LITTLE MAN TATE

Manchmal könnte es so einfach sein. Die Kurzbio, die Little Man Tate (also Jon Windle:Gesang/Gitarre, Maz:Gitarre, Ben Surtees:Bass und Dan Fields:Drums) über sich selbst verfasst haben, sieht nach wenig aus und sagt doch fast alles.

„Wir leben und lieben in Sheffield, angeblich eine Stahlstadt. Maz und Jon waren schon als Kinder beste Kumpels und spielten ihren ersten gemeinsamen Gig mit 12 in einer Kirche. Es war kacke. Ben ist der Ron Jeremy des Pop, er surft gerne im Internet. Dan stieß als letzter zur Band, er ist cool, kümmert sich um alle.
Wir mögen es nicht, uns groß mit der Vergangenheit zu befassen und all unsere früheren Bands auszugraben, die waren ziemlich dröge, aber durch sie sind wir heute da, wo wir sind. Wir singen gerne, tanzen gerne und haben Spaß.
Unser gelber Van ist uns in York geklaut worden. Das war mal richtig scheiße. Alles futsch, inklusive Kabel und Plektren. Immerhin, unsere Badges haben wir gerettet, die hatte Jon in seiner Tasche. Die Polizisten meinten, die Diebe waren bestimmt Drogenabhängige. Da stimmten wir zu und nahmen den Zug nach Hause. All unsere Lieder gehen ums wahre Leben, um Dinge, die wir getan haben oder Leute, die wir getroffen haben. In einer Band sein ist das Beste. Wir leben, um live zu spielen.“

Prima. In und zwischen diesen Zeilen steht doch alles, was Little Man Tate ausmacht: Der Witz. Die Leidenschaft. Das Abenteuer. Die Freundschaft. Das Sich-Nicht-So-Bierernst-Nehmen. Da steckt Romantik drin, denn so stellt man sich das Bandleben doch vor – vier Jungs, die’s auch dann noch geil finden und auf den nächsten Auftritt gar nicht warten können, selbst wenn der Kleinbus geklaut wurde.
Es steckt auch Bescheidenheit in dieser Bio, denn die vier Jungs verschweigen uns geflissentlich, dass sie sich gerade in England zum nächsten Abseits-des.NME/onsite-on-myspace – Phänomen entwickeln, obwohl sie bis eben noch auf ihrem eigenen Minilabel „Yellow Van Records“ (Genau – der, der gestohlen wurde) veröffentlichten.
In Zahlen sieht das so aus: Februar: 2000 Exemplare der Debütsingle „The Agent“ innerhalb einer Woche ausverkauft. April/Mai: Die meisten Daten der UK-Tour ausverkauft – wobei die Karten für die Shows im 100 Club in London und das „Plug“ in Sheffield (Kapazität: erstaunliche 1.200) sogar innerhalb eines Tages weggingen.
Mittlerweile ist der NME mit an Bord und hat die Mai-Single „What? What You Got?“, die schon als sicherer Charts-Anwärter gilt, zur „Runner-Up-Single Of The Week“ erklärt. Hat „Little Man Tate: Man, we love your band!“ proklamiert. Allerdings: Der Buzz war vorher da. Bitte LMT nicht mit einer NME-Hype-Band verwechseln.

Dass England jetzt so abgeht, passiert natürlich nicht ohne Grund. Little Man Tate bieten alles, was britische Musik im Moment so spannend macht: Sie schaffen den Spagat zwischen Brit-Tradition (The Jam, The Clash, Glamrock, New Wave) und Moderne spielend einfach, indem sie diesen (ohnehin inzwischen zeitlosen) Sound für IHRE Leben, IHRE Geschichten adaptieren. Indem sie die Songs leben, die sie singen. Dies sind keine karrieregeilen Streber, die sich per Zeitungsanzeigen gefunden haben – dies sind vier Kumpels, die gemeinsam in einem Sunday League Football Team spielen (Anm: Amateurfußball der unteren Klassen ist in England nicht mit Auf- Und Abstiegsligen organisiert, doch überall gibt’s lokale „Sonntags-Ligen“, die so heißen, weil deren Spiele sonntags stattfinden). Vier Freunde, deren Geschichten auf den Rängen von Hillsborough (Jon und Ben sind die Sheffield Wednesday-Fans) bzw. der Bramall Lane (Maz und Dan hängen Sheffield United an) genauso zuhause sind wie in der Bar The Boardwalk, in der Jon einst am Ticketschalter arbeitete. Aber klar, man singt nicht über die banalen Alltagsgeschichten, sondern über die schrägen Vögel, die die Norm brechen. Über die bizarren Ereignisse, die nicht alle Tage stattfinden. Will heißen: Es gibt Lieder über Fußball-Hooligans in Frauenkleidern. Oder über bisexuelle Dreier. Eine kirre Mischung aus sozialem „kitchen sink“-Realismus und verruchter Glamrock-Theatralik. Dazu genau die schmissigen Melodien und die zackigen Punkpop-Riffs, die in den Bauch und die Beine gehen – und schon hat man eine Band, hat man vier beste Freunde, die nicht nur in England dieses Jahr für Furore sorgen werden.

„What? What You Got?“ b/w „Young Offenders“ erscheint in Deutschland am 19.05.2006. Das Debütalbum kommt am 01.09.2006 in die Läden.

V2, 2006