Quirliger – und hübscher – als die Ramones, konnten sich die Thermals mit ihren zwei bisherigen Alben, vor allem aber mit ihren furiosen Konzerten einen guten Namen machen. Nun steht der dritte “Longplayer” an – und ‘The Body, The Blood, The Machine’ überschreitet zum ersten Mal tatsächlich die 30-Minuten-Marke! Natürlich hat der Portland-Dreier immer noch mächtig gewaltig Hummeln im Hintern, aber nach einigen bandinternen Veränderungen wird inzwischen auch mal einen Gang zurückgeschaltet. Kathy Foster spielt den Bass, wenn’s sein muss auch das Schlagzeug, designt Snowboard-Kleidung für ‘Betty Rides’ sowie T-Shirts für ihre eigene ‘Daydream Factory’ – und findet trotzdem noch Zeit, im folgenden zu erzählen, wie der Hase läuft und warum man ein überraschendes Angebot auch durchaus mal ausschlagen kann.

Für dieses Album habt ihr ja verhältnismäßig lange gebraucht – zumindest im Vergleich mit den ersten beiden, die innerhalb eines Jahres erschienen. Diesmal hat’s zwei Jahre gedauert.
KF: Es gab eine Phase, in der wir ohne Drummer waren – Jordan [Hudson] hatte die Band verlassen – und in der wir unsere Situation überdachten und rausfinden mussten, was wir wollten. Hutch [Harris, Gitarre & Gesang] und ich entschieden uns, die Platte zu zweit zu schreiben und einzuspielen. Danach fanden wir eine neue Schlagzeugerin, mit der mussten wir erst mal proben. Sie ist wirklich klasse – aber sie hat chronische Rückenprobleme, deshalb wird sie nur noch ein paar Konzerte mit uns spielen können. Wir haben zwar schon einen Ersatz gefunden… Aber das alles dauert halt seine Zeit.

Und wer wird der neue Drummer sein?
KF: Ähm, ich möchte den Namen noch nicht verraten…

Oh, ein Superstar-Gast?
KF: [lacht] Nein, das nicht… Niemand, den irgendjemand kennt…

Aber der Mann, mit dem ihr das Album produziert habt, ist doch eigentlich auch Schlagzeuger: Brendan Canty, von Fugazi. Wart ihr nicht in Versuchung, ihn ans Schlagzeug zu bitten?
KF: Er hat es uns sogar angeboten, was wir toll fanden! Aber Hutch und ich hatten die Songs schon fertig ausgearbeitet, also brauchten wir ihn nicht wirklich. Und so habe ich die Drums eingespielt.

Du spielst ja auch in der All Girl Summer Fun Band das Schlagzeug…
KF: Ja!

Auf deren Website war kürzlich zu lesen, dass es auch da ein neues Album geben wird.
KF: Wir sind noch dabei, die Songs zu schreiben. Es gibt noch kein festes Datum. Wir nehmen uns die Zeit, und wollen, dass es anders wird als die Vorgänger.

Was hat eigentlich Jordan dazu bewegt, die Band zu verlassen? Seid ihr noch befreundet?
KF: Das hatte mit den Touren zu tun… und eigentlich rede ich nicht gerne darüber…

Ihr habt vor einiger Zeit ein ziemlich lukratives Angebot abgelehnt: Jemand wollte einen Song von euch für einen Fernseh-Spot verwenden…
KF: Oh, ja: Es ging dabei um eine Firma namens ‘Hummer’, die sehr protzige Autos herstellt, die Militärfahrzeugen nachempfunden sind, aber für den täglichen Straßenverkehr verwendet werden. Sie sind sehr teuer, verbrauchen Unmengen Benzin – und sind einfach widerwärtig! Wir sind nicht die Art Band, die ihre Songs für Werbespots hergibt – und schon gar nicht für teure Straßenpanzer reicher Leute! [lacht] Übrigens ist die ganze Sache schon eine Weile her, etwa zwei Jahre. Aber irgendjemand hat es im letzten Herbst rausgefunden, uns in einem Interview darauf angesprochen – und seitdem machte es zunehmend größere Runden und wurde immer bedeutsamer! Leute schrieben uns e-mails, um zu sagen, dass sie unser Verhalten sehr schätzten. Aber für uns war das keine große Sache – wir haben nicht einmal wirklich drüber nachgedacht, das Angebot anzunehmen!

Vor zwei Jahren schon? Da hattet ihr ja gerade erst euer zweites Album draußen! Ich frage mich immer, wie die Leute in den Werbeagenturen auf die Songs und Bands kommen, die sie für ihre Kampagnen haben wollen!
KF: Ja! Ich weiß es auch nicht – anscheinend haben sie Angestellte, die auf der Jagd nach neuer Musik sind…

Hat sich euer Verhalten dabei eigentlich negativ auf eure Karriere ausgewirkt? Ich weiß ja nicht, vielleicht haben diese Menschen irgendwelche “Mittel und Wege”, sich zu “rächen”…
KF: Nee… eher im Gegenteil! Wir bekamen Briefe von Leuten, die schrieben: “Oh, ich habe noch nie von euch gehört – aber jetzt werde ich eure Platte kaufen, weil ihr ‘Hummer’ abgelehnt habt!” Unsere Plattenverkäufe sind durch die Decke gegangen [lacht].

