James Murphy von LCD Soundsystem über DFA Records, die Unsterblichkeit von Daft Punk und das Zentrum des Indierock-Universums.

Photo: Claudia Jogschies

James Murphy sieht überhaupt nicht aus, wie man sich einen angesagten Musiker gemeinhin vorstellt. Mit seinem Fünf-Tage-Bart und einem kleinen Bäuchlein erinnert der 40-Jährige eher an einen gemütlichen Onkel als das Mastermind einer der definitiven Bands des letzten Jahrzehnts – dem als Gründer von DFA Records zudem noch die Erfindung von Dance Punk zugeschrieben wird. Vielleicht hat die Entspanntheit, die ihn umweht, etwas damit zu tun, dass Murphy das Ende von LCD Soundsystem absehen kann. Nach drei großartigen Alben will er sich verstärkt anderen Dingen widmen. Doch vollständig zu Grabe tragen will er die Band nicht, wie er im Interview verrät.

motor.de: DFA gilt weithin als das Zentrum des Dance Punk. Bist du der Erfinder eines neuen Musikgenres?

Murphy: Nein, das ist mehr oder weniger einfach so passiert. Es kamen mehrere Dinge zusammen. Wir haben unseren eigenen Prozess, Musik zu machen, deshalb ist es für mich weniger ein Genre als eben ein Prozess. Dance Punk war für mich vor zehn Jahren eine sehr wichtige Idee. Aber mit der Zeit ändert sich das, heute ist Dance Punk etwas anderes als damals.

motor.de: Hat DFA eine vom Punk inspirierte Herangehensweise an Dance Music eingeführt?

Murphy: Die Herangehensweise hängt von den Leuten ab; und die Leute bei DFA haben eine andere als die Meisten im Dance-Bereich. Dieses Genre wurde seit dem Aufkommen von Techno sehr groß, wir sind da ein bisschen altmodischer.

motor.de: Pitchfork hat „Sound Of Silver“ zu einem der einflussreichsten Alben der 00er Jahre gewählt. Fühlst du dich dadurch geehrt?

Murphy: Es ist auf jeden Fall ein nettes Kompliment. Ich halte es allerdings nicht für so einflussreich. Ich höre wenige Bands, die so oder ähnlich klingen. Nicht, dass ich jetzt so viele neue Bands hören würde…

motor.de: Das aktuelle Album “This Is Happening” wurde als das letzte von LCD Soundsystem angekündigt. Ist das eine endgültige Entscheidung?

Murphy: Es ist nicht wirklich das allerletzte Album, es ist mehr das Ende der Band als eine professionelle, tourende, Album-machende Einheit. Ich liebe es nach wie vor, Musik zu machen. Vielleicht gibt es noch ein Album, vielleicht eine Single, ich weiß es nicht… Wir wollen ein wenig von dem professionellen Level runterkommen, das LCD Soundsystem erreicht hat, mit den Festivals und Touren und regelmäßigen Platten. Wir wollen wieder einen Schritt zurücktreten dahin, wo wir am Anfang waren. Es gibt Anforderungen – vernünftige Anforderungen – die man ab einem gewissen Level erfüllen muss. Wegen LCD habe ich weniger Zeit für andere Dinge wie DJing, sich um das Label zu kümmern oder auch für mein Privatleben. Ich will mich nicht beschweren, aber ich würde gerne Dinge machen, für die ich bislang keine Zeit hatte.

motor.de: Du hast vor kurzem die Filmmusik zu Noah Baumbachs Film „Greenberg“ gemacht. Würdest du dich gerne auf diesem Feld weiter austoben?

Murphy: Nicht wirklich. Ich mag den Regisseur, wir haben ein persönliches Verhältnis. Deshalb konnte ich die Musik auch für ihn machen und musste mich nicht mit dem ganzen Filmbusiness herumschlagen. Darauf habe ich keine Lust. Für mich war „Greenberg“ eine einmalige Sache, die auf rein persönlicher Ebene funktionierte. Ich konnte mich da ganz frei entfalten, ich konnte machen, was ich wollte. Ich war auch öfters am Set und habe beim Dreh zugesehen.

motor.de: Du hast einmal gesagt, dass du aussteigen willst, wenn du 40 bist. Jetzt hast du dieses Alter erreicht…

Murphy: Als ich das sagte, schienen die 10 Jahre bis dahin eine gute Zeitspanne zu sein, um zu erreichen was ich wollte. Was mich dazu brachte, weiterzumachen, war die neue Arcade-Fire-Platte. Wir sind befreundet, waren auf Tour und spielen Basketball zusammen. Da ich aber eine wetteifernde Person bin, wollte ich ein noch besseres Album machen als das neue von Arcade Fire. Abgesehen davon ist 40 ein gutes Alter, um noch mal etwas Neues zu machen…

motor.de: …wie beispielsweise produzieren.


Murphy:
Das ist ein Teil davon. Ich will einfach in der Lage sein, bestimmte Dinge zu machen. Ich habe kein großes Support Team, DFA ist ein kleines Label, wir sind keine große Maschine. Ich habe keine Managementfirma, ich habe einen einzigen Typen. Die meisten Bands bei DFA waren unsere Freunde, bevor sie bei uns unter Vertrag standen – manche sogar, bevor sie überhaupt Musik machten. Bei uns läuft alles sehr freundschaftlich. Wir verdienen kein Geld und verkaufen keine Platten, aber wir mögen es.

motor.de: Neben dir wohnen viele andere Musiker in Williamsburg, z.B. Interpol, Yeah Yeah Yeahs und !!!. Was macht den Reiz des Stadtteils aus?

Murphy:
Ich kann nur für mich sprechen, aber wenn du nach New York kommst, ist das einfach ein Viertel mit billigem Wohnraum. Jedenfalls war das so, jetzt ist es auch nicht mehr wirklich billiger als in Manhattan. Es gibt gute Bars, Restaurants und Plattenläden. Die meisten meiner Freunde wohnen in Williamsburg, deshalb bin ich auch dorthin gezogen. Viele sind zwar auch Musiker, aber ich laufe nicht herum und denke: „Wow, ich bin im Zentrum des Indierock-Universums!“ [lacht]

motor.de: Haben dir Daft Punk eigentlich jemals gedankt, dass du sie durch einen deiner Songs unsterblich gemacht hast?

Murphy: Wir machen immer Witze darüber. Sie machen glaube ich selber einen guten Job, sich unsterblich zu machen. In ihren Roboter-Kostümen können sie unsterblich werden, jeder könnte in sie schlüpfen und Daft Punk sein.

Interview: Eric Bauer