Wenn alles gesagt und getan ist bleibt nur eins: Die Vergangenheit vergessen und von vorn anfangen. Dass genau das nicht ganz einfach ist, erfährt Carl Barât dieser Tage am eigenen Leib. Nicht nur, weil er den Namen der Libertines für ewig als Souvenir auf dem Arm trägt, sondern weil ihm und seiner neuen Band Dirty Pretty Things scheinbar keine andere Wahl bleibt, als die Vergangenheit anzuerkennen und der Zukunft so ein Schnippchen zu schlagen.

Bereits vor dem Ende der Libertines beschließen Carl Barât (Gesang), Anthony Rossomando (Gitarre) und Gary Powell (Schlagzeug) gemeinsam weiterzumachen. Mit einem neuen Bassisten, neuem Bandnamen, neuem Label und neuem Produzenten. Das Ergebnis ist ihr erstes Album ‘Waterloo To Anywhere’.

Carl, warum hast du entschieden dein altes Label Rough Trade zu verlassen?
Carl: Es wäre eine Art Interessenkonflikt gewesen, auf dem gleichen Label zu sein, auf dem auch Pete (Doherty) ist.

Für die Firma oder für dich?
Carl: Für mich. Es ist zu kompliziert und ich wollte einen frischen Start. Ich liebe Rough Trade und wenn es möglich wäre, würde ich eines Tages zurückkehren.

Anfangs hieß es, du hättest einen Solovertrag unterschrieben, doch inzwischen seid ihr zu viert.
Carl: Das haben Anthony, Gary und ich gemeinsam ausgeheckt und irgendwie hat es sich auch so entwickelt. Didz (Hammond) und ich waren vorher schon befreundet und plötzlich hat er sich entschieden The Cooper Temple Clause zu verlassen.

Was ist mit John Hassell? Warum ist er nicht mehr dabei?
Carl: Er wollte sein eigenes Ding machen und hat seine eigene Band Yeti gegründet. Wir haben ihnen angeboten, uns bei den Konzerten in London im Vorprogramm zu unterstützen, aber sie haben abgelehnt.
Anthony: Was, sie haben abgelehnt?
Carl: Seltsame Jungs…

In eurer jetzigen Konstellation habt ihr bereits zuvor zusammengespielt, nur Didz ist dazugekommen. Ist das Gefühl innerhalb der Band nun ein anderes?
Carl: Ja. es ist etwas Neues und wir versuchen das Alte hinter uns zu lassen.

Deswegen auch der neue Produzent?
Carl: Richtig, Dave Sardy kam auf uns zu und sagt er wolle mit uns arbeiten. Er ist ziemlich vielseitig.
Anthony: Ich habe herausgefunden, dass er das neue Walkmen Album produziert hat, deswegen fand ich es ziemlich aufregend.

Ihr wart bei ihm in L.A., die andere Hälfte des Albums habt ihr in Schottland aufgenommen.
Carl: Ich mochte es dort nicht.
Anthony: Die Stadt an sich, die Einstellung und die Atmosphäre, das ist wie Tag und Nacht. Glasgow im Januar und L.A. im November ist ein Riesenunterschied. Glasgow ist so viel düsterer – stimmungstechnisch. Doch wir sind dort ein großes Stück vorangekommen. Zwar gab es auch viele Momente, in den wir dachten, Herrgott das funktioniert doch alles nicht, aber am Ende haben wir es rausgerissen. In L.A. hingegen hatten wir die Songs ja bereits fertig und haben sie nur noch raus gehauen.

Ist es für dich schwieriger die Texte nun allein zu schreiben?
Carl: Nicht wirklich. Anfangs war es das, aber inzwischen schreiben wir sie alle zusammen.

Hat sich dein Lebensstil in den letzten Jahren verändert?
Carl: Nein, kein bisschen, wirklich nicht. Ich habe immer noch ein ziemlich arbeitsreiches Leben und bin viel unterwegs. Manchmal mehr, manchmal weniger. Aber das merkt man erst wenn es wieder richtig wild wird. Ich hatte seit Jahren keine richtige Pause…
Anthony: Oh, wir hatten ein bisschen freie Zeit letzten Sommer, doch das erscheint jetzt alles irgendwie wie im Nebel und das war auch keine richtige Auszeit.

