Der Frühling lässt nicht nur die heimische Flora sprießen, sondern erinnert uns daran, dass die Musik-Industrie endgültig aus dem Winterschlaf erwacht ist. So hat die motor.de-Redaktion das Gefühl gehabt, die Zahl der eingetroffenen Platten stiegen im März potentiell zu den Temperaturen. Ein Fakt, der die Auswahl der Besprechungen noch schwieriger gestaltete, als im Februar. Und selbst der Rest hatte es schwer genug, in unsere neue Ausgabe des Sammelsuriums zu gelangen.

Es war eben auch ein ereignisreicher Monat — nicht nur, weil unsere Homepage zwischenzeitlich mal für eine ganze Woche nicht zu erreichen war. Der Deutschland-Start von Spotify wird sich über kurz oder lang sicher auf die Hörgewohnheiten des Landes auswirken – unsere motor-App kann dabei hoffentlich mithelfen. Angesichts der fragwürdigen Echo-Verleihung scheint es hier durchaus Bedarf zu geben. Doch glücklicherweise gab es auch abseits dieser Veranstaltung gute neue Musik – auch aus deutschen Landen. So waren wir sehr angetan von den neuen Werken der Liedermacher-Garanten Olli Schulz und Funny Van Dannen. Und sogar MIA. redeten auf angenehme Art und Weise “Tacheles” – von den Düsseldorfer Hoffnungsträgern Stabil Elite ganz zu schweigen. Und jenseits der Republikgrenzen haben uns die Alben von Memoryhouse, The Jezabels, Michael Kiwanuka, The Shins oder das neue Prog-Rock-Meisterwerk von The Mars Volta begeistert.

Aufgrund der Vielzahl an Neuerscheinungen und vor allen Dingen talentierten Musikern wollen wir euch jedoch nicht nur die jeweiligen Peaks eines Monats vorstellen. Unser Platten-Sammelsurium macht es sich jeweils zum Monatsende zur Aufgabe, noch ein paar kurze Worte zu all den Alben zu verlieren, welche wir zwar auf dem Tisch liegen hatten, die aber stellenweise unter selbigen fielen – unabhängig davon, ob sie ein solches Schicksal verdient haben. Wir wünschen erneut viel Vergnügen beim Stöbern.

Hooray For Earth – “True Loves”  

(02.03., Memphis Industries) 
Hip Hip Hurra! Und dann auch noch in Eigenregie. Noel Heroux und sein Projekt Hooray For Earth produzieren gewaltigen Wave-Pop zwischen 80er-Jahre Hymne, Tanzflächenfüller und sinistrer Schönheit. Einmal die Euphorie-Skala hoch und runter, bitte. Nicht revolutionär, aber ungemein catchy.  

Jonquil – “Point Of Go” 

(02.03., Cooperative Music) 
Für die ersten beiden Alben von Jonquil hat sich außerhalb von Oxford kaum jemand interessiert. Doch nun will es Bandchef Hugo Manuel alias Chad Valley wissen und setzt für das Drittwerk auf bedingunslosen Wohlfühl-Indie-Pop. Kleine und mittelschwere Hymnen für die ganz großen Momente der Leichtigkeit.

Die Ärzte – “zeiDverschwÄndung EP” 

(02.03., Hot Action Records)
Die beste Band der Welt meldet sich nach fünf Jahren mit vier Songs zurück, die (fast) demokratisch unter BelaFarinRod aufgeteilt wurden. Herr Urlaub pickt sich die Rosine heraus, Rod ist in den 60ern gefangen und Bela versucht sich an Rock’n’Roll und Ska. Die besten Vorraussetzungen für ein knapp überdurchschnittliches DÄ-Album.

School Of Seven Bells – “Ghostory” 

(02.03, Full Time Hobby)
Sphärisch, hallend und verträumt war schon der Sound des letzten Albums, insofern hat sich nicht viel geändert. Die US-amerikanischen Dream-Popper werfen uns ein mystisch bis poppiges, jedoch kreativloses Werk vor. Dieser oberflächliche Spuk lässt weniger schaudern, sondern verursacht in erster Linie Kopfschmerzen.

Enno Bunger – “Wir Sind Vorbei”

(09.03., Play It Again Sam)
Liebesflop als Erfolgsformel für gute Musik? Funktioniert tatsächlich: das ostfriesische Dreiergespann Enno Bunger hat mit seiner zweiten Platte ein melancholisch-beschwingtes Trennungsalbum veröffentlicht, das sich mit Blumfeld‘schen Timbre und Singer/Songwriter-Klaviatur in alle geschundenen Herzen spielt.

