Die Varianten “Musik aus Deutschland” und “Musik mit deutschen Texten” sind in den meisten Fällen Bastarde ihrer englisch singenden Idole aus Übersee. Nur wenig nach dem Krieg Produziertes hatte so viel regionale Identität, dass es hier und international das Prädikat “deutsche Musik” bekam. Ein Gütesiegel, auf das die meisten bis heute auch gerne verzichten! Der Mangel an Geist und Geistesträgern, die von den Nazis erschlagen, erstickt, vergewaltigt, zerbombt und (da, wo das Glück half) ins Exil gejagt worden waren, zwang uns, auf die Kultur unserer Besatzer zurückzugreifen. Der Rock’n’Roll gewann den Kampf gegen etwas, was nie zu Entstehung kam. Er brauchte sich nicht einmal die Ärmel hochzukrempeln, er hatte keine Gegner. Seitdem versucht die “Karaoke-Bar Germany” die Nummer 1 im “Look-a-Like-Amerika-Contest” zu sein und zu bleiben. Der Freak ist da flexibler, der mag englische Musik!

Das Schaffen von Bands wie Kraftwerk, D.A.F. und Rammstein wird extrem mit hiesiger Kultur und Lebensart, und diese wiederum mit Genauigkeit, Stumpfheit und einer gewissen Härte assoziiert. Kaum Beachtung finden dabei der Humor und die Respektlosigkeit, mit der sich diese Kapellen mit unserem vermeintlichen Naturell und unseren “Tugenden” schmücken, um sich dann über selbige herzumachen und sie damit hintenrum neu zu definieren. Rammstein haben dieses Prinzip perfektioniert. Sie sind deutscher als Deutschland selbst, und degradieren sich und dieses Bild der Bundesrepublik damit zum Comicstrip, zum Kunstprodukt, zum monumentalen Abziehbild. Wer so deutsch ist, muss ein Nazi sein!

Warum wird diese Nazi-Diskussion immer noch um euch geführt?
Richard: Wahrscheinlich sind wir einfach zu oft aufgestanden, wahrscheinlich war das einfach zu viel. Wir haben immer wieder gesagt, dass wir nichts damit zu tun haben.
Schneider: In JEDEM Interview!
Richard: Immer wieder “Nein, nein, nein”. Die wollten die Wahrheit doch gar nicht hören. Die Antwort auf die Frage hat doch niemanden interessiert.

Habt ihr das mit MIA. mitbekommen? Die hatten ja ganz ähnlichen Stress am Hals. Die sind sogar durch die autonomen Zentren gezogen, um sich zu erklären.
Schneider: “Was Es Ist”? Das Lied kenne ich. Weil darin Schwarz/Rot/Gelb vorkommt (kopfschüttelndes Lachen)? Deutschland müsste man doch mit dem Knüppel auf den Kopf schlagen. Da braucht man ja eine Brechstange, um etwas zu bewegen! Man muss doch als Künstler auch die Möglichkeit haben, mit diesem Thema spielerisch umzugehen. Wir hatten niemals was mit der rechten Szene oder irgendwelchem Rechtszeug zu tun. Wonach wir suchten war die Antwort auf die Frage, wie eine deutsche Band klingen kann? Dabei ist Rammstein rausgekommen!
Richard: Es gibt eine Tür, da steht Humor drauf. Wenn man es schafft, diese Tür zu öffnen, ist man auch in der Lage, über sich selbst zu lachen. Das mussten wir als Rammstein auch erst lernen, wir konnten das auch nicht von Anfang an. Wir haben es geschafft, ein gewisses Selbstbewusstsein zu erlangen, um Dinge auch humorvoll zu sehen und vorzutragen. Dass die Deutschen es schaffen, über sich selbst zu lachen, das ist das Ziel. Das müssen wir erreichen! Ich glaube, Humor ist eine wichtige Sache.

