Es war einmal ein furchtloses Duo aus dem hohen Norden, das mit nicht mehr als sanften Stimmen und Akustikgitarren bewaffnet zu einem Kreuzzug gegen die ganze Welt aufbrach. Die Namen dieser beiden Nordmänner waren Eirik Glambeck Boe und Erlend Oye, und wie ihre streitbaren Vorfahren durchquerten sie die Kontinente, um ihre Lieder über Liebe, Herzschmerz und das Leben im Allgemeinen in die Welt hinauszutragen. Schon bald machten seltsame Geschichten die Runde über dieses ungewöhnliche Paar, das sich im zarten Kindesalter bei einem Geografie-Wettbewerb mehrerer Schulen kennen gelernt hatte (den Erlend übrigens mit einer freihändig und aus dem Gedächtnis gemalten Weltkarte gewann) und später durch seine Musik wieder zusammenfand; genauer gesagt in einer auf Joy Division-Coverversionen spezialisierten und folglich eher düsteren Rockband namens Skog (norwegisch für „Wald“). Das Schicksal hatte große Pläne mit den beiden, und so sagten sie Skog einen Urlaub und ein nordafrikanisches Gewitter später adieu, und die Kings Of Convenience erblickten das Licht der Welt.

Nach drei beim Kultlabel Telle Records (ansässig in Bergen, der Heimatstadt der Kings, am Fuße der Berge und an den ersten Ausläufern der Fjorde der norwegischen Westatlantikküste) erschienenen 7“-Singles unterschrieben sie bei Source Records und brachten eine live in einem Zimmer aufgenommene EP – passenderweise „Live In A Room“ betitelt – heraus. Der herzerwärmende Charme dieser Veröffentlichung fand viele Freunde, und so machten die beiden sich daran, mit Unterstützung von Produzent Ken Nelson (Coldplay, Badly Drawn Boy) ein Genre-definierendes Album einzuspielen.

Anfang 2001 unter dem Titel „Quiet Is The New Loud“ erschienen, wurde der Name schnell Programm, und die Kings Of Convenience entwickelten sich zu den Standartenträgern des aufkeimenden New Acoustic Movement (© NME) … einer Szene, die sie – in erster Linie dank ihrer Originalität, ihrer Persönlichkeiten und vor allem ihres Talents – bald hinter sich lassen und letztlich überleben sollten. Gleichzeitig galten sie als Anführer der musikalischen Revival Norwegens, die nach A-ha jahrelang gekränkelt hatte, und öffneten Tür und Tor für andere in Bergen ansässige Künstler wie Röyksopp (auf deren mit mehrfachem Platin ausgezeichneten Debütalbum „Melody AM“ die Stimme von Erlend in ‚Poor Leno’ und ‚Remind Me’ zu hören war), Ralph Myerz & The Jack Herren Band, Magnet Annie sowie World Idol-Gewinner Kurt Nielsen, ehemals Klempner im Telle-Büro- und Studiokomplex. Obwohl sie eigentlich gar nichts dafür konnten.

„Quiet Is The New Loud“ mauserte sich mit etwa 200.000 verkauften Einheiten zu einem der erfolgreichsten Debütalben seit Jahren und brachte eine Reihe von Singleklassikern hervor, darunter ‚Toxic Girl’ und ‚Failure’. Als das Jahr sich seinem Ende zuneigte, war es für viele zum Lieblingsalbum 2001 geworden. Eins der Geheimnisse von „Quiet Is The New Loud“ bestand mit ziemlicher Sicherheit in seiner Schlichtheit – denn bekanntlich sind „einfache Freuden“, wie Oscar Wilde einst verkündete, „das letzte Refugium des Komplexen“. Die Kings Of Convenience zeichneten sich durch gute, altmodisch erzählte Geschichten, erstaunliche Texte und eine erfrischende Furchtlosigkeit im Angesicht von Modetrends aus. Ihre Liveshows fanden ebenfalls weithin Beachtung, so dass sie bald in ausverkauften Häusern spielten – zunächst in Sporthallen und Kirchen und später in Theatern in ganz Europa.

Wie so viele andere der gern auf Cocktailpartys zitierten Schlagwörter geriet das New Acoustic Movement schnell wieder in Vergessenheit. Wahrscheinlich, weil es sowieso nie wirklich existiert hatte; und falls es doch eine Szene gegeben hat, so wurde diese ziemlich schnell von diversen Nachahmern verwässert, die auf der Erfolgswelle mitschwimmen wollten. Eine Gruppe streng auf den Kodex des Akustik-Gesetzes eingeschworener Gleichgesinnter hat es jedenfalls nie gegeben. Die Kings machten ganz einfach ihr Ding, und sie machten es gut. Und hatten beim Publikum Erfolg. Einem Post-NAM-Backlash gingen sie geschickt aus dem Wege, indem sie sich mit ihren Gitarren nach Ibiza verdrückten, um dort eine Reihe intimer Gigs im balearischen Sonnenschein zu spielen. Ihr Plan ging auf, und zwar sowohl auf der weißen Insel, wo man bis dato nur Hippies, Batik und dröhnende House-Superclubs gekannt hatte und nun begeistert die einfachen und doch süchtig machenden Harmonien der Kings genoss … wie in den breiten Sphäre der Dancemusic, wo ihre Mischung aus harmonischer Interaktion eine sehr willkommene und überaus frische Brise in die Welt des Downtempo brachte. Dies war Leftfield in seiner reinsten Form, gekrönt von einem Bossa-Elan, zu dem man die Hüften schwingen konnte.

