Jan Plewka, der nach dem Ende von Selig nie wieder so richtig bei sich selbst angekommen war, hat endgültig ein neues Zuhause gefunden. Das ist zunächst nichts Neues, schließlich gründete Plewka die Band TempEau bereits vor längerer Zeit zusammen mit seinem besten Freund aus Kindheitstagen, dem Schauspieler Marek Harloff (u. a.: Der Skorpion) und Selig-Schlagzeuger Stephan “Stoppel” Eggert. Neu aber ist, dass TempEau ab sofort nicht mehr nur ein Projekt unter vielen, sondern für alle Beteiligten das erklärte Zentrum ihres künstlerischen Wirkens ist.

Sprich: Zinoba und Plewkas Solokarriere sind Geschichte, Harloff, immerhin einer der besten Jungschauspieler Deutschlands, stellt die Schauspielerei für die Musik hinten an. Mit der gelungenen neuen Single “Ein Schöner Tag” startet das Trio nun richtig durch und vertritt Schleswig Holstein bei der zweiten Ausgabe von Stephan Raabs ‘Bundesvision Song Contest’ am 9. Februar 2006 in der Mittelhessenarena in Wetzlar. (Hessen ist die Heimat der Vorjahressieger Juli) Vorab sprachen wir mit Jan Plewka über letzte Vorbereitungen für die große Sause, das Leben nach der Superstar-Karriere, seine reanimierte Freundschaft mir Harloff sowie die Tatsache, dass neben Marek nun auch Plewka gleichberechtigt bei TempEau singt.

Jan Plewka, ihr habt soeben die Aufnahmen am zweiten TempEau-Album abgeschlossen. Was dürfen wir erwarten?
Viel. Wir haben uns für die Aufnahme in das einsame Landhaus von Mareks Eltern in Plön in der Holsteinischen Schweiz zurückgezogen, nur wir drei und unser Produzent. Die Platte wird wesentlich rockiger als die erste und Marek und ich singen jetzt beide. Er und Stoppel haben mich dazu überredet. Sie sagten “Jan, es kann nicht sein, dass so ein toller Sänger wie du nur Gitarre spielt.” Mit den neuen Songs will ich nun einmal versuchen Geschichten zu erzählen, von denen ich denke, dass sie eine Menge aussagen über die Welt und Zeit in der wir leben. Das hat es so von mir noch nicht gegeben und ich hoffe, dass das funktioniert.

Die erste Single heißt “Ein Schöner Tag”. Das Besondere an ihr ist, dass du sie mit Marek im Duett singst. Mit Zeilen wie “ein schöner Tag, gut dass du da bist, ein schöner Tag, schade dass Krieg ist” halten durchaus auch zynische Töne Einzug.
Wir wollten mit der ersten Nummer, mit der wir jetzt in die Öffentlichkeit treten, die Geschichte von Marek, mir und unserer jahrelangen Freundschaft erzählen. Was die von dir erwähnte Zeile betrifft: Marek war immer schon der Protestler von uns beiden, wollte schon damals, bei unserer ersten Band Matsch Rock-Opern gegen den Krieg schreiben. Er arbeitete zu dieser Zeit an einer Rock-Oper namens “War”, mit zwanzig Tempi- und zig Akkordwechseln. Da hatte ich dann keinen Bock mehr drauf, nicht zuletzt deshalb ist Matsch auseinander gegangen – weil ich lieber straighte Rock-Nummern spielen wollte. Und nun schmeißen wir das eben alles zusammen: Die Rock-Nummern und die Anti-Kriegssongs.

Mit diesem Song werdet ihr nun für Schleswig Holstein beim ‘Bundesvision Song Contest’ antreten. Habt ihr euch für die Veranstaltung etwas Besonderes einfallen lassen?
Wir sind noch in der Planung und überlegen, ob wir über- oder untertreiben sollen. Das ist ja jetzt schon zum zweiten Mal, und die anderen fahren bestimmt alle tierisch auf. Da könnte es also durchaus ein gelungenes Kontrastprogramm sein, ganz reduziert bei Kerzenlicht aufzutreten – mal sehen.