Ich persönlich muss ja unheimlich viel lachen, wenn ich Rammstein höre. Die Textzeile “Du bist, was du isst” in einem Lied über Kannibalismus – wie lustig ist denn das?!
Schneider:
Was meinst DU denn! Wenn wir die Sachen zum ersten Mal im Proberaum hören, lachen wir uns kaputt! Wir lachen schon beim Schreiben.
Richard: Man muss natürlich fairer Weise sagen: Wir haben es gelernt! Am Anfang von Rammstein war alles voller Aggressivität und wir mussten uns ja auch selbst was beweisen.
Schneider: Dabei waren wir aber auch komisch!
Richard: Genau, aber wir wussten es nicht. Jetzt ist das anders!
Schneider: Zum Beispiel der Gesang von “Mein Teil” (aktuelle Single). Wenn man am Anfang den Sound der Stimme hört (hält sich den Hals zu und quäkt).
Richard: Wenn ich eine Band auf der Bühne sehen würde, bei der der Sänger seinen Plastedödel rausholt, um den Keyboarder zu ficken… Da müsste ich auch lachen!

Aber auf der Bühne wird ernst geguckt und ihr müsst das zwei Stunden lang durchziehen.
Schneider: Aber dort fühlen wir uns ja auch wie eine richtige Rockband. Wir sind ja kein Comedy-Theater. Im Vordergrund stehen immer Power und ein monumentales Gefühl.
Richard: Ja genau, anders funktioniert es doch auch nicht. Wären wir nicht ERNST auf der Bühne, wäre der Witz doch AUCH weg. Dann gäbe es für dich nichts mehr zu lachen.

Ich durfte mal miterleben, wir ihr auf einer Hochzeitsparty “Sonne” in der griechischen Version aus der Bullyparade gespielt habt.
Richard (lacht): Jetzt holst du aber richtig aus!

Würdet ihr so was in einer Fernsehshow machen?
Richard: Das würde ich jetzt erstmal nicht grundsätzlich mit nein beantworten. (lange Pause) Du musst dir Rammstein anders vorstellen! Spontan kann so etwas IMMER passieren. Dieses strategische Handeln, auf das wir so oft angesprochen werden, gibt es eigentlich gar nicht. Viele Dinge passieren einfach so.
Schneider: Wenn wir in der Band merken: “Das wäre jetzt cool, das so zu machen”, muss man der Band einfach vertrauen. Wir haben ein gutes Gespür dafür, was gut für uns ist.

Wie soll die neue Platte eigentlich heißen?
Richard: Oh Gott! Wir hatten den Arbeitstitel: “Reise Reise”. Dann sind wir alle alten Plattentitel noch mal durchgegangen. “Herzeleid” – “Sehnsucht” – “Mutter” und dann “Reise Reise”? Das hört sich einfach scheiße an. Dann kam noch jemand mit der englischen Übersetzung: “Trip, Trip” (alle lachen) – das war’s dann! Wir haben noch keinen Titel.

Ihr müsst alle eure musikalischen Helden mittlerweile getroffen oder live gesehen haben. Freude? Ernüchterung?
Richard: Das erste Mal, als ich Martin Gore von Depeche Mode getroffen habe, das war so ein Moment…! Da hat er meine Hand geküsst! Das fand ich irgendwie cool. Aber am Liebsten hätte ich mal Bon Scott getroffen.
Schneider: Ich war kürzlich bei D.A.F. Anfang der Achtziger war das für mich das Härteste, was es gab. Das war so böse und so kalt. Ich habe mir vorgestellt, wie es da live abgehen muss. Eine Halle voller wilder, tobender Menschen, Elektrosound und ein Gott auf der Bühne, der diesen irren Sprechgesang intoniert. Naja – es war bestimmt kein schlechtes Konzert. Aber es hat mich nicht so richtig gebügelt. Da sterben dann Legenden!
Richard: Ein Held braucht Fantasie und Distanz. Wenn man sich dann näher kommt, geht der Pathos kaputt. Das ist immer so.
Schneider: Im Osten kamen wir an unsere Helden nicht ran. Unsere Tapes waren dumpf, klangen schlecht, leierten und waren tausend Mal gehört. Wir konnten nicht auf Konzerte, es gab nur abfotografierte Bilder. Allerdings klangen diese Tapes manchmal noch cooler als wenn man dieselben Lieder heute auf einer CD hört. Da klingt alles so durchsichtig und man fragt sich, warum man das mal gut gefunden hat. Ich bin definitiv kein Retrohörer. Ich dachte, ich müsse mir all die Sachen noch einmal kaufen, die ich früher gern gehört habe.
Richard: Funktioniert nicht!
Schneider: Du legst die Musik ein und ärgerst dich! Der Film, den man zu diesen Liedern im Kopf hat, fängt zwar an zu laufen, aber man braucht die Musik nicht zu besitzen. Man hat sie hier (zeigt auf seine Brust) und in seiner Erinnerung. Und da ist sie auch schön!