Nachdem sie sich unter der Post-Club-Klientel eine neue Fangemeinde erobert hatten, brachten sie unter dem Titel „Versus“ eine Sammlung von Remixen und Coverversionen der „Quiet …“-Tracks von Künstlern wie unter anderem Fourtet, Andy Votel und Ladytron heraus, die dank Röyksopp und deren beeindruckender Überarbeitung von ‚I Don’t Know What I Can Save You From’ einen der bedeutendsten Dancefloor-Momente des Jahres enthielt.

Das Remixalbum gab den Ton vor für das, was als nächstes folgen sollte: Die Kings versuchten sich an einem ‚Drop’-Remix für Cornelius, traten weiter in ganz Europa auf und spielten ein ziemlich intimes Konzert vor Diplomaten bei einem Nobelpreis-Empfang in der Residenz des norwegischen Botschafters in London, ein paar Megashows in Italien und einen triumphalen ausverkauften Gig in der Union Chapel in London …

Und dann geschah es … Der Himmel spie Feuer und Schwefel, die Welt versank in Finsternis. Oder auch nicht, denn eigentlich war überhaupt nichts passiert. Das Leben on the road hatte seinen Tribut von Eirik verlangt, und nach einer kurzen US-Tour schlug das Duo getrennte Wege ein. Eirik kehrte zu seinem Leben in Bergen zurück, und Erlend begab sich auf die Reise, um die ganze Welt kennen zu lernen, mit ihr zu kommunizieren und sie zu unterhalten!

Offenbar unzufrieden angesichts des Mangels an Tourmöglichkeiten und inspiriert vom Erfolg seiner jüngsten Ausflüge in die Welt der Dance Music, begann Erlend, von Stadt zu Stadt zu reisen (in Berlin ließ er sich schließlich nieder), um Tracks mit lokalen Künstlern aufzunehmen. Diese dienten als Basis für sein weithin gelobtes Solodebüt „Unrest“, das aus Kollaborationen mit Dance-Produzenten wie unter anderem Morgan Geist, Prefuse 73 und Schneider TM bestand und Anfang letzten Jahres veröffentlicht wurde. „Ich war frustriert, weil es so viele Orte gab, die wir mit den Kings nicht erreichen konnten“, sagt Erlend. „Das Solodebüt entstand aus diesem Gefühl der Unruhe.“

Im Rahmen seiner Unrest-Tour war Erlend sowohl mit einer ganzen Band unterwegs wie als singender DJ, wobei er zu den aufgelegten Platten sang, Akustikgitarre spielte und tanzte. In der Klischeewelt der DJs hatte es so etwas noch nicht gegeben; erst kürzlich hat er im gleichen Stil eine ‚DJ Kicks’-Compilation herausgebracht, die in einschlägigen Kreisen bereits als beste Veröffentlichung in der Geschichte der Serie gehandelt wird. Außerdem hat er seine Stimme für Alben von Künstlern wie Jollymusic und unlängst DJ Hell zur Verfügung gestellt, in der Redbull Music Academy in Südafrika ausgeholfen und ist eifrig mit seinem jüngsten Projekt The Whitest Boy Alive beschäftigt, das erstmals auf dem neuen Kitsuné-Album ‚Midnight’ firmierte.

Was aber geschah mit Eirik Glambek Boe – jenem geheimnisvollen, nachdenklich brütenden, düsteren King … Wo hat er die letzten Jahre zugebracht? „Zu Hause in Bergen, wo es mir am besten gefällt. Ich war auf der Uni, habe im Rahmen meines Psychologiestudiums Patienten behandelt und in meiner Freizeit Songs geschrieben. Für mich stand nie zur Debatte, Vollzeitmusiker zu werden. Ich bin froh, unterschiedliche Dinge machen zu können, denn ich langweile mich schnell, wenn ich mich auf einen Bereich beschränken muss“, erklärt er.