Sind euch die Namen der Mitbewerber denn schon bekannt?
Teilweise. Seeed treten für Berlin an. Gegen die werden wir unter Garantie ablosen. (lacht) Und Tokio Hotel für Brandenburg, die werden wohl gewinnen. Na, und wir werden dann Gewinner der Herzen – das ist jedenfalls unser Ziel.

Sozusagen der Schalke 04 des deutschen Pop?
(lacht) Ja genau, das könnten wir uns sehr gut vorstellen.

Wie steht ihr eigentlich generell zu dieser Veranstaltung und der Person Stephan Raab?
Ich kenne den ja noch von ganz früher mit Selig, als er noch bei Viva war. Damals hab ich ihn immer für einen Kasper gehalten, aber mittlerweile ist das schon okay. Wir haben die erste Show verfolgt und da waren echt gute Sachen bei. Für uns ist das natürlich eine Riesenchance – vor so einem großen Publikum.

Das Besondere an TempEau ist, du hast es bereits angerissen, dass Marek und du mit der Band sozusagen die Geschichte eurer ersten Band Matsch, die ihr mit zwölf nach drei Jahren aufgelöst habt, weiterführt und damit euren ursprünglichen Traum von einer gemeinsamen Karriere als Musiker fortschreibt. Habt ihr euch eigentlich mal bei Max Herre bedankt, dem ihr es zu verdanken habt, dass ihr nach jahrelanger Funkstille wieder zueinander gefunden habt? (Freundeskreis-Kopf Max Herre brachte die alten Freunde vor einiger Zeit für ein Filmprojekt wieder zusammen)
Indirekt. Ich habe einen Song für Max geschrieben, er heißt “Der Alte Weg” und ist auf seinem Soloalbum.

Gab es eigentlich Überlegungen für TempEau auch die restlichen Matsch-Mitglieder zu reaktivieren?
(lacht) Das wäre schwierig. Einer ist jetzt Narkosearzt, einer Sportredakteur beim NDR und die Keyboarderin Musiklehrerin an einer Grundschule. Aber sie lieben uns und kommen zu unseren Konzerten.

Jetzt, wo du und Marek wieder fröhlich vereint sind, sind die Gründe für euer damaliges Auseinanderleben euch noch präsent, und führen vielleicht nach wie vor bisweilen zu Problemen?
Nein. Wir sind zwar beide sehr dickköpfig, aber vor allem lag das damals eher an dieser pubertätstypischen Cliquenaufteilung, die ja damals in den Achtzigern noch viel extremer war als heute. Er entwickelte sich zum Öko und Protestler und ich hatte meine Popper-Clique – das passte nicht zusammen. Marek wollte zudem unbedingt seinen Dickkopf durchsetzen und Schauspieler werden, ich wiederum setzte alles daran Musiker zu werden – und so haben wir uns dann Schritt für Schritt aus den Augen verloren.

Und wirklich all die Jahre keinen Kontakt mehr gehabt?
Ich bin immer hausieren gegangen mit Marek und hab allen erzählt, dass ich den von früher kenne, wenn ein Film von ihm lief. Und von ihm weiß ich, dass er dasselbe auch mit mir gemacht hat, bei Selig-Konzerten vor seinen Kumpels. Wir haben uns dann in dieser Zeit auch ein paar Mal gesehen, hatten uns aber nicht besonders viel zu sagen.
Als ich nach dem Ende von Selig nach Stockholm abgehauen bin, habe ich in meinem stillen Kämmerlein mal überlegt, wie viele Freunde mir überhaupt nach dieser wilden Zeit noch geblieben sind und landete zwangsläufig bei Marek. Ich habe ihm dann auch geschrieben, dass ich nie wieder Musik machen wolle, weil sich das nicht lohnt, man kriegt eh nur auf die Fresse und so weiter. Seine Antwort lautete: Wenn du aufhörst Musik zu machen, bist du der größte Egoist, den ich kenne. Bei deinem Talent und allem, was du erreicht hast. Aber so richtig kamen wir erst durch diesen Film, “Blackout Journey”, wieder zusammen.

Haben Mareks Zeilen dir geholfen wieder mit dem Musikmachen anzufangen?
Ja, auf jeden Fall. Daran hat Marek einen Anteil.

