LEE HAZLEWOOD
Eine kurze Einführung.

LEE HAZLEWOOD wurde am 9. Juli 1929 in Mannford im US-Bundesstaat Oklahoma geboren. Während seiner Kindheit und Jugend zogen seine Eltern mehrfach um und die Familie lebte in Arkansas und Texas, wo LEE auch die Highschool besuchte. Kurz nachdem er sich an der Southern Methodist Universität in Dallas eingeschrieben hatte – er wollte Medizin studieren – wurde LEE zum Kriegsdienst in Korea einberufen.

Nach seiner Entlassung änderte er seine Lebensplanung, brach sein Studium ab und besuchte stattdessen die Schule für Rundfunk in Kalifornien. Direkt nach seinem Abschluss engagierte der Radiosender KCKY in Coolidge, Kalifornien den jungen Radiojournalisten. LEEs exzentrische On-Air-Performances, die unter anderem darin bestanden, dass er Unterhaltungen zwischen einer Reihe unterschiedlicher Personen erfand, deren Stimmen er alle selbst sprach, brachten ihm eine begeisterte Fangemeinde ein. In dieser Zeit lernte er auch den begabten jungen Gitarristen Duane Eddy kennen, einen glühenden HAZLEWOOD-Anhänger. Gemeinsam bearbeiteten sie LEEs selbstgeschriebene Songs und nahmen sie mit einem Highschool-Freund Eddys am Piano auf. HAZLEWOOD fungierte als Produzent und Mentor. Er fuhr das Duo regelmäßig für Auftritte nach Phoenix und bald war HAZLEWOOD mit der Hausband ihres Stammclubs und besonders deren Gitarristen Al Casey gut bekannt – eine Freundschaft, die über Jahrzehnte anhalten sollte.

1955 wechselte LEE zum Radiosender KRUX in Phoenix und war dort der erste Discjockey der Stadt, der Elvis-Songs spielte. Im selben Jahr gründete HAZLEWOOD das Label Viv, auf dem er seine Eigenproduktionen veröffentlichte. Er arbeitet in einem lokalen Studio mit einer Gruppe ortsansässiger Musiker zusammen, darunter Eddy und Casey. 1956 gelang LEE mit dem Stück “The Fool”, gesungen von Sanford Clark, ein erster kommerzieller Erfolg. 1957 gab LEE seinen Job als Radio-Discjockey auf und widmete sich hauptberuflich dem Schreiben und Produzieren. Kurz darauf bot man ihm an, als fester Produzent bei Dot Records anzufangen. LEE willigte ein und zog nach L.A.

In Los Angeles lernte HAZLEWOOD den Produzenten Lester Sill kennen, eine Bekanntschaft, die die US-amerikanische Musiklandschaft entscheidend beeinflussen sollte. Nach wie vor fuhr LEE regelmäßig nach Phoenix um sich die Musik anzuhören, die seine frühere Band in den Ramsey-Studios spielte. Bei einer der Sessions schlug LEE Duane vor, die einfachen, sich wiederholenden melodischen Gitarrenriffs, die sie zusammen geschrieben hatten, versuchsweise auf den tieferen Saiten seiner Gitarre zu spielen – die Geburtsstunde des Twang. Und obwohl LEE eine Vorstellung davon hatte, wie der Sound klingen könnte, war er nicht darauf vorbereitet, wie brillant die Melodie tatsächlich klang. In dem sicheren Bewusstsein, dass sie es mit etwas sehr Großem zu tun hatten, lizenzierten HAZLEWOOD und Sill die Duane-Eddy-Masters 1958 an Jamie Records in Philadelphia. Die Stücke wurden zu internationalen Instrumental-Hits und leisteten einen Gründungsbeitrag zu der Musik, für die man gerade den Namen “Rock and Roll” erfunden hatte.

In den frühen 60ern gründete HAZLEWOOD ein neues Label, LHI (LEE HAZLEWOOD Industries) und veröffentlichte seine ersten Soloalben “Trouble Is A Lonesome Town”(1963) und “The N.S.V.I.Ps” (1964). 1967 erschien auf LHI das erste Album von Gram Parsons kurzzeitig bestehender Gruppe The International Submarine Band.

