Gar nicht so einfach, sich die Anfänge von Lucky Jim ins Gedächtnis zurück zu rufen. Ihre Geschichte ist so außergewöhnlich, dass man aus heutiger Sicht meint, dass sie sich genauso und nicht anders abspielen musste – beinahe scheint sie erfunden. Aber glücklicherweise ist sie das nicht…

Gordon Grahame erinnert sich: „Ich bin in Edinburgh in Schottland geboren und kam zufällig zur Musik. Mit fünfzehn bin ich regelmäßig in Pubs aufgetreten, bis ich eine Band mit dem Namen The Lost Soul Band gründete, die drei Alben machen sollte, bevor sie in das übliche Chaos und die Depression abdriftete, die immer entstehen, wenn man keinen Erfolg hat und nicht vorankommt. Doch es ist nur Rock’n Roll. Ich hatte damals das Glück, neben vielen anderen Jeff Buckley und Rufus Wainwright zu treffen und mit ihnen Musik zu machen, aber ich fasste den Entschluss, ein paar Jahre lang etwas anderes zu machen und trat in den Kneipen von Paris und Amsterdam auf. In dieser Zeit spielte ich mit dem damals noch unveröffentlichten Schriftsteller Tristan Egolf zusammen, mit dem ich auch privat herumhing. Dann kam ich zurück und versuchte mich an
anderen Projekten, die ins Nichts zu führen schienen, doch ich hatte dabei immer das Gefühl, dass dieses ganze Material, das ich ansammelte, irgendeinen Sinn haben musste. Ich ging für drei Monate nach New York und trat in den Open-Mike-Clubs der Anti-Folk-Szene auf. Kurz vor dem 11. September 2001 erlebte ich eine Art Gotteserscheinung an der Ecke 11th Street/ C Street und steuerte heimwärts, wobei ich mich wie ein Heiliger fühlte; allerdings wie einer, der auf eine neue und viel düstere Welt zugeht. Während meines Aufenthalts in New York traf ich auf einen Journalisten einer Autozeitschrift (bei dem ich mich jetzt bedanken würde, wenn ich seinen Namen noch wüsste) und er gab mir den Tipp, dass ich es doch mal mit Brighton versuchen sollte…“

Wenige Tage, nachdem er sich Brighton als ersten Zwischenstopp auf seinem Weg nach Hause ausgesucht hatte, meldete sich Gordon für einen Slot im legendären Lift Club an, den es heute nicht mehr gibt. Als ein Schlagzeuger ausfiel, wendete er sich auf eine Empfehlung hin an Ben Townsend. Obwohl Ben seit zwei Jahren kein Schlagzeug mehr gespielt hatte, war er damit einverstanden mitzumachen. An diesem Abend entstand eine so einzigartige Übereinstimmung zwischen den beiden, dass sie auf der Stelle beschlossen, gemeinsam etwas aufzunehmen. Kurz zuvor hatte der aus Brighton stammende Ben mit dem Gedanken gespielt, die Musik ganz an den Nagel zu hängen und wieder mit dem Snowboarden anzufangen, was vor der Musik sein Leben bestimmt hatte: aber stattdessen nutzte er die Chance eines freien Platzes in einem Kurs über Musikproduktionstechnik. Und dort, in dieser Küstenstadt, trafen sich die beiden, und Lucky Jim kam zustande. Nur wenige Monate darauf hatte das Duo sein Debütalbum „Our Troubles End Tonight“ (2003) fertig. Das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit wirkte mühelos – die Anstrengungen der Vergangenheit und die Zeit des Lernens hatten sich für Ben und Gordon ausgezahlt. Sie nahmen ein Album mit brillanten Songs auf, die hinreißend arrangiert und produziert waren – und ebenso selbstverständlich wie das Resultat ihrer Arbeit war auch die Reaktion, die sie bekamen. Denjenigen, die zufällig „Our Troubles End Tonight“ in die Finger bekamen, gefiel es nicht nur – totale Anbetung trifft die Reaktion wohl besser. Die gestähltesten Kerle, denen „tough“ auf der Stirn zu leuchten schien, wurden dank Lucky Jims Fähigkeit entzaubert, sie tief in ihrem Innersten zu berühren, Frauen verfielen der schamlosen Offenherzigkeit und den charmanten Melodien.

„All The Kings Horses“, das neue Album des Zweiergespanns, besitzt natürlich ebenfalls diese Markenzeichen, aber dieses Mal erstrahlen sie in Technicolor! „All The Kings Horses“ (VÖ: 27.10.2006) entstand über einen Zeitraum von achtzehn Monaten hinweg in Zusammenarbeit mit Produzenten wie Steve Osborne (Suede, New Order, Doves) und Phil Bodger (Lily Allen, Jamelia, Will Young). Die Radiomixe wurden von Bacon & Quarmby (Richard Hawley, Ian Brown) beigesteuert: alles in allem war die Arbeit am Album dieses Mal eine reifere und gewieftere Angelegenheit. Da sich im gegenwärtigen Musikgeschäft die Singer/ Songwriter ja an beinahe jeder Ecke tummeln, stand fest, dass es Unsinn ist, dieser konsequent wuchernden EU-Schwemme noch etwas hinzuzufügen. Dieser Longplayer kommt zwar sicherlich bei Fans von Ray Montagne, Damien Rice oder Richard Hawley gut an, doch bereits beim ersten Anhören von „All The Kings Horses“ steht fest, dass sich das Werk emotional wie textlich in Gewässer navigiert, die sich jenseits von anderen befinden. Es ist ein Album, das auf einer Wellenlänge mit Van Morrisons „Veedon Fleece“ (1974) oder Jimmy Webb schwimmt, aber klanglich und stilistisch definitiv für die Gegenwart gemacht ist. Die Ursache dafür liegt in den Songs: Die Produktion drängt sich hier nie eigennützig in den Vordergrund; dafür begleitet, komplementiert und akzentuiert sie die Aussage hinter den Textzeilen. „Lovebirds“ zum Beispiel ist ein modernes Sonett (Na ja, es hat vierzehn Zeilen anstatt zwölf, aber Du verstehst, was ich meine…), in dem es um nichts anderes geht als um vergebene Liebeschancen: ohne Tricks, Hintertüren oder doppelte Böden. Das metronomische Klavier in „Loves Sweet Song“ ruft den Schmerz in Erinnerung, den man in einer Beziehung fühlt, wenn klar wird, dass man einfach aufgeben sollte… Es sind eben echte Songs – und nicht wie so oft Riffs, auf die einfach nur ein Text gesetzt wird. Zwar hören sich die Songs auch in akustischer Interpretation gut an, wie Gordon bereits solo getestet hat, doch auf der Bühne werden Lucky Jim von einem Bass und Keyboard sowie einer zusätzlichen Gitarre unterstützt. Mit einer Band-Performance, die das Credo ihres Songwritings unterstreicht, wird eine bemerkenswerte Erscheinung Ende 2006 und Anfang 2007 durch Europa ziehen. Denn einzig echt sind die Künstler, die so selbstsicher und ernsthaft in ihrem Tun sind, dass die Darstellung und der Ausdruck ihrer Kunst der einzig mögliche Weg für sie ist.


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