Es gibt sie noch, diese lästigen, aber manchmal lustigen Aprilscherze, auch wenn man eigentlich aus dem Alter raus ist. Aber “jemanden aus der Siedlung” nach einer durchzechten Nacht am Sonntagmorgen um sechs auf den Bolzplatz zu bestellen, ist schon gemein.
Oder wenn Fettes Brot sich spontan am dem ersten Apriltag diesen Jahres dazu entscheiden, ein Konzert im Hamburger Hauptbahnhof um sieben Uhr morgens zu spielen. Glaubte kein Schwein, hingegangen sind sie alle. Wer Zweifel sät, wird auf keinen Fall Misstrauen ernten. So sehen das auch die Jungs von Astra Kid, dieser Band aus dem Ruhrgebiet, die mit ihren Songs über mit Cord bezogene Fahrradsättel und Jogginghosen, die man nicht in der Öffentlichkeit tragen sollte, polarisieren. Die einen (vielleicht neidische Jungs) beschimpfen sie deswegen als ‘proletarische Potenz-Band’, andere (das sind vielleicht hübsche, coole Mädchen) dagegen sind ganz hingerissen von dieser Ruhrgebietsromantik und der einfachen, nicht dummen Sprache. Dass sie Yps-Hefte mögen und deren Wiederauflage noch in diesem Jahr groß feiern wollen, macht sie jedenfalls sympathisch. Genauso wie die Tatsache, dass man in ihrem Zusammenhang in keinem Fall von Hamburger Schule reden sollte und die hässliche ‘Klaus-Lage-Konnotation’ in Bezug auf ‘Rock-Musik mit deutschen Texten’ ebenfalls völlig entfällt. Übrigens ein Begriff, den sie mit Erscheinen ihres Debüts ‘Müde, Ratlos, Ungekämmt’ im Jahre 2003 selber erfanden. Stefan ‘Pele’ Götzer (Gesang, Gitarre) und Andre Raschke (Bass) erklären fast gleichzeitig: “Dieser Begriff Deutsch-Rock hat sich sowieso langsam von diesem komischen Image befreit. Außerdem ist es vielleicht gar nicht so wichtig, dieses ‘deutsch’ unbedingt davor zu setzen, weil im Endeffekt geht es um Musik. Ob das jetzt englisch oder deutsch ist, meine Güte, wenn man sich mit dem Text auseinandersetzt, sollte man das gleichwertig tun.” Wenn es nämlich ein gutes Lied ist, ist es ein gutes Lied; egal, in welcher Sprache es verfasst ist. Wenn sie da nicht mal Recht haben, die beiden. Die ewige Krux, an der man sich als deutsche Band schon mal die angerauhten Nerven am Ende auch noch wundscheuert, ist natürlich auch für Astra Kid ein Thema: “Das Problem im deutschsprachigen Raum ist ja, dass ganz oft noch der Text vor die Musik gestellt wird – und das nervt mich natürlich ganz besonders an den Leuten, die deutschsprachige Musik kritisieren.” Pele erklärt das lächelnd, aber die gekräuselte Stirn bemerkt man trotzdem. Dann könnten sie ja eigentlich auch über so banale Dinge singen wie zum Beispiel Hartmut Engler, tun sie aber Gott sei Dank nicht. Allein ihre Gefühlslage mit “müde, ratlos, ungekämmt” zu beschreiben, ist einen kleinen Applaus wert: “Es gab viele Leute, die diesen Titel total blöd fanden; naja, wenigstens entwickelten sie einen Geschmack für schlechte Alben-Titel. Die neue Platte ‘Stereo’ ist natürlich jetzt keine Befindlichkeitsbeschreibung mehr, sondern ein Begriff, der mich und die anderen während der Aufnahmen sehr beschäftigt hat. Sei es im technischen Sinn, in Bezug auf die Aussprache, ob es nun eher norddeutsch oder rheinländisch ausgesprochen wird, und die Bedeutung hat mich interessiert. Dieses Vermitteln von Räumlichkeit und die Vorstellung, Musik von mehreren Seiten zu beleuchten und perspektivisch anders zu arbeiten, fand ich interessant.” Den Titel jedenfalls kann man sich gut merken und nicht so schnell blöd finden. Pele und die anderen von Astra Kid sind sich trotzdem bewusst, dass sie auch mit ‘Stereo’ entweder begeistern oder verärgern. Und das ist auch gut so, und selbst das ‘Frank-Spilker-taugliche’ Songwriting in ‘Klingen Bringen’ kann man lächelnd ertragen, denn gute Vorbilder sind nun mal gute Vorbilder. Und ein Leben in Stereo ist auch allemal besser, als sich zu sehr auf sich selbst zu konzentrieren.

Text: Rebekka Bongart