Stürmisch und schwebend, ausladend und intim – das walisische Elektro-Duo Man Without Country liebt die Spannung in seinen epischen Soundlandschaften und weiß gerade dadurch mitzureißen.

(Foto: Paul Phung)

In einer medial vernetzten, zusehends transparanten und vielleicht auch dadurch auf Oberflächlichkeit getrimmten Gesellschaft kommt das Mysteriöse häufig zu kurz. Alles muss eindeutig sein – definiert, analysiert und meinungstechnisch gefestigt. Im Wirrwarr moderner Popkultur noch mit einer Idee aufzufallen scheint nur noch über Lady Gaga-esque Medienhypes zu funktionieren. Tomas Greenhalf und Ryan James aus dem Süden von Wales haben da andere Vorstellungen. Sie agieren lieber im Verborgenen, verstecken sich und ihre Person hinter der Idee von Man Without Country – eine Idee bestehend aus epischen Klangwelten, hypnotischen Rhythmen, bittersüßen Texten und komplexen Konstrukten. Sie selber bleiben dabei bisher nur Schemen in ihren Videos und Pressefotos. Selbst die Frage nach dem dritten Mann auf obrigem bleibt vorerst unbeantwortet. Musiker, denen ihre Musik wichtiger scheint als die eigene Person – eine angenehme Ausnahmeerscheinung.

Man Without Country – “Inflammable Heart”


Beide trafen sich beim Musikstudium im Rahmen eines Kurses für Popmusik im Jahr 2006, welchen die beiden schüchternen Waliser lediglich besuchten, um Gleichgesinnte zu treffen. Der Plan ging auf und in den nächsten Monaten beschnupperte man sich musikalisch erst einmal bevor sich die zwei gemeinsam in den Proberaum wagten. Während Greenhalf sich eher den epischen Soundwelten von Brian Eno oder Pink Floyd verbunden fühlte, hatte sich Kollege James zu dieser Zeit mit den zartfühlenden Indie-Songwritertum von Bands wie Death Cab For Cutie angefreundet. Doch man traf sich in der Mitte, öffnete sich für die Vorstellungen des jeweils anderen und schuf so ganz neue Ideen. Den Namen entlieh das Duo einer Essay-Sammlung des US-amerikanischen Autors Kurt Vonnegut, welcher ihr Gefühl der Nichtdazugehörigkeit widerspiegeln soll. Und Sänger James sieht sich durch seine verzweifelten, aber oft auch satirischen Songtexte in der Tradition des Namensgebers. Und genau diese Kombination kennzeichnet die Musik. Das Debütalbum “Foe” wurde bereits mit dem renommierten Produzenten Ken Thomas (Sigur Rós) aufgenommen und wartet nur auf einen Vertrieb. Ihr Song “Closet Addicts Anonymous” schaffte es zuletzt außerdem auf einen Sampler des bekannten französischen Labels Kitsuné.

Man Without Country – “King Complex”

So gibt bereits die erste EP “King Complex”, welche auf der Soundcloud-Seite der Band komplett gestreamt werden kann, einen wunderbaren Eindruck von dem, was in diesem Jahr noch kommen soll. Epische Songs zwischen Pop und Shoegaze, zwischen Dancefloor und düsterem Wald – und immer wieder bittersüße Lyrics die vom Abgesang auf Starruhm, verlorener Kindheit und Selbstauflösung handeln. Moby und M83-Mastermind Anthony Gonzalez zählen schon zu glühenden Verehrern des Duos. Beide ließen sich von Man Without Country remixen, letzterer lud das Duo sogar ins Vorprogramm seiner aktuellen Tour ein. Auch hier versteckt sich das Zweiergespann, das live noch einen dritten Mann am Schlagzeug mitbringt lieber hinter meterhohen Synthiewänden, Bühnennebel und viel Hintergrundbeleuchtung. Den bleibenden Eindruck hinterlassen die vielen Pop-Meisterwerke, die Man Without Country im Sortiment haben und von denen in Zukunft bald noch mehr aus dem Schleier des Mysteriösen heraustreten werden.