Ah, ja: die Platten! Da gibt es jetzt eine neue. Und es scheint mir, als würden die Cover eurer drei Alben eine Art Geschichte erzählen: Auf der ersten sieht man ein paar kleine Flammen, ein Feuer, das gerade beginnt. Auf der zweiten explodiert dann alles – und auf der neuen sieht man Jesus, wie er vor einem Trümmerhaufen steht! War das Absicht?
KF: Ja, stimmt! [lacht] Ich glaube nicht, dass wir das mit Absicht gemacht haben – ich habe es aber neulich auch bemerkt: Wir haben Feuer auf jedem Cover! Rückblickend ergibt es schon Sinn, und passt sehr gut zur Musik. Auf der neuen Platte erzählen die Songs eine Geschichte, und am Ende ist es ein postapokalyptisches Szenario -also scheint ein Bild von Jesus vor den Trümmern der Welt doch recht passend…

Bleibt natürlich die Frage, was danach kommen kann: Wiederauferstehung? Wiedergeburt?
KF: Wahrscheinlich, ja! Auf jeden Fall etwas neues. Für uns stellt dieses Album definitiv das Ende von etwas dar: Es ist unser drittes für ‘Sub Pop’, und wir hatten einen Vertrag über drei Platten. Und nach dieser Trilogie ist es Zeit für einen Neuanfang – also wird es wahrscheinlich eine Wiedergeburt!

Die Platte ist ja ohnehin voll von christlichen, biblischen Bildern – wie kommen die ins Spiel?
KF: Aus den offensichtlichen Gründen – wir haben diesen Präsidenten, der sich auf christliche Werte beruft, aber ihnen völlig zuwider handelt. Außerdem gab es mal diese Idee, dass Kirche und Staat getrennt sein sollten, was im Augenblick auch mehr und mehr verschwimmt. All diese Heuchlerei und Aggression führt zu einer gewissen Paranoia und Panik…

Es geht also nicht darum, die Religion aus den “falschen Händen” zurück zu erobern?
KF: Oh, nein – niemand von uns ist gläubig oder übt eine Religion aus. Es geht mehr um die Scheinheiligkeit der heutigen Religion – gemischt mit der Verwirrung, der Versuchung… Sie sagen ja quasi: “Komm mit uns, oder willst Du etwa zu den Opfern am Wegesrand gehören, wenn die Apokalypse kommt?!” [lacht] Diese Gehirnwäsche kann einen schon durcheinander bringen. Aber man kämpft dagegen an, weil man seine eigene Identität, seine Gefühle bewahren möchte – und sie sich nicht von der Kirche diktieren lassen will! Aus dieser Stimmung entstanden die Songs.

Ich habe gelesen, dass das Motto zur Platte quasi sei: “Get the fuck out, as long as you can!” Aber ihr habt keine konkreten Pläne, die USA zu verlassen, oder?
Im Moment nicht [lacht].

Hast du eigentlich dein ganzes Leben in Portland verbracht?
KF: Nein, Hutch und ich sind 1997 hierher gezogen. Wir sind beide in Kalifornien aufgewachsen, etwa eine Stunde von San Franzisco entfernt.

Was hat euch an Portland angezogen? Dass Matt Groening [der Erfinder der ‘Simpsons’] dort lebt?
KF: [lacht]: Genau, wir wollten unbedingt Matt Groening treffen…

Und habt ihr? Ich glaube, er hat einen ziemlich guten Musikgeschmack…
KF; Stimmt, ja… Nein, wir sind ihm nie begegnet. Nach Portland sind wir gegangen, um Musik zu machen. Ich bin mit der Musik von ‘Kill Rock Stars’ und ‘K Records’ aufgewachsen – und all diese Labels sind aus dieser Gegend. Portland war in meiner Vorstellung ein cooler Ort, also sind wir mehr oder weniger “blind” hergezogen. Es war schon sehr überwältigend, wie viele Leute hier in Bands spielen, aber wir haben sehr schnell Anschluss gefunden. Es ist wirklich cool hier, es wächst und wächst…

Nun spielst Du selbst ja in mindestens zwei Bands – oder noch mehr?
KF: Nein, nur die zwei. Aber ich mache auch ein paar Homerecordings. Ein Freund von mir in Münster will vielleicht etwas davon rausbringen… Irgendwann mal.

Und wie klingt das – im Vergleich zu den “explosiven” Thermals und der poppigeren All Girl Summer Fun Band?
KF: Vielleicht manchmal etwas trauriger, aber auf eine schrullige Art und Weise – Lo-Fi-Pop mit Bass, Gitarre, Drums und mir am Gesang…


Wo nimmst Du das auf? Zuhause?
KF: Nein, wir haben einen Raum in einem Proberaum-Komplex gemietet. Aber dort ist es nicht leicht, aufzunehmen – denn die Räume sind nicht schallisoliert… [lacht] Ich meine, wenn wir mit den Thermals spielen, dann ist das okay, denn wir sind so laut, dass wir die Leute nebenan nicht hören. Aber wenn ich einen leiseren Song dort aufnehmen oder schreiben möchte, muss ich fertig sein, bevor die Hardcore- und Metalbands, die dort noch sind, zum Proben kommen… Die meisten arbeiten tagsüber, und dann kommen sie, um nach der Arbeit “abzurocken”… Das kann manchmal etwas frustrierend werden!