Es scheint, als wärest du wirklich ziemlich fertig gewesen nach dem Ende von Selig.
Ich war total fertig. Seit ich denken kann, hatte ich den Traum Rockstar zu werden. Und dann ist es tatsächlich in Erfüllung gegangen und endete im totalen Albtraum – das war natürlich die Hölle für mich.

War denn wirklich alles so schlimm?
Nein, wir hatten ein tolles Leben, haben auf den größten Bühnen gespielt und sind um die ganze Welt gekommen. Und ich finde auch nach wie vor, dass wir eine der größten Rock-Bands waren. Aber das Ende war halt scheiße! Wir hatten riesigen Erfolg, alle wurden größenwahnsinnig. In dieser Situation habe ich das Vertrauen und den Halt verloren, auch zur Band. Als dann auch noch die Zeitungen schrieben ich sei verrückt und auf Drogen, wurde es mir endgültig zuviel. Die Leute um uns herum, das Management, die Plattenfirma, meinten alle nur: “Plewka, stell dich nicht so an, du bist Rockstar, das gehört dazu”, und damit konnte ich nun gar nichts anfangen, weil es für mich eben nicht dazu gehörte. Dieser ganze Umgang und Ton, die in dieser Szene gepflegt wurden, missfielen mir. Und irgendwann habe ich dann halt gesagt, dass mich alle mal können.

Normalerweise wären ja dann die Bandkollegen diejenigen, die einem Rückhalt geben müssten.
Das war ja gerade das Problem. Wir haben zu der Zeit praktisch nicht mehr miteinander gesprochen. Was soll man dann zusammen auf der Bühne? Die ganzen Texte der letzten Platte sind eigentlich ein einziger Abgesang auf diese Band. Hätten die anderen einmal auf die Texte gehört, hätten sie sich eigentlich nicht wundern brauchen, als ich später die Brocken hingeschmissen habe.

Mit einer Reunion ist also eher nicht zu rechnen?
Nein, sicher nicht. Alle wollen das und warten darauf, nur wir nicht. Wir waren vor einiger Zeit sogar noch mal zusammen Essen und es war durchaus okay – aber viel zu sagen haben wir uns nicht mehr und hatten wir uns auch nie. Selig, das war eher eine zufällige Zweckgemeinschaft.

Aber finanziell wäre eine Reunion doch sicher attraktiv. Oder hast noch genug Geld von damals übrig?
Nein, das habe ich alles ausgegeben. Aber Geld alleine ist sicher keine ausreichende Motivation. Ich habe Engagements am Theater, mit Marek zusammen, und komme insgesamt zurecht.

Der einzige Selig-Musiker, mit dem du all die Jahre weiterhin Kontakt hattest, ist Stephan Eggert, der ja auch jetzt bei TempEau wieder dabei ist.
Der Stoppel kommt ja auch genau wie Marek und ich aus Ahrensburg. Das ist einer meiner ältesten Freunde. In unserem Dorf war er damals der Star, weil er schon mit seiner Band in der Hamburger Markthalle gespielt hatte, als wir anderen noch auf Kartons rumklopften.

Wenn du heute Selig-Songs wie zum Beispiel “Ohne Dich” im Radio hörst, was denkst du dann?
Schatz, sie spielen unser Lied (lacht)

Wie jetzt, hast du den Song etwa für deine jetzige Frau geschrieben?
Nein, witzigerweise ist das tatsächlich so ziemlich die einzige Nummer aus dieser Zeit ohne autobiographischen Bezug. Dieses Oh, Oh im Refrain, damit haben wir die Leute immer gekriegt. Und mittlerweile ist der Song was weiß ich wie oft gecovert worden – von Rosenstolz, Glashaus und einigen anderen.

Also hast du insgesamt deinen Frieden gefunden. Wie lebst du heute?
In einem schönen Haus etwa eine halbe Stunde außerhalb von Hamburg. Mit meiner Frau und den drei Töchtern. Wenn ich hier aus dem Fenster gucke, sehe ich einen See und dahinter Wald. Und Marek wohnt gleich einige Häuser weiter.

Text: Torsten Groß