Mitte der 60er hatte LEE sich dank einer Reihe kommerzieller und künstlerischer Erfolge einen hervorragenden Ruf erarbeitet – von Statussymbolen wie einem Swimming Pool und einer ausreichenden Auswahl an Chivas Regal ganz zu schweigen. Dann schwappte mit den Beatles eine Welle britischer Popmusik über die USA hinweg (die nicht unwesentlich von HAZLEWOODs Duane-Eddy-Platten inspiriert war) und HAZLEWOOD dachte daran, sich im Angesicht der omnipräsenten britischen Konkurrenz aus dem Geschäft zurückzuziehen. Und dann traf er Nancy.

Die Tochter der amerikanische Ikone Frank Sinatra war eine aufstrebende junge Künstlerin, die zuletzt einige professionelle Enttäuschungen hatte hinnehmen müssen. Das Ergebnis der Zusammenarbeit war für alle Beteiligten mehr als zufriedenstellend – fünf Jahre lang folgte Hit auf Hit.

Nancys Stimme war robust und vom Leben geprägt und es fehlte ihr nicht an klug dosiertem Sexappeal. Bis heute gilt Nancy Sinatra als Vorbild für Sängerinnen wie Nico, Pat Benatar, Kim Gordon oder Joan Jett. HAZLEWOOD erkannte diese Besonderheit und es gelang ihm, genau dieses unwiderstehliche Selbstbewusstsein zu betonen. Mit Hilfe seiner langjährigen Musikerkollegen schuf er ein komplexes, unverwechselbares Klangbild.

Schon die ersten Hits “These Boots Are Made For Walking”, “Sugar Town” und “How Does that Grab You Darlin’?” machten Nancy Sinatra zum Weltstar. Es folgten Duette wie “Jackson” und das erhabene “Some Velvet Morning”, das als LEEs Meisterstück als Texter gilt. Es ist immer wieder erstaunlich, dass LEE den Pop-Olymp mit Stücken eroberte, die nur notdürftig verborgene S&M- und Drogen-Referenzen enthalten. Zu erklären ist dies wohl nur damit, dass die Zensur beim als wenig hip geltenden HAZLEWOOD keinerlei Provokationen erwartete.

In seine Hollywood-Zeit fielen noch andere Arbeiten. So produzierte er “Somethin Stupid”, das Duett von Frank und Nancy Sinatra, er schrieb den Hit “Houston” für Dean Martin und das Album “The Cowboy And The Lady” für die Sängerin und Schauspielerin Ann-Margaret. Außerdem steuerte er Musik bei zu den Filmen “Tony Rome” und “Sweet Ride”. In “Sweet Ride” spielte er als Schauspieler mit, ebenso im Film “The Moonshine War”, wo er neben Richard Wildmark zu sehen war.

Inspiriert von dieser neuen, zweiten Phase des Erfolges, reiste HAZLEWOOD 1970 nach Schweden, wo er den Regisseur Torbjörn Axelman kennen lernte. Die beiden arbeiteten für mehrere Film- und Musikprojekte zusammen, darunter “Cowboy In Sweden”, “Smoke” und “A House Safe For Tigers”. Das schwedische Viking-Label veröffentlichte außerdem zwei HAZLEWOOD-Soloalben. “Requiem For An Almost Lady” erschien 1971 und ist eine schmerzliche Meditation mit aufwühlenden Texten über eine verlorene Liebe, “13”, das 1972 veröffentlicht wurde, ist eine mit üppigen Bläsern ausgestattete Abkehr von HAZLEWOODs bisheriger Erfolgsformel und überzeugt mit überbordenden, fast manischen Gefühlsausbrüchen.

Während dieser Zeit entwickelt sich HAZLEWOOD endgültig weg von einem für Dritte arbeitenden Songschreiber und Produzenten zu einer eigenen Sänger- und Künstler-Persönlichkeit. LEE selbst schien der denkbar beste Interpret seiner eigenen musikalischen Visionen zu sein. Zudem profitieren seine Alben von dem, was er sich bis dato angeeignet hat: Zu hören ist erhebender symphonischer Pop, mit düsteren, poetischen, aber immer gewitzten Texten.

Ende der 70er zog LEE sich erneut aus dem Musikgeschehen zurück. Er bereiste verschiedene Teile der Welt und arbeitete nur sporadisch. Anfang der 90er tauchten erste, meist illegale CDs mit LEEs Soloveröffentlichungen auf obskuren europäischen Labels auf, während die Original-Pressungen der LHI-LPs zu begehrten, hochpreisigen Sammlerstücken wurden. Das alles zusammengenommen – seine zurückgezogene Lebensweise und die Schwierigkeit, seine Original-Veröffentlichungen zu erwerben – trug zur Mythenbildung um den Künstler HAZLEWOOD bei.

