(Foto: Deirdre O'Callaghan)

The National am 4.11.2013 in der Max-Schmeling-Halle

Auf der übergroßen Leinwand hinter der Bühne fangen blaue Quadrate an zu funkeln an und transformieren sich. Immer deutlicher kann man dazwischen die Gesichter der Bandmitglieder sehen. Sie stehen in einem kühlem Gang vor Betonwänden, trinken Wein (also Sänger Matt Berninger, klar!) und Bier. Dann begreift man, dass gerade live aus den Katakomben der Max-Schmeling-Halle übertragen wird. The National betreten die Bühne, hinter ihnen bleibt der Kameramann am Rand stehen.

Das Publikum erstillt, die Saiten fangen an zu vibrieren. Und der famose Bariton von Berninger gräbt sich durch die Luft.

Wikipedia sagt schon im ersten Satz des Artikels über die Band, dass diese „schwer zu interpretieren“ sei. Es gibt keine bessere Methodik um eine Band zu „interpretieren“, als auf ein Konzert zu gehen. Nüchtern! Oder? Spätestens gegen Ende des Konzertes ist sogar Berninger voll wie eine Haubitze. Scheint jedenfalls so.

In Interviews liest man den Graumelierten sagen, er habe sein Alkoholkonsum im Griff und denke daher gar nicht daran, die Trinkerei auf der Bühne einzudämmen. Trotzdem hat man das Gefühl, dass selbst das Teil der Show ist, fast wie einstudiert. Berninger benimmt sich nicht daneben. Stilvoll saufen! Auch eine große Kunst.

Ich für meinen Teil war nüchtern und unvoreingenommen. Ich mochte die Band immer schon ganz gerne, doch richtig umgehauen hatten mich die Jedermanns Lieblinge nie. Dass sich das ändern würde, kann jetzt sicher jeder ahnen.

Nüchtern also,  aber: Um mich herum sich knutschende Paare. Viele! Das ist an und für sich schon eine schlechte Kombi, doch angetrunken würde man sich doch auch nur in unnütze Sentimentaliäten hiefen. Bei einem Konzert von The National käme man gar nicht drum herum! Diese das letzte Fünkchen positiver Gedanken vernichtende Musik. Und um die soll’s ja gehen…

Es ist erstaunlich, wie Berninger seine Introspektive nach außen kehren kann. Wie er den Wein in sich und sein Inneres ausschüttet. Was da lyrisch zu Tage tritt bleibt oberste Liga. Wenige Bands fallen mir ein, deren Lyrics eine derartige psychologische Tiefe transportieren können. Ich hoffe um mich herum können sich nicht all zu viele angesprochen fühlen.

Diese Intimität in eine große Halle zu tragen ist kein leichtes Unterfangen. The National haben es geschafft, das ist und bleibt der größte Verdienst. Die Frage ist nur, warum so viele Menschen in ein Stadion pilgern, um sich von dieser Trauermusik in Depressionen stürzen zu lassen. Was ist eigentlich der Reiz daran? Eine ganz grundlegende Frage! Und ich rede zu hundert Prozent auch von mir. Warum gehen wir nicht zum Samba Tanzen oder auf einen Glitzer-Im-Gesicht-Alles-Ist-Gut-Rave. Okay, letzteres machen wir auch. Trotzdem: woher kommt die Faszination für durchweg traurige Musik? Geht es uns so schlecht?

Das sind die Texte einer materiell abgesicherten, im Leben stehenden White-Collar-Klasse, die trotzdem bis zum Hals in Problemen steckt -oder so tut als ob. Glück ist nicht verwandt mit Bildung und schon gar nicht mit Wohlstand.

Die Analysen des menschlichen Zusammenlebens und was daran nicht funktioniert, der Streits und der Tristesse unter den Leuten füllen nun immerhin schon sieben Alben. Scheint also eine Menge im Argen zu liegen. „It takes a world to settle down“ und „it takes an ocean not to break“

 


The National – Sea of Love on MUZU.TV.

 

Diese Songs richten einiges an. Im Kopf und an der Haut. Die Setlist verläuft quer durch die Karriere der Band. Alle Songs werden gleichermaßen euphorisch angenommen, was für eine durchweg konstante Qualität spricht, nicht aber gegen das Argument, dass die Alben von „The National“ (2001) bis „Trouble Will Find Me (2013) etwas monoton klängen. Von der Live-Wahrnehmung sprechend, kann ich diese Vermutung nicht unterschreiben. Song für Song bohrt sich die Stimmung ihren Weg, die The National als ganz besondere Band auszeichnet und den bemerkenswerten Erfolg rechtfertigt. Dazwischen geschobene „Stimmungsknaller“ würden alles zerstören. Gott sei dank gibt es keine.