Drei Tage lang Rammstein live in Berlin

Wer schon alles gesehen hat, geht zu Rammstein. Wer dann denkt, er hätte schon alles gesehen, geht beim nächsten Mal wieder hin und wird eines Besseren belehrt. In einer unfassbaren Entertainmentschlacht – irgendwo zwischen Las Vegas und Disneyland – zeigen die sechs ostdeutschen Pathosrocker, was internationales Niveau ist, und das NUR SIE und niemand anderer in Deutschland bereit und der Lage ist, so etwas zu produzieren.

Während der Rest der ersten nationalen Musikliga lieber mit “guter Musik” überzeugen möchte und der Höhepunkt der abendlichen Fanbelustigung das Reinrollen eines Holzklaviers, eine 40 Meter lange Lichterkette oder das Wechseln des gesponserten Designersakkos ist, wird bei Rammstein alles rausgehauen was der örtliche Stromanbieter so zulässt. Plötzlich erscheint einem das Mysterium des weltweiten Erfolges einer Band, die deutsche Texte singt, komplett entschlüsselt. Die Vorstellung, dass ein James Hetfield oder eine Madonna, die selbst Großes auf dem Gebiet der Volksbelustigung geleistet haben, irgendwo auf der Welt eine Rammstein-Show erleben und sich anschließend respektvoll davor verbeugen, scheint jedenfalls wahrscheinlicher als ein komplett geflashtes internationales Musikkomitee auf einem Grönemeyer-, Hosen-, oder Westernhagen-Konzert.

Neben dem alten Material spielen Rammstein insgesamt sieben Nummern aus ihrem schwachen aktuellen Album “Reise Reise”, und es wird NICHT langweilig. Die Mischung aus Frischem und Abgehangenem geht perfekt auf. Die neuen Stücke wirken live härter als auf Platte und das akustische “Los” macht einen schönen Umweg auf dem Weg durch das Programm.

Das Szenario, in dem sich Rammstein exhibitionieren, erinnert an das Set des Gefängnisplaneten aus “Alien 3”. Auf zwei Etagen sprengen, brennen und grillen sich die Musiker durch den Abend und lassen sich mit einer modernen Variante des “Lifta Treppenliftes” zwischen den Ebenen auf und ab befördern.

Nach dem Opener “Reise Reise” spielen Rammstein schon als zweite Nummer “Links”. Eine frühe Erinnerung an alle Ultrakurzhaarfrisur-Träger mit Lähmung im rechten Arm, dass sie sich auf dem falschen Konzert befinden und auf Grund dieses Umstandes nachgewiesenermaßen auch die dümmsten ihrer Gattung sind.

Keyboarder Flake taucht hin und wieder mit einer Art Stehrollstuhl auf der Bühne auf, mit dem er völlig sinnlos und deshalb chefkomisch hin und her cruist. Neben Keyboard spielen und Keyboard zerschlagen sind Flakes weiteren Aufgaben: Akkordeon tragen, schlecht Tanzen, sich in einem mannshohen Kessel von Sänger Till flambieren zu lassen und anschließend zu flüchten, um nicht gegessen zu werden. Flake ist der Haupttransporteur der Ironie dieser Show – er ist der Harpo Marx der Rammstein Brothers. Und dabei scheint es ihm egal zu sein, ob man ihn für einen klugen Soundtüftler oder so etwas wie den ehemaligen Tänzer von Boney M. hält.

Er und das absurde bayerische Lederhosenoutfit von Gitarrist Paul erinnern uns daran, dass Rammstein mehr sind als die große harte Rockband. Rammstein übernehmen die zugeteilte Aufgabe, die Verkörperung eines bestimmten Images gerne und bauen diese Illusion perfekt auf, nicht aber ohne zu vergessen, in regelmäßigen Abständen an das eigene, schöne, starke Denkmal zu pinkeln. Um dieses Denkmal aufzubauen, bedient sich die Band an einer superlativen Menge von Sprengstoff und Licht, der Hilfe unzähliger Mitarbeitern und jeder Menge mit Technik gefüllter Trucks.

Persönliche Worte an das Publikum gibt es an diesem Abend kaum. Wenn die Maschine erstmal rollt, dann rollt sie wohl. Am Ende des Abends wird sich die Band zu südamerikanischer Folklore-Musik lange von ihrem Publikum verabschieden und die Bühne verlassen, ohne ihren größten Hit “Engel” gespielt haben. Niemand wird darüber verärgert sein. Denn alles, was bis dahin passierte, rockte, klang erstklassig und hat die Sinne seines Publikums so weit erschöpft, dass das Augenjucken und Ohrenpfeifen einen Hit weniger dankbar erträgt.

Text: Yessica Yeti