Besonders eilig haben es Lambchop noch nie gehabt – weder mit dem Tempo ihrer Songs, noch mit deren Veröffentlichung. Alle zwei Jahre etwa kommt ein neues Album, darauf sind dann mit ziemlicher Sicherheit ruhige Songs mit pointierten Texten – so ironisch wie empathisch – zu hören. Die Fans freuen sich, die Kritiker auch (wenn sie nicht gerade anderweitig nach Trüffeln graben oder vermeintlichen Stillstand beklagen), und kurz darauf kommen die unzähligen Musiker um den ehemaligen Fliesenleger Kurt Wagner aus Nashville, Tennessee, dann auf Konzertreise – gerne auch nach Deutschland. Dieses Jahr übrigens mal mit einem polnischen Streicherquartett. Dass die jüngste Vergangenheit aber – trotz bevorstehender Hochzeit – nicht nur rosige Zeiten für Wagner beinhaltete, deutet der Titel des neuen Lambchop-Albums schon an: “Damaged” heißt das nämlich, also in etwa “beschädigt”. Aber da Kurt Wagner niemand ist, der seine privaten Wehwehchen vor der Öffentlichkeit ausbreitet, bleibt es auch im folgenden Interview mit ihm und Lambchop-Gitarrist William Tyler bei einer Andeutung, einer Ahnung von Tragödie. Und aber vor allem der Bestätigung dessen, was man als Fan der Musik von Wagner (Kurt) ohnehin schon weiß: Lambchop ist, wenn man trotzdem schmunzelt.

Kurt, wusstest Du eigentlich, dass Du ein Superheld bist? [Kurt Wagner a.k.a Nightcrawler ist einer der Mutanten von den X-Men]
Kurt Wagner: Yeah… Ich habe ein paar Anrufe bekommen… [lacht] Anscheinend habe ich blaue Haut und einen Schwanz!

…und siehst in etwa so aus? [Ein Bild vom “Nightcrawler” wird hervorgekramt]
KW: Yup, that’s me! Allerdings habe ich leider die Handschuhe verloren… [Der Nightcrawler hat sehr beeindruckende weiße Superheldenspezialhandschuhe]

Verdammt, die Überraschung ist also geplatzt!
KW: …außerdem versuche ich anscheinend, den Präsidenten ausradieren. Aber das wird wohl nicht passieren…
William Tyler: Wo kommt das denn her?
KW: X-Men II oder so. In der ersten Szene versuche ich, den Präsidenten umzubringen… Vielen Dank, Marvel Comics!

Hättest Du gerne übermenschliche Kräfte?
KW: Das hängt wohl davon ab, wie sie beschaffen wären. Aber: ja, ich könnte schon etwas Hilfe gebrauchen, im Moment [lacht].

Wo ich gerade Deine Baseball-Mütze sehe [auf der eine Kuh abgebildet ist]: Ich habe gelesen, dass Du nicht nur Hunde hast, sondern auch Pferde?
KW: Nein, keine Pferde – nur drei Hunde.

Also ist das mit den Pferden nur ein falsches Gerücht…
KW: Total!
WT: Kentucky ist der große Pferde-Staat…
KW: Obwohl: “Tennessee Walking Horses” [eine für ihre Ausgeglichenheit und Umgänglichkeit bekannte Reitpferd-Rasse]
WT: Oh, ja. Noch sind wir nicht so weit, aber eines Tages werden wir alle Ranches besitzen und Pferde züchten…
KW: Genau: Woo-Hah!
WT: Wobei das wahrscheinlich ein riskanteres Unternehmen wäre, als die Musik! Wir wären also besser beraten, unsere Finger von der Pferdezucht zu lassen…
KW: Ja, aber vielleicht Strauße?
WT: Stimmt, das ist in Tennessee gerade recht angesagt!
KW: Und außerdem legen sie diese großen Eier, aus denen man gigantische Omelettes machen kann! Die sind super!
WT: …was natürlich auch perfekt zur amerikanischen Mentalität passt: groß = gut!

