Calling Elvis, Is anybody home?
Calling Elvis, I’m here all alone
Did he leave the building? Or can he come to the phone?
Calling Elvis, I’m here all alone

                                       Dire Straits / 1991


“You want what?”, bricht die füllige Rezeptionsdame in schrillem Gelächter aus. “Eine Elvis-Show sehen?” Das krakeelt sie so laut, dass ich in der gut gefüllten Lobby des billigen Motels abseits des Las Vegas Strip plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der gesamten Kundschaft stehe. Himmel, hab’ ich was Falsches gesagt? Das hier ist doch Vegas, oder? Die Stadt, in der Elvis seinen zweiten Frühling feierte, in der Priscilla dem King Goodbye sagte und angeblich heute noch rund 2.000 Imitatoren ihr Dasein fristen. “Elvis”, kichert sie, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank und reicht mir den Schlüssel. “I don’t know where, but there must be an Elvis-Show tonight somewhere. This is Vegas. There´s an Elvis-Show all the time.”

Dachte ich auch. Schließlich war ich doch hauptsächlich in Nevadas Spielerparadies gefahren, um dem King meine Hochachtung zu zollen. Ein “Viva Las Vegas” auf den Lippen floh ich aus Los Angeles. In der Stadt hatte ich es nicht lange ausgehalten. Und als ich nicht mal die Fabrik ausfindig machen konnte, in der sie die unterernährten Kajalstift- und Gitarrenkoffer-tragenden Jungs klonen, die Hollywood bevölkern, zog ich weiter. Dann doch lieber Elvis. Und zwar nicht der größenwahnsinnige, mitleidserregende Graceland-Elvis, der in Nashville, Tennesee besichtigt werden kann, sondern der im weißen Anzug. Der große, der tragische Elvis. Der Vegas-Elvis.

Anfangs ging auch alles gut. Timingmäßig perfekt erklingt “Viva Las Vegas” in genau dem Moment aus den Boxen des Mietautos, als die Lichter der Stadt am Horizont auftauchen. Ich hatte vorgesorgt, denn vom Radio lässt man besser die Finger. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat man in diesem Falle nämlich genau zwei. Entweder erträgt man einen unsäglichen Matsch aus Nu-Metal und Knödelrock oder den Bibelfunk. Limp Bizkit meets Creed vs. Apocalypse Now. Dann doch lieber: “Bright light city gonna set my soul, gonna set my soul on fire. Got a whole lot of money that’s ready to burn, so get those stakes up higher. There’s a thousand pretty women waitin’ out there, and they’re all livin’ devil may care. And I’m just the devil with love to spare. Viva Las Vegas, Viva Las Vegas.”

Von den Versprechungen der Rezeptionsdame angestachelt, laufe ich durch die Straßen der Stadt, die der Reisejournalist Andreas Altmann einmal einen “Prüfstein” nannte. Ein Ort, an dem ein jeder erfahren kann, “was an Menschenfreundlichkeit und Toleranz in ihm verborgen ist”. Eine ganze Menge, weiß ich jetzt. Mehr als einer, den ich kenne, verlor bei dem Anblick des Vergnügungsparks, der hier aus dem Wüstenboden gestampft wurde, die Achtung vor der Menschheit. Der Glamour, der in Filmen wie “Casino” oder “Ocean’s 11” propagiert wird: nicht existent. Die Hotels bestehen aus Plastik, das Wort Kitsch erhält hier völlig neue Dimensionen und statt dem internationalen Spielerjetset bevölkern Horden von dicken Jungvermählten auf Hochzeitsreise, greisen Großmüttern, grobschlächtigen, kettenrauchenden Cowboys und pummeligen Teenies die Stadt. Wo bitte ist Elvis? Die Elvis-Statue im Hilton sieht Elvis nicht mal ähnlich, weshalb ich sie gleich ignoriere, das Elvis-Museum hat schon dicht, die Elvis-Imitatoren sind nicht aufzutreiben, die versprochene Elvis-Show gibt es nicht und für die Apotheke, in der sich Elvis einst mit Medikamenten eindeckte (Landmark Drugs im Somerset Shopping Center, 252 Convention Center Drive), interessiere ich mich auch nicht wirklich maßlos. Nach ein paar Stunden gebe ich auf. Vielleicht war ich zu spät, vielleicht war ich an den falschen Orten, vielleicht war ich zu doof. Aber Elvis has definitely left the building.

Leicht frustriert ziehe ich durch die Casinos. Ich beobachte die traurigen Hausfrauen, die sich ruinieren und deutsche Geschäftsleute in Shorts und Jacket, die in zehn Minuten 200 Dollar verspielen. Ich will gerade gehen und ins Bett, als ich gegen zwei Uhr dem King dann doch noch begegne. In Form von fünf Einarmigen Banditen im “New York, New York”-Casino. Soweit ist es gekommen. Nicht nur, dass Elvis so ziemlich den würdelosesten Abgang der Rock-Geschichte hinlegen musste, jetzt muss er sein Nachleben auch noch als Schießbudenfigur fristen. Doch was soll’s? Besser als nix, denke ich und investiere leicht resigniert einen Dollar. Über mir blinken die Buchstaben, vor mir drehen sich die Räder, aus der Maschine kommt Geklacker und Krach. Planlos drücke ich auf die Knöpfe vor mir. Alles vergeblich. Ich kapiere die Regeln nicht. Nach einer Minute ist der Dollar futsch. Ich gebe auf. Mit dem Klingeln der ratternden Spielautomaten im Ohr, die das letzte Mal anlässlich Kennedys Ermordung stillstanden, verlasse ich die Stadt, um zu einem anderen Ort aufzubrechen, der in Amerikas Musikgeschichte eine Rolle spielt.

Ein paar Autostunden weiter südöstlich liegt neben einem Nationalpark ein kleiner Ort, in dem Leute wie Josh Homme von den Queens Of The Stone Age, Brant Bjork von Fu Manchu, Chris Goss (Masters Of Reality), Surf-Legende Dick Dale und Eric Burdon ein Häuschen haben. Doch auch hier ist nix mit Rock’n’Roll. Die Heimat des Stoner-Rock ist ein Kaff im Nix. Weitverstreut stehen baufällige Hauser in einer staubigen Ebene. Dicke Pick-Up-Trucks kurven über staubige Straßen und der Schulbus sammelt die Kinder ein. Normaler geht es nicht.

Vielleicht ist es noch der Post-L.A.-Frust, vielleicht der Las-Vegas-Ekel, aber plötzlich habe ich keine Lust mehr auf Musik. Ich verwerfe den Gedanken, mal zu schauen, ob Chris Goss wohl im Telefonbuch steht und einfach vorbeizufahren oder zu gucken, ob Josh Homme zu Hause ist. Stattdessen fahre ich raus in die Wüste und setze ich mich unter einen der Joshua Bäume, die aussehen wie Kakteen am Stiel und freue mich über die Stille.
Rock’n’Roll kann mir fürs Erste gestohlen bleiben.

Text: Moritz Honert