Hattet ihr nicht wenigstens ein paar Wochen nach dem Ende der Libertines?
Carl: Hatten wir? Nein, ich glaube nicht.
Anthony: Für Außenstehende machte das den Anschein einer Band-Pause, aber Carl und ich mussten uns einer Operation unterziehen. Kurz danach haben wir auch schon weitergemacht.

Was für eine Operation hattest du?
Anthony: Es war eine Art Polyp. Ich hatte im Hals einen Tumor im Vorstadium, der zur gleichen Zeit wie Carls entfernt wurde.
Carl: War es tatsächlich ein Tumor im Vorstadium?
Anthony: Ja, ich hatte ihn seit vier oder fünf Jahren und es hätte Krebs werden können. Deswegen haben sie ihn entfernt.
Carl: Ich habe ihm am Telefon erzählt, ich hätte einen neuen Bassisten gefunden: Steve O von Jackass.
Anthony: Und dann war es still in der Leitung und ich sagte nur: Alright, that’s cool man. Ich war noch so voll mit Medikamenten.

Zwischenzeitlich hattest du eine Band mit Tim Burgees (The Charlatans). Was ist aus The Chavs geworden?
Carl: Oh ja, wir haben uns großartig amüsiert.

Es gibt keine weiteren Pläne?
Carl: Meinetwegen könnten wir das gerne wiederholen.
Anthony: Und irgendwann könnte es sich zu einem Pink Floyed-eskes Nebenprojekt mit Mehrfachalben und vielen Klanglandschaften entwickeln.

Das klingt fürchterlich.
Anthony: Ja, in der Tat
Carl: Verdammt gute Band, The Chavs. Es hängt auch ein bisschen von Tim ab. Wenn er die richtigen Songs schreibt, weiß man nie was die Zukunft bringt. Pass auf Anthony, sonst verlierst du noch einen Bandkollegen!
Anthony: Dann will ich die Chavs managen.

Wahrscheinlich wird alles, was ihr in den nächsten Jahren macht an den Libertines gemessen, dessen seid ihr euch bewusst, oder?
Carl: Ja, es ist ein bisschen ärgerlich und ein doppeltes Schwert, denn ohne die Libertines wären wir jetzt nicht hier. Mag sein, dass es für Anthony und Didz noch schwerer ist, denn es ist ihre erste Band die wirklich im Rampenlicht steht und wir hatten die Libertines. Das muss manchmal ein ganz schönes Ärgernis sein.
Anthony: Mir macht das nichts aus. Libertines-Fans sind große Freunde von Songs die von Herzen kommen. Diejenigen, die zu den Konzerten kamen, um die neue Band zu unterstützen, sind die besten Fans der Welt, die tatsächlich eine Meinung haben. Das sind keine Daily Mail lesenden verdammten Idioten. Sie mögen gute Musik und wenn Leute kommen um deine Band zu sehen, die noch nichts veröffentlicht hat, ist das großartig.

Glaubst du, dass sich die Fans entweder für Dirty Pretty Things oder für Babyshambles entscheiden?
Carl: Meinst du, dass sie sich entscheiden werden? Ich weiß nicht, einige Dummköpfe vielleicht.
Anthony: Ob die Leute beides hören und sich dann für eine Seite entscheiden, ich denke, das wird sich herausstellen.
Carl: Wer weiß, was die Kids machen. Vielleicht laufen sie ja bald in Anti-Pretty Things Shirts rum.

Du hast gesagt, dass ihr einen neuen Anfang wolltet, aber live spielt ihr nach wie vor die alten Songs.
Carl: Wir haben damals damit angefangen, weil wir nicht genug Songs hatten.
Anthony: Wir haben die Band ja erst seit September, aber die Englandtour war so schnell ausverkauft und die Unterstützung von Beginn an so umwerfend, dass wir nicht einfach nur einen Haufen neuer Stücke spielen wollten. Deswegen die alten Songs. Für die Stimmung.
Carl: Außerdem scheinen es die Leute zu mögen.

Glaubst du denn, dass es irgendwann eine Wiedervereinigung geben könnte?
Carl: Es ist absolut möglich, aber im Moment dreht sich bei mir alles um Dirty Pretty Things. Sollten wir irgendwann mal nostalgisch werden und nichts anderes zu tun haben kann es schon passieren,  dass wir uns damit auseinandersetzen. Aber momentan bin ich hiermit beschäftig.

Bist du eigentlich Fan der Pretty Things aus den Sechzigern ?
Carl: Ich kenne sie nicht. Das war nur ein unglücklicher Zufall – trotzdem, guter Name.