Ihr seid die bekannteste deutsche Musikmarke weltweit. Hier geht ihr unerkannt beim thailändischen Gemüsehändler einkaufen und in der Gala steht auch nichts über euch. Nervt das?
Richard: Wenn man auf eine Verleihung wie z.B. zum Echo geht und sich die Kameras nicht für uns interessieren und wegschwenken, wenn man kommt, hat man schon mal ein komisches Gefühl. Das muss ich hier wirklich mal zugeben. Das Schöne ist, wir können in die Länder fahren, in denen es anders ist. Russland oder Mexiko. Da können wir dieses Spiel – und etwas anderes ist das ja nicht – haben, wenn wir wollen.
Schneider: Das liegt natürlich auch an uns. Als unsere Karriere losging, waren wir 28. Da macht man solche Sachen, die einen in diese Zeitungen bringen natürlich nicht mehr so häufig. Da bleibt man schon ein bisschen mehr auf dem Boden als ein 16-Jähriger.

Aber ich denke, auch für einen 28-Jährigen ist es doch sehr interessant, sehr schnell über sehr viel Geld zu verfügen, oder?
Richard: Das ist nicht schön, das ist kompliziert!

Gut, dann nehmen wir das raus. Aber alle wollen einen auf einmal ficken! Im positiven Sinne!
Richard: Das ist auch kompliziert! (Pause) In Deutschland.
Schneider: Rockstar kannst du gut in Amerika sein, da geht das super! Da stimmt die Welt, da ist sie darauf abgestimmt! Da kommen die Tanten in den Backstage und …zack! (klatscht in die Hände).
Richard: Ein Rockstar braucht auch immer ein Gegenüber, das einen zum Rockstar macht!
Schneider: Und irgendwie sind wir auch nicht die Typen dazu. Wir mögen dieses Spiel nicht.

Richard schon oder?
Richard: Ja, ich genieße das!

Ich habe unter rammstein.nl ein Foto von Schneider gefunden, wo er in Unterhose auf der Bühne steht?
Beide durcheinander: Keine Unterhose, eine Windel! Eine Windel war das! Die hatten wir an, als wir bei der Mutter-Tour aus dem Ei geschlüpft sind.

Nein, auf dem Foto das war ein schwarzer Slip!
Schneider (überlegt): Ach ja! Das war eine Badehose! Oh Gott, das ist schon ewig her. Da haben wir ein Konzert für Fans gespielt. Alle in Badehose. Das war geil! Wahnsinn, was man schon alles so gemacht hat.
Richard: Das war auch so ein Thema bei der ersten Platte. Was uns da geritten hat? Das “Herzeleid”-Cover mit den freien Oberkörpern. Das fanden wir toll! (lautes Gelächter)
Schneider (schallend lachend): Das fanden wir gaaaanz toll! Wirklich! Wenn ich das jetzt sehe, denke ich: “Was sind das für Typen? Wer kauft denn so was?” (Richard erklärt irgendwas und Schneider lacht und erzählt unbeirrt weiter) Mit so einer Blume im Hintergrund! Ein Broilerfoto mit einer Blume im Hintergrund! Was ist das denn?!

Die beiden erklären mir, was ich schon ahnte: Broiler sind Hähnchen, Nichtrauchen viel schwieriger, wenn man vorher Raucher war und der Bierbauch ab 30 unabdingbar, es sei denn, man macht Sport. So wie sie! Man würde gerne auch irgendwann mal einen anderen Produzenten ausprobieren aber: “Da war mal jemand, der sich als Produzent ausgegeben hat. Der ist zu uns gekommen und dann während der Probe vor unseren Augen eingeschlafen.”

Ich kaue meinen Apfel und nehme mir Gutes vor. Ein Buch werde ich schreiben. Ich werde es “Reise Reise” nennen, der Titel ist hübsch und gerade frei geworden. Es soll ein lustiges Buch werden. Eins über Deutschland!

Text: Christian “Yessica” Rulfs