Im Fernsehen läuft eine Tiersendung, in der gerade ein Leguan ein Huhn verspeist. Régine Chassagne sieht sich das an und ist völlig außer sich vor Mitleid. Ihr Ehemann und Bandkollege Win Butler liegt auf dem Hotelbett und ist eher unbeeindruckt von dieser Szene. Nicht aber von Régine, die er lächelnd aber schweigend beobachtet.

Die Geschichte des kanadischen Sextetts The Arcade Fire ist weit vertrackter als die anderer Combos, denn die Verbindungen untereinander sind auf das Privateste verstrickt. Auch der verzweifelte Versuch einer Beschreibung ihrer entrückten und doch so tief im Pop verwurzelten Musik fällt nicht leicht. Trotzdem werden die Kritiker nicht müde, diese Band mit Superlativen zu überhäufen und ihr Raum zu geben, über sich zu sprechen. Wenn sie denn wollen. Im Fall von Régine Chassagne hat man eher den Eindruck, dass sie es sich schwer macht, mit all diesem Interesse, welches jetzt hier in Europa für sie und ihre Band entflammt, umzugehen. Im vergangenen Jahr veröffentlichten sie ihr Debüt ‘Funeral’ in Kanada und den USA, und es wurde gleich vom amerikanischen Rolling Stone zu einem der besten 50 Alben 2004 gekürt. Auch David Bowie und David Byrne drängelten sich The Arcade Fire wegen in einen Klub in New York und machen seitdem keinen Hehl aus ihrer Begeisterung für diese Band. Régine empfindet das als ein großes Kompliment, im Zusammenhang mit ihrer persönlichen Beziehung zur Musik versteht sie das jedoch nicht ganz: “Ich war schon immer sehr neugierig auf Musik. Ich wollte einfach wissen, wie sie funktioniert. Seit ich denken kann, versuche ich, bestimmte Melodien nachzuspielen auf so einem kleinen, blöden Kinderkeyboard. Wins Großvater Alvino war immer ein Vorbild für uns. Er machte ständig Musik und als er letztes Jahr starb, sind Win und ich zu seinem Haus gefahren und haben im Keller diese Massen an Instrumenten gefunden. Und da waren nicht nur die alten Banjos und Gitarren, sondern auch Computer und die zugehörigen Hilfsmittel. Nur um immer wieder der Musik auf die Spur zu kommen und sie zu erforschen. So wie er haben wir alle in der Band dieses Bedürfnis. Ist ganz schön verrückt.”

Win Butler und Régine Chassagne schaffen mit ihren Songs Leidenschaft und Unmittelbarkeit. Sie überzeugen dich davon, dein Leben sei nun zur weiteren literarischen Umsetzung an sie und das Mikrophon weiter gegeben. All diese Geschichten über das Erwachsenwerden, das Sterben und Kindsein sind gut erzählt, und in einer ästhetischen Weise in den Songs umgesetzt. Aber es gibt auch Geschichten über Laika, den ersten Hund im Weltall oder einen Stromausfall in Montréal vor einigen Jahren. Régine erzählt: “Es war an einem Freitag Abend im kanadischen Winter, als das passierte. Auf einmal war alles dunkel, die U-Bahn fuhr nicht mehr und auf den Straßen brach das totale Chaos aus. Ich dachte, mein Gott, ich kenne diese Stadt eigentlich auswendig, war mitten im Zentrum und war von einer auf die andere Sekunde völlig verloren. Diese Dunkelheit brachte das beste, aber auch das schlechteste in den Menschen zum Vorschein. Zum einen versammelten sich viele an öffentlichen Plätzen und verteilten Decken und Essen, und zum anderen fing die Plünderei an. Meine Freunde und ich machten Musik für ein paar ältere Leute, die Karten spielten. Wir hockten da also eine Weile zusammen und verbrachten unsere Zeit mit wildfremden Menschen, die aber unter diesen Umständen auf einmal sehr wichtig wurden. ‘Power Out’ erzählt davon.” Nicht nur dieser Song trifft mit seiner theatralischen und unglaublich energetischen Harmonie die gesamte Aussage des Albums mitten ins Herz. Nämlich diese eigentümliche Sperrigkeit der Songs, die sich nach und nach zu etwas entfalten, das sich jeder Kontrolle entzieht – wenn man es denn geschehen lässt.

Text: Rebekka Bongart