„Die Therapie ist ein interessanter Prozess. Dabei geht es um Kreativität und um Musik; darum, aus dem Vorhandenen etwas Neues zu schaffen. So findet man seine innere Stimme. Es gibt Songwriter, die ihre Texte erfinden, während andere mit ihrer inneren Stimme sprechen, wie Bob Marley – eine wahrhaft große Stimme. Ideen zu finden ist einfach, aber einen Song zu schreiben ist immer schwierig. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass wir so lange für das Album gebraucht haben.“

Neben seinem Studium, der Behandlung von Fallstudien und dem Songschreiben in seiner Freizeit hat Eirik regelmäßig trainiert, ist viel geschwommen, hat obendrein ein großes Interesse an der Städteplanung entwickelt (er hat sich vorgenommen, dieses Thema nach Beendigung seiner Musikerkarriere weiter zu verfolgen, um Bergen zu einer umweltfreundlicheren Stadt zu machen) und ist neulich in seinem einmonatigen Urlaub von Hanoi in Nordvietnam nach Saigon im Süden geradelt. Weiter kann man sich kaum von einem Superclub in Ibiza entfernen.

Das zweite Kings Of Convenience-Album „Riot On An Empty Street“ macht dort weiter, wo „Quiet Is The New Loud“ aufgehört hat. Eingespielt im Laufe der letzten sechs Monate in Bergen während der sporadischen Besuche des im Ausland lebenden Erlend, weist „Riot …“ allerdings im Vergleich zum Vorgänger eine deutlich komplexere Instrumentierung auf. Der Akustiksound gibt nach wie vor den Ton an, verstärkt durch ein Banjo (Eirik), eine in Eigenregie erlernte Trompete (Erlend), Bass, Drums sowie diverse andere Instrumente an strategisch wichtigen Stellen. Von den vertrauten Harmoniken des Openers ‚Homesick’ über ‚Gold In The Air Of Summer’ und ‚Surprise Ice’ bis hin zum Popswing des Live-Favoriten ‚I’d Rather Dance With You’, ‚Know How’, ‚Love Is No Big Truth’ oder der ersten Singleauskoppelung ‚Misread’ – jeder Track klingt wie ein alter Freund, der endlich wieder nach Hause zurückgekehrt ist. „Der Stil ist ziemlich schizophren“, meint Eirik. „Wir sind beide von unterschiedlichen Dingen inspiriert, deshalb mag das Album zwischendurch ein wenig verwirrend wirken. Aber das scheint ein zeitgenössisches Phänomen zu sein, viele Musiker wissen offenbar nicht, in welches Genre sie sich einordnen sollen.“ „Ich freue schon darauf, dass alle sagen, „Riot …“ sei nicht so gut wie unsere erste Platte“, lacht Erlend. „Das ist komisch, weil zwei der Songs aus dem Jahr 1998 stammen, also covern wir im Grunde uns selbst vor fünf Jahren“, fügt er erklärend hinzu.

Unterstützt wurden die Kings im Studio von der viel versprechenden kanadischen Sängerin Feist, die auf zwei der elf Tracks des Albums zu hören ist – dem Bossa-lastigen ‚Know How’, das sie mit Eirik singt, und dem letzten Stück ‚The Build Up’, wo sie in einem der nüchternsten und zugleich wunderschön gefühlvollsten Tracks, die man je zu hören bekommen dürfte, ein Duett mit Erlend bestreitet. Ein seltener Augenblick zwischen Zeit und Ewigkeit. Beide sind große Fans von Feists berühmten „Red Demos“, während ihre beeindruckende Stimme perfekt zu Eirik und Erlend passt und ein Feeling von zusätzlicher Spannung und Emotion einbringt. „Ihr Gesang ist unglaublich“, schwärmt Erlend. „Auf ‚Build Up’ bin ich besonders stolz. Zum ersten Mal ist es uns gelungen, etwas spontan zu machen. Feist schrieb den Text eine Stunde, bevor sie ihn sang, und das Stück klingt anders als alles, was wir je zuvor aufgenommen haben.“

Ursprünglich sollte „Riot …“ „Republic Of Two“ heißen – eine beinahe perfekte Metapher für zwei so unterschiedliche Lebensstile, getrennt durch die räumliche Distanz und doch verbunden durch ihre Musik. Bis sich herauskristallisierte, dass sich ein anderes Album selben Namens bereits in Planung befand. Danach stand der Titel „Dire Straits“ zur Diskussion; wären da nicht ein Greatest Hits-Album sowie ein zu befürchtender Prozess seitens der Band gleichen Namens gewesen. Also einigte man sich auf „Riot On An Empty Street“ … benannt nach einem bislang noch nicht veröffentlichten Kings-Track. Aus welchem Grund? Nun, dies ist ein weiteres Geheimnis aus der Welt der Kings Of Convenience, das es zu entschlüsseln gilt.

Da hätten wir sie also: die Kings Of Convenience 2004. Ein Therapeut und ein singender DJ-Superstar; ein seltsames Paar, und doch nach wie vor die beste (alte) neue Akustikband der Welt. „Riot On An Empty Street“ ist ihre eigene Zweier-Republik, das Reich von Eirik und Erlend. Ein großartiger Ort, den man auf jeden Fall hin und wieder besuchen sollte.

labelsmusic.de