Apropos Amerika: Wenn ihr nach der Idee hinter dem Namen “Lambchop” gefragt werdet, denken die Leute in eurer Heimat vermutlich als erstes an diese Handpuppe, oder?
KW: Ja, aber wir haben uns nicht danach benannt. Marc Trovillion, einer der Typen aus der Band, und ich kamen vom Lunch zurück, und er las eine Zeitung. Marc liest gerne merkwürdige Wörter und Formulierungen laut vor, und irgendwann stolperte er über das Wort “Lambchop”. Das schien ihm interessant… Ich habe es dann an verschiedenen Leuten ausprobiert, um zu sehen, wie es wirkt. Und was ich dabei herausfand, war: Wenn Frauen, insbesondere schöne Frauen, dieses Wort sagten, dann lächelten sie im Anschluss meistens, anstatt die Stirn zu runzeln. So auch meine zukünftige Frau. Also dachte ich – Hey, vielleicht ist das ein ganz guter Name! Außerdem schien er mir andererseits blöd genug, so dass niemand sonst ihn verwenden wollen würde, und wir uns folglich keine Sorgen machen müssten, verklagt zu werden. Und: Hey, wir sind nicht die erste Band, die sich nach etwas benennt, das an eine Kindersendung erinnert! Belle & Sebastian fallen mir ein, oh, und “Das Omen” natürlich… [lacht] Entschuldigung, das war natürlich nur Spaß!

Glaubt nicht, wir hätten nicht versucht, zu recherchieren, wie oft ihr diese Frage schon gestellt bekommen habt, und ob sie nicht sogar schon zufriedenstellend beantwortet worden wäre… Dabei haben wir herausgefunden, dass es drei unterschiedliche Lambchop-Websites gibt: “Lambchop.tv” ist die für die Stoffpuppe, ihr seid “Lambchop.net” – und dann gibt es noch “Lambchop.com”, wo man zum Beispiel deutsche Wurst kriegen kann!
KW: Wirklich? Ich habe die noch nie besucht – ich dachte, es wäre eine Pornoseite! Aber da ist doch klar: Wir teilen uns mit den anderen Leuten keineswegs die Tätigkeitsfelder. Es besteht also keine Verwechslungsgefahr…

OK, zur Platte: Im ersten Song geht es um eine Radio-Show…
KW: Genau, so eine Art Radio-Version von eBay, wo Menschen Dinge austauschen können. Sie können “On Air” gehen und sagen, wonach sie suchen, oder was sie anbieten. Der Song basiert auf Anzeigentexten, die in dieser Sendung vorkamen.
WT: Die Sendung läuft auf dem lokalen Sender einer wirklich kleinen Stadt in Tennessee. Man ruft dort an, hinterlässt sein Angebot oder Gesuch auf einer Art Anrufbeantworter, und das wir dann einfach ausgestrahlt – stundenlang! Das ist so monoton, dass es fast schon hypnotisierend wirkt.

Also gibt es keinen Moderator oder so?
WT: Doch, ich glaube, der Besitzer des Senders ist der Bürgermeister der Stadt oder so?
KW: Nicht der Besitzer, er moderiert nur diese Sendung!

Vielleicht ist dies eine Frage, die ihr in Amerika nicht gestellt bekommen würdet – aber: Was ist ein “Paperback Living Bible”?
KW: Nun, ich denke, das geht auf die Siebziger zurück. Damals versuchten einige religiöse Organisationen, die Jugendlichen für ihre Arbeit zu interessieren. Und um Religion als “hip” und zeitgemäß erscheinen zu lassen, setzten sie einfach das Wort “Living” vor den Titel der Bibel. Um zu verdeutlichen, dass es weder das “Alte Testament”, noch das Neue ist, sondern das “Neue Neue Testament” – oder irgend so ein Scheiß… [kichert].