Scuba – “Personality”

(09.03., Hotflush)
Die Genre-Puristen dürften geschockt sein: Hotflush-Labelgründer und Dubstep-Fachmann Scuba verlässt auf seinem neuen Werk ausgetretene Pfade und öffnet sich neuen, auch bewusst poppigeren Spielformen, die uns auch an seiner Rave- und House-Sozialisation teilhaben lassen. Der Groove bleibt glücklicherweise stets auf seiner Seite.

Daniel Rossen – “Silent Hour/Golden Mile EP” 
(16.03., Warp Records) 

Nach CANT das nächste Soloalbum eines Grizzly Bear. Angst vor der nächsten Platte? Eher kreative Isolationsablenkung! Kreativkopf Rossen legt seine Liebe für Beatles-Melodien und davontragende Harmonien offen. Ein kleiner Leckerbissen, doch ungeheuer schmackhaft. Folk meets 70s-Pop at its best.

Everlaunch – “Number One”

(16.03., Me.Inyou)  
Hat-man-doch-alles-irgendwie-schon-mal-gehört-Gefühle stellen sich beim bereits fünften Werk der Niedersachsen ein. Platt ist der Indie-Rock des Quintetts zwar hin und wieder, dennoch gibt es auch einige schöne Ideen zu bestaunen. Saiten-Torturen, Klavier-Einsprengel und epische Konstrukte? Mehr davon!  

Esperanza Spalding – “Radio Music Society”

(16.03., Concord) 
Die kontrabassspielende Portlanderin sieht aus wie die jüngere Schwester von Erykah Badu und kann als weitere Gemeinsamkeit ebenfalls einen Grammy aufweisen. Verdient hat sie sich das mit ihren souligen Kompositionen, die vielleicht alteingesessene Kritiker begeistern können, die jüngere Generation empfindet ihre vierte LP vermutlich eher als belanglosen Radiopop.

Miike Snow – “Happy To You”

(16.03., Smi Col) 
Drei Jahre nach seinem erfolgreichen Debüt schmeißt das schwedische Vorzeige-Elektro-Pop-Trio einen neuen Knaller auf die Tanzflächen sämtlicher Indie-Discos. Ihre Synthie-Melodien und hallenden Worte mutieren zu Ohrwürmern, die in Kombination mit wummernden Bässen keinen Fuß mehr stillstehen lassen.

The Decemberists – “We All Raise Our Voices To The Air” 

(16.03., Rough Trade) 
Perfektion kann anöden. Der Beweis: 122 Live-Minuten von The Decemberists. Zwar präsentiert die sechsköpfige Folkband aus Portland ihren Fundus von 6 LPs und zahlreichen EPs mit gelassener Ruhe, doch der Humor Colin Meloys kann dieses Best-Of nur zu selten aus der Lethargie holen – trotz Jodel-Einlagen.

Spoek Mathambo – Father Creeper

(16.03, Sub Pop)
Der südafrikanische Rapper und DJ präsentiert uns ein Album, das zwischen Elektronik, Hip Hop sowie Soul changiert und erinnert damit an Sublime oder N.E.R.D. Trotz teils verspielter Songs, macht die Platte mit Energie, Einfallsreichtum und groovendem Gesang Lust auf Sommer und Cocktails.  

Jazzkantine – “…  spielt Volkslieder” 

(23.03., Polydor) 

Selbst die Argumente “Lustige Idee” und “So dämlich, das es schon wieder gut ist” zünden hier nicht: Cappuccino und Co. Vergreifen sich an deutschem Liedgut und machen aus inbrünstigen Klassikern wie “Im Frühtau zu Berge” belanglosen Lounge-Jazz. Überhörbare Langeweile und falsches Geschichtsverständnis.

 

Mobilee Back to Back Vol.6 – Presented by Pan-Pot
(23.03., Mobilee)
Wer sich schon immer mal gefragt hat, was es mit dem “Mobilee-Sound“ auf sich hat, bekommt nun eine omnipotente Antwort: Die Berliner Peak-Time-Fanatiker Pan-Pot übernehmen die Familienvorstellung und laden mit Label-Werkschau, Mix-CD und Dokumentation zum Kennenlernen, Eintauchen und – klar – Feiern ein.

 

Timid Tiger – “The Streets Are Black”
(30.03., Papercup)
Endlich erwachsen? Naja. Frontmann Keshav PuruShotham und seine Mannen klingen zwar reifer, doch noch immer wird munter im Fingermalkasten der Genres gemanscht. Am Ende reicht das Spektrum von knackigen Indie-Dancefloor-Brettern bis hin zu schmachtenden Balladenfetzen. Weiterhin irgendwie ausbaufähig.