“It’s the new Belle And Sebastian”, haucht der sensible Plattenladenangestellte Dick in der Filmversion von Nick Hornbys Musiknerd-Büchlein ‘High Fidelity’ seine Antwort auf die Frage, was für Musik denn momentan im Hintergrund laufe. Damit ist dann schon ein nicht zu unterschätzender Teil der bezüglich dieser schottischen Band kursierenden Klischees abgedeckt. Und spätestens Dank des wenig später von John Cusack als Hauptcharakter desselben Filmes geäußerten Wunsches nach “netter Musik, die wir leicht ignorieren können” (leise ist immer noch “Seymour Stein” von Belle And Sebastian zu hören), glaubt der musikinteressierte Mensch dann auch ohne eingehende Prüfung zu wissen, dass man es bei dem vielköpfigen Ensemble um Stuart Murdoch mit einer niedlich-nerdigen, irgendwie belanglosen Sanftmut-Kapelle zu tun hat.

Zugegeben: Mit breitbeinigen Riffmonstern, gebrüllten Slogans oder sonstigen üblichen Rock-Machismen hat auch ‘The Life Pursuit’, der inzwischen siebte Anlass, zu sagen “It’s the new Belle And Sebastian”, nicht viel zu tun. Allerdings fast genau so wenig mit den schüchtern-verlispelten, immer leicht verhuscht wirkenden folky Gitarren-Songs der frühen Tage vor etwa zehn Jahren. “Es wäre ja auch einigermaßen beängstigend, wenn wir nach so langer Zeit nicht etwas an Selbstbewusstsein und Professionalität dazugewonnen hätten. Andernfalls wäre es dann vielleicht doch inzwischen mal ratsam gewesen, sich nach einem Job als Busfahrer umzuschauen”, stimmt Stuart Murdoch schmunzelnd zu. Unter der wohlklingenden Oberfläche finden sich eben die interessanteren Abgründe, und ein gezwitschertes “Fuck Off” sticht mitunter mehr als ein gebrülltes. Das alles wissen Belle And Sebastian, und noch so einiges mehr. Natürlich ist es ein kontinuierlicher Prozess, ein langer Weg, der von den leisen Tönen des im Rahmen eines College-Projektes aufgenommenen Debüt-Albums ‘Tigermilk’ (1996) über erste nennenswerte Chart-Erfolge in Großbritannien mit ‘The Boy With The Arab Strap’ (1998) führt, von dort ins Aufnahmestudio des ehemaligen Frankie Goes To Hollywood-Produzenten Trevor Horn (für ‘Dear Catastrophe Waitress’, 2003), was wiederum ein Konzert im Beisein des Prinzen Charles nach sich zieht – und nun schließlich hat es das Septett nach Kalifornien verschlagen, wo ‘The Life Pursuit’ aufgenommen wurde. Übrigens ein Novum in der Geschichte der Band, schließlich entstanden bis auf wenige Parts von ‘Storytelling’ (2002) und den London-Exkurs bei ‘Dear Catastrophe Waitress’ sämtliche Alben in Glasgow. Die fast schon sprichwörtliche kalifornische Sonne habe dann aber, so Stuart, doch eher wenig Einfluss auf die Songs gehabt; einzig der ortsansässige Produzent habe sein ebenfalls beinahe sprichwörtliches Scherflein zum Gelingen der Aufnahmen beigetragen.

Dank der artverwandten Sprichwörter wären wir dann auch gleich nochmal bei den eingangs erwähnten Klischees – die Art und Weise, wie seine Band in dem Film ‘High Fidelity’ dargestellt wird, stört den in Ringelshirt und Lederjacke gekleideten Murdoch übrigens nicht die Bohne. Eher freut und überrascht es ihn, dass sie überhaupt Erwähnung finden, “auch wenn ich nicht glaube, dass es all zu große Auswirkungen gehabt haben dürfte. Aber ich finde es gut. Ich mochte auch vorher schon das Buch, ich fand es recht lustig. Alle in der Band haben es gelesen; damals, als es rauskam. Wir haben es reihum weitergegeben, bis es zu Isobel [Campbell, einst mit im Bunde, heutzutage solo unterwegs] kam – die nahm all diese Geschichten über männliche Fehler sehr persönlich und verabscheute es. Sie ärgerte sich darüber, weil es eben ein ‘Männerbuch’ war.”

Stuart Murdoch, so scheint’s, ärgert zurzeit kaum etwas. Sehr entspannt sitzt er da, hantiert mit seiner Teekanne und gibt Tipps zur fachgerechten Zubereitung des Heißgetränks. In dem Moment, in dem das weibliche Personal des Berliner Cafés die Tassen vor uns auf den Tisch stellt, liegt natürlich das nächste Stichwort beinahe greifbar in der Luft – als Belle And Sebastian 2004 mit ihrem Album ‘Dear Catastrophe Waitress’ zum ersten und bislang letzten Mal in Berlin gastierten, gab es nämlich zuvor einen Wettbewerb. Bei dem sollte die “katastrophalste” Kellnerin der Hauptstadt ermittelt werden. Gewonnen hat den Wettbewerb eine junge Dame namens Alex. “Und wegen des ganzen Rummels hat sie ihren Job verloren! Ich fand das lächerlich, hatte aber auch ein schlechtes Gewissen. Also lud ich sie nach Schottland ein. Sie ist eine sehr nette Person und wir hatten viel Spaß.” Und obendrein ziert nun besagte Alex auch gleich in mehrfacher Ausführung das Cover von ‘The Life Pursuit.’

Womit wir also nach all den Abschweifungen, Anekdoten und Äußerlichkeiten endlich beim eigentlichen Anlass dieses Textes gelandet wären: “It’s the new Belle And Sebastian.” Und wie ist sie so? 13 Songs, mal melancholisch, mal aber auch überschwänglich. Mal niedlich, mal verschmitzt. Genau so harmonisch wie andernorts sogar funky. Anders als sonst, aber irgendwie auch wie immer. Die erste Single hat den Titel ‘Funny Little Frog’, aber der beste Song heißt ‘Sukie In The Graveyard’. Und dessen Text bietet dann Anlass zu einer letzten Frage, deren Antwort möglicherweise den Schlüssel zum Verständnis des Phänomens Belle And Sebastian birgt (vielleicht aber auch nicht): Warum schreibt Stuart Murdoch eigentlich so viele Songs, die aus der Perspektive von Mädchen erzählen, zumeist von solchen handeln, die sich durch widrige Umstände kämpfen müssen? “Ich schätze, das liegt daran, dass ich einfach viel über Mädchen nachdenke.”

Text: Torsten Hempelt