Apropos “alt und neu”: Die neue Platte heißt ja “Damaged” – was hat es zu bedeuten, dass der Albumtitel in der Vergangenheitsform steht? Geht es um Katharsis?
KW: In einem gewissen Maße, ja. Es scheint einfach, als hätte vieles, was in meiner Welt, meinem Leben so vor sich gegangen ist, dieses “Thema” [lacht]. Aber die Idee, dass die “Beschädigung” in der Vergangenheit liegt ist sicherlich sehr viel angenehmer, als wenn sie in der Gegenwart stattfinden würde – und hoffentlich kommt sie nicht noch in der Zukunft auf mich zu! [lacht]

Eine andere Sache, die auffällt: Anscheinend nennt ihr eure Alben gerne nach bahnbrechenden Platten anderer Künstler – ihr hattet schon eine “Thriller” wie Michael Jackson, jetzt “Damaged” – da fällt so manchem bestimmt das erste Black Flag-Album mit Henry Rollins ein…
KW: Yeah, man – that’s a great record! Die Sache mit “Thriller” war etwas, hm, frühreif. Aber in letzter Zeit habe ich tatsächlich viel Black Flag gehört! William hat vor kurzem in dieser Black-Flag-Coverband gespielt, wie hieß die noch?
WT: American Waste
KW: Ja, und weil Nashville nach dieser Art von Musik ziemlich ausgehungert ist, hätten sie, nun ja, durchaus gemäßigten Erfolg einfahren können… Jedenfalls habe ich auch dieses Rollins-Buch “Get In The Van” [über seine Tour-Erlebnisse mit Black Flag in den frühen Achtzigern] gelesen – was klasse ist! Die Rollins-TV-Show ist aber echt schlecht…
WT: Oh ja, es ist so schwer, ihn ernst zu nehmen!

Aber mögen kann man ihn trotzdem – im Gegensatz zu einem gewissen Nathan Bedford Forrest. Dass Du den hasst, singst Du ja im letzten Song des Albums, “The Decline Of Country And Western Civilization”. Ich habe nach ihm gegoogelt, und dabei herausgefunden, dass er unter anderem an der Gründung des Ku Klux Klans beteiligt war…
KW: Ja. Da gibt es also nicht viel zu mögen, oder? Er ist eine schwierige Gestalt in der regionalen Geschichte…
WT: Er ist ein Held des reaktionären Südens; Idol der Leute, die der Sklaverei nachtrauern.

In dem Song gibt es außerdem die Textzeile “They say: ‘Put an end to all your joking/ You lost your friends when you quit smoking'”.[Das zweite Lambchop-Album hieß “How I Quit Smoking”] Das klingt ein wenig nach einer Anspielung auf eure Position in der Musikszene von Nashville. Habt ihr viele Schwierigkeiten mit “Country-Puristen”, die euch den Humor und die Ironie in eurer Musik übel nehmen?
KW: Oh, es ist nicht annähernd so kompliziert [lacht schallend]. Ich habe tatsächlich mehrere Male versucht, mit dem Rauchen aufzuhören – und mich jedes Mal in ein tobendes Arschloch verwandelt! Aber ja, ab und an kriegen wir so etwas schon zu hören, und ich bin sicher, dass mich irgendjemand irgendwo für irgendetwas hasst, das ich tue. Und es ist immer gut, mehrere Bedeutungsebenen zu haben…

Wie kommt es, dass der Buchstabe “P” deiner Meinung nach einen Aufstieg und Fall hinter sich hat?
KW: Och, auf der Tastatur des Computers kann man ein großes und ein kleines “P” machen. Und wenn man die abwechselnd tippt…

…dann ist das wie Aufstieg und Fall?
KW: Ja! [lacht schallend)! Pretty heavy stuff!

