.”

Wahrlich nicht, und wer in der zweiten Runde die Nase bei den Hörern vorn hat, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Vom Schwall der vielen neuen Bands aus dem Jahre 2005 haben es die Kaiser Chiefs jedoch schon vor VeröffentlichYoung ihres zweiten Albums ‘Yours Truly, Angry Mob‘ in aller Munde geschafft. “Das ist wirklich großartig“, sagt Ricky abschließend noch. “Wir werden unser Bestes geben und später darüber nachdenken!”

Video – Ruby



Interview: Christine Franz/Marcus Willfroth

Text: Marcus Willfroth