Kevin Drew ist einigermaßen erschöpft von einem langen Interviewtag. Er gießt sich ein Glas Wein ein und schaut kopfschüttelnd auf die vor ihm liegende Zigarettenschachtel. Beinahe leer. Ein wenig so scheint auch Kevin selbst sich zu fühlen: “Hier zu sitzen und zu reden – das ist sehr verwirrend für mich. Denn zur gleichen Zeit versuche ich immer noch, mein eigenes Album zu verstehen.” Das heißt, genau wie Kevins Band, ‘Broken Social Scene’ und ist tatsächlich ein ziemlicher Brocken, mit all seinen Richtungsänderungen bestens geeignet, den  Hörer zu verwirren. Und zwar durchaus mit Absicht: “Wenn ich mich so umschaue, dann kommen heutzutage viele großartige Platten raus, viele mittelmäßige und viele schlechte – aber keine abenteuerlichen. Und das unterscheidet unser Album von all den anderen – es ist ein Abenteuer. Aber das nun großartig, mittelmäßig oder schlecht zu finden, bleibt natürlich jedem selbst überlassen.”

Das Abenteuer Broken Social Scene geht mit dem selbstbetitelten Album nun schon in die dritte Runde, und setzt damit konsequent die experimentierfreudigen Vorgänger ‘You Forgot It In People’ (2002) und ‘Feel Good Lost’ (2001) fort. Dabei scheint letztgenannter Titel einigermaßen programmatisch für die Band, deren Kern aus Kevin und seinem langjährigen Kollaborateur und Freund Brendan Canning besteht. Immerhin, so Kevin, verloren die Kanadier während der Aufnahmen zu ihrem dritten Album mehrmals beinahe den Überblick – und warfen kurz vor Vollendung auch noch den lange gehandelten Titel ‘Windsurfing Nation’ über Bord. “Er passte einfach nicht mehr. Genau wie alle anderen Titel, die uns danach einfielen – irgendwie schein es keinen Namen für dieses Album zu geben! Ich weiß, eine Menge Bands veröffentlichen anscheinend zurzeit selbstbetitelte Alben, stellen sich hin und sagen: ‘Genau das sind wir!’ Und das ist das genaue Gegenteil von dem, was wir tun! Es ist, na ja, mehr eine Geschichte über uns, die letzten drei Jahre. Nicht ein definitives Statement von uns, denn wir alle wissen: (singt) Das ist nicht wa-ahr, das ist nicht wahr… Ich bin wohl etwas angeheitert, Entschuldigung. Außerdem habe ich 14 Zigaretten geraucht. Das ist fürchterlich.”

Apropos 14 – ein gutes Stichwort, um mal ein paar Fakten aufzutischen. Die Zahl scheint nicht ganz unwichtig im BSS-Kosmos zu sein: Es finden sich sowohl auf dem neuen Album (Bonus-CD nicht mitgerechnet) 14 Songs, wie auch auf der aktuellen Besetzungsliste der Band 14 Namen auftauchen. Darunter durchaus bekannte, wie der von Leslie Feist oder Amy Millan von den Stars. Lustigerweise wechseln die Beteiligten mitunter von Song zu Song – auf dem Opener ‘Our Faces Split The Coast In Half’ beispielsweise ist Kevin selbst gar nicht zu hören. Zu den Highlights zählen außerdem das leicht melancholische ‘Swimmers’, das von bereits genannter Leslie Feist gesungene und an sanfte Sonic Youth erinnernde  ‘7/4 (Shoreline)’ und der Ex-Titelsong ‘Windsurfing Nation’, der einen Gastauftritt des kanadischen Rappers k-os beinhaltet. Bei solch einem großen Freundeskreis von einem zerbrochenen sozialen Umfeld zu sprechen, wirkt etwas merkwürdig – scheinen doch Kevin und sein wilder Haufen alles andere als ein solches zu bilden. Was also steckt hinter dem Bandnamen? Kevin erklärt: “‘Broken’ bedeutet einfach, dass man nie weiß, was passieren wird – probiert es aus. Es ist ein bisschen wie ein großes Sozial-Labor, gemeinsam und durcheinander, in dem wir eben alles ausprobieren können, was uns so einfällt.” Und das tun sie auch – ohne Rücksicht auf Szenegrenzen oder Genrebeschränkungen. “Jeder Song auf dem Album klingt anders, aber es ist ein großes, schönes Chaos – und das hält die Sache zusammen.”

Text: Torsten Hempelt