Das machst du also in deiner Freizeit…
KW: Yup, ich sitze da, tippe PpPpPpPpPpPpPp…
WT: Wie in “Shining”….
KW: Genau, und meine Frau kommt vorbei und fragt: “Was machst du, Honey?” Und ich: PpPpPpPpPpPp… “Nichts, Schatz!”

[allgemeines Lachen]

Wie steht ihr eigentlich zur Stille? Genießt oder fürchtet ihr sie?
KW: Oh, man – das ist doch das beste auf der Welt! Allerdings gibt es doch eigentlich nie wirkliche Stille.
WT: Ich glauben nicht an Stille; ich finde sie deprimierend.
KW: Wirklich?
WT: Aber das kommt daher, dass wir früher, als ich ein Kind war, einen uralten, wackeligen Ventilator hatten, der einen unglaublichen Lärm machte. Und ich habe mich so daran gewöhnt, dass ich heute nicht einschlafen kann, ohne irgendeine Art von Hintergrund-Geräusch um mich herum. Deshalb finde ich die Stille beängstigend!
KW: Mir gefällt es, wenn alles etwas ruhiger ist – auch wenn das selten der Fall ist. Im Studio, wenn wir aufnehmen: Das ist der Moment, wo ich der Stille am nächsten komme – wenn nur ich in der Kabine stehe und meinen Gesang aufnehmen soll… Du hast recht, das ist beängstigend! [lacht schallend]
WT: Da kommt einem sogar das eigene Atmen unangemessen laut vor… Aber ich mag Platten, bei denen man Dinge wie das Atmen des Sängers, oder ein Kratzen auf den Saiten der Gitarre hört – das gibt dem Ganzen etwas menschliches! Diese ganzen modernen Country-Platten… Da können sie so viele akustische Gitarren benutzen, wie sie wollen – es klingt trotzdem so, als wäre es von einer bösartigen Maschine künstlich erzeugt worden. [Gelächter] So perfekt! Ich meine, wo ist die Person, die Fehler macht und Individualität reinbringt?

Die Stille ist aber schon wichtig für Lambchop, oder? Oft ist es ja bei euren Songs so, dass die Musik sehr ruhig ist, sanft und leise – was dann dazu führt, dass die “schlimmen Worte”, die “bad words” der Songtexte um so mehr Gewicht haben. Ist das eine bewusste Strategie?
KW: Ja ja, dadurch kommen die Schwächen meiner Texter-Fähigkeiten sicher mehr zur Geltung… Aber der Hauptgrund ist, dass ich keine besonders starke Stimme habe. Und damit die nicht zu sehr in den Hintergrund gerät, musste die Musik eben entsprechend leise sein…

Oh, ich glaube, hier gibt es ein Missverständnis: Ich meinte mit “bad words” nicht die “schlechten” oder schlecht geschriebenen Texte, sondern natürlich die Schimpfwörter und Dinge wie…
KW: Du meinst sowas wie “Shit” und “Fuck” – and shit like that? Ja, das kommt dadurch ebenfalls mehr zur Geltung…

Ich will nur noch mal klarstellen, dass das keineswegs die Beleidigung sein sollte, als die es hier anscheinend angekommen ist…
KW: Nee, nee, alles klar – ich denke, ich wusste gleich genau, worauf Du hinauswolltest. Das war nur ein kleiner Scherz [grinst]. Aber es ist natürlich was dran: Ich habe wirklich einen begrenzten Stimmumfang, und da unsere Band mitunter recht groß ist, würde ein Typ, der zwischen all den Musikern sitzt und vor sich hin murmelt, schlicht untergehen. Außerdem kann man so auch die vielen kleinen Dinge, die in unserer Musik vor sich gehen, viel besser wahrnehmen, als wenn sie unter einer Lärmwand verschüttet wären…

Interview: Rebekka Bongart & Torsten Hempelt
Text: Torsten Hempelt
Foto: Steve Gullick