Nachdem Rhino Records LEEs und Nancys in den 60er Jahren entstandenen Duette unter dem Titel “Fairytales & Fantasies” auf CD veröffentlicht hatte, spielten die beiden 1995 einige exklusive Konzerte, die vom Publikum begeistert aufgenommen wurden. Im New Yorker Club Limelight lernten die Mitglieder der Band Sonic Youth ihr Idol HAZLEWOOD kennen und zwei Jahre später hatte Sonic-Youth-Schlagzeuger Steve Shelley den zögernden Künstler endlich überzeugt, sich an einem Reissue-Projekt seines (Shelleys) Labels Smells Like Records zu beteiligen. Man entschied sich, sechs Alben neu herauszubringen: “Trouble Is A Lonesome Town” (’63), “The N.S.V.I.P.s” (’64), “The Cowboy And The Lady” (’69), “Cowboy In Sweden” (’70), “Requiem For An Almost Lady” (’71) und “13” (’72). Etwas später erschien ein Album mit dem sperrigen Titel “Farmisht, Flatulence, Origami, ARF!!! and Me”, das zwischen 1996 und 1998 aufgenommene Pop-Standards enthielt und auf dem LEE begleitet von seinem alten Freund und Kollegen Al Casey sang.

Die Reissues waren ein großer Erfolg und das öffentliche Interesse an LEE war endgültig wieder erwacht, besonders im Vereinigten Königreich. In der Royal Festival Hall in London spielte er im Juli 1999 als Headliner bei Nick Caves Meltdown Festival seinen ersten Auftritt als Solokünstler seit 25 Jahren vor vollem Haus. Ein begeistertes Publikum, darunter viele Showbusiness-Persönlichkeiten, sah einen Auftritt, der LEE mit Musikern zusammenbrachte, mit denen er zuletzt in Stockholm 1974 aufgetreten war (das Stockholm-Konzert ist unter dem Titel “The Stockholm Kid in Sweden” erschienen). 2002 erschien LEEs Album “For Every Problem There Is A Solution”, das bisher unveröffentlichte Stücke enthielt, bei City Slang Records. Außerdem veröffentlichte City Slang das HAZLEWOOD-Tributalbum “Total Lee!” (2002), an dem sich viele der Künstler beteiligten, die HAZLEWOOD seit Jahren öffentlich als Idol verehrten, darunter Jarvis Cocker, Saint Etienne, Evan Dando und Erlend Oye. Eine Europa-Tour folgte.

LEEs Musik ist über die Jahre von Künstlern gecovert worden, wie sie unterschiedlicher kaum sein können: Primal Scream, The Corrs, Einstürzende Neubauten, Petula Clark, Lisa Germano, Demis Roussos, Roland S. Howard und Lydia Lunch, Dusty Springfield, The Jesus and Mary Chain und Billy Ray Cyrus. “Boots” und die Duane-Eddy-Stücke tauchten in Filmen auf wie Dukes Of Hazzard, Full Metal Jacket, Forrest Gump, Ready To Wear, Fargo, Natural Born Killers, Minnesota, Kinky Boots oder Austin Powers.

In den letzten Jahren hat HAZLEWOOD sich wieder aus dem Rampenlicht zurückgezogen – abgesehen von einem weiteren Auftritt in der Royal Festival Hall im Rahmen der Heroes & Villains-Reihe 2004. Aber diesmal ist er nicht untätig geblieben oder hat “Krabbeltiere am Pool zerquetscht” wie er es ankündigte, als er dem Musikgeschäft Mitte der 60er zum erstenmal den Rücken kehrte. Sein erstes Buch, “The Pope’s Daughter” – eine surreale Kombination aus biblischen Motiven und einer halbfiktionalen Annäherung an seine Zeit mit Nancy Sinatra – wurde veröffentlicht, er hat mit der norwegischen Sängerin Bettan einen Song aufgenommen und er hat an “Cake Or Death” gearbeitet, der Platte, die nach eigenen Angaben sein endgültig letztes Studioalbum werden soll. Das Album wurde in Stockholm, Berlin, Nashville und Phoenix aufgenommen und enthält Duette und Kollaborationen mit Gästen aus verschiedenen Phasen seiner Karriere, darunter Duane Eddy, Al Casey, Richard Bennett, Ann Kristin Hedmark und Bela B. (“Lee Hazlewood & Das erste Lied des Tages”).

Sony BMG