Wenn sich ein Journalist und ein Musiker zu Flammkuchen und Apfelschorle treffen, handelt es sich in den meisten Fällen um geschickt getarnte Verkaufsgespräche. Musiker, besonders Sänger, sind fast ausnahmslos erstklassige Selbstdarsteller und damit Profis in Sachen Promo und Verkauf. Das Produkt, das verkauft werden muss, kennen sie wie kein Anderer, denn das Produkt sind sie selbst! Also raus mit den Infos über die beste Platte der Welt, den Superproduzenten, das Traumduett und die tolle Zeit im Studio. Und dann das! 60 Minuten Sonnenschein und lieblicher Großstadtlärm – ohne Auswendig gelernte Antwortfloskeln, divenhaftes Weltverbesserungstum und pseudo-intellektuelle Gutmenschlichkeit.

Akki Bosse ist Exil-Braunschweiger in Berlin, kann schlecht Gitarre spielen und trotz zwölf Jahren Klavierunterricht auch dieses Instrument nur sehr unterklassig bedienen. Das ist aber egal, weil er die Dinger eh nur braucht, um Songs darauf zu schreiben. Die Welt, die er in seinen Songs beschreibt, stimmt hinten und vorne nicht, aber Bosse ist kein Gesellschaftskritiker und die Botschaft seiner Platte ‘Kamikazeherz’ soll eigentlich eine positive sein. “Grundsätzlich ist meine Welt in Ordnung. Nur manchmal eben nicht. Und in diesen extremen Situationen schreibt man dann solche Texte. Trotzdem kann ich am nächsten Tag um elf aufstehen, mit meinen Homies auf den Fußballplatz gehen und zehn Buden machen.”

Bosse will den Rock’n’Roll nicht neu erfinden. “Wann soll ich das denn machen? Dazu habe ich doch gar keine Zeit!” Als er loszieht, um sich Musiker zu suchen, die ihm helfen sollten, sein Album einzuspielen, weiß er nicht, dass die drei die er findet, schon seit einem Jahrzehnt voller Druck (wie ein Herrenschlüpfer bei Cheerleadermeisterschaften) die bundesdeutschen Bühnen rocken. Als Kind Tot,
Heyday und Uncle Ho haben Björn, Theo und Thorsten in verschieden Kombinationen zusammengearbeitet und damitvgenau die Erfahrung und den Punch, der aus einem 25-jährigen Alleinunterhalter ein Mittelgewicht mit Alurückgrat macht. Live überzeugt Bosse sogar seine Kritiker, gerne auch die mit vergangener Irokesenhaar-Jugend und eingewachsenen Nietengürteln.

Als ich ihm die Vorlage biete, über sein Duett mit der hochgeschätzten Paula-Sängerin Elke Brauweiler zu schwärmen, erzählt er, wie scheiße ihre Stimmen im Studio zusammengepasst hätten und dass man ewig daran rumschrauben musste, bis es okay war. “Ich glaube, wir haben die eine Stimme jetzt nach rechts gepackt und die andere nach links, und dann war´s schön.” Statt dann sein eigenes Album tot zu loben, weiß Bosse schon, was er beim nächsten Album anders machen wird. Und das einen Monat bevor sein Erstling überhaupt veröffentlicht wird! Immer wieder fallen Worte wie ‘Ehrlichkeit’ oder ‘schnörkellos’. Und anders, wie bei den Produktionen der Maffays und Westernhagens dieser Erde, die so etwas IMMER für sich in Anspruch nehmen, werden diese Attribute in diesem Fall NICHT vergewaltigt. Tatsächlich klingt Bosses Debüt fast ein wenig wie live aufgenommen und nicht zu Ende produziert.
Ich spreche ihn auf Drogen an, und er weist alles weit von sich. Vielleicht wenigstens jetzt ein abgestandener Anti-Drogen-Monolog? Aber nix da! “Ich habe einen eindeutigen Hang zu Drogen und Alkohol. Ich dürfte NIEMALS koksen. Das darf nicht passieren. Ich weiß genau, das wäre super für mich!”

Als ich wissen möchte, ob er das Gefühl hat, dass sich gerade was tut in der deutschsprachigen Musikszene, winkt er ab. “Gute Musik gab es immer. Ich hatte in den letzten sieben Jahren nicht einen Tag, an dem ich dachte, dass sich nichts bewegt. Ich rede ständig mit Kollegen, die Kette geben und frickeln. Ich glaube auch nicht, dass der Konsument schlauer geworden ist. Die Tatsache, dass Musik mit Inhalt und Aussage gerade beliebter ist als früher, hat eher was damit zu tun, dass hier ein Tor aufgeschlagen wurde, das bislang verschlossen war. Diese Musik erreicht auf einmal Leute, die vorher gar nicht wussten, dass es sowas gibt. Meine kleine Nachbarin hat letztes Jahr noch DJ Bobo gehört, jetzt hat sie ein Wir Sind Helden-Plakat im Zimmer hängen, und ist Fan.”
Falls wir es am Ende den Helden zu verdanken haben, dass Bosses Poster in zwei Monaten im Zimmer seiner Nachbarin hängt und wir damit der guten Welt alle ein wenig näher sind, auf jeden Fall aber für den leckeren Flammkuchen, den er gezahlt hat: Vielen Dank!

Text: Yessica Yeti