Mit mindestens einem Auge haben Mando Diao ja immer auf die guten alten Sechziger geschielt. Warum sollte man sich dann nicht auch die fleißige Arbeitsmentalität der musikalisch so ertragreichen Dekade einfach mal zum Vorbild nehmen und lediglich ein läppisches Jahr verstreichen lassen, bis man dem Mando Diao-begeisterten Menschen eine neue backfrische Platte serviert?! Und während die Jungs aus Borlänge ihre selbstkreierte CD-Sammlung stetig erweitern, nutzen sie die Gunst der Stunde, um sich überall auf diesem Erdball ein wenig weiterzubilden.

Mando Diao genießen ihre Zeit in der deutschen Hauptstadt. Erste Interviewaktivitäten im Rahmen des Erscheinens ihrer neuen und mittlerweile vierten Platte “Never Seen The Light Of Day” sind im Gange, was den jungen Burschen aber auch erlaubt, nach getaner Arbeit ihr Wissen über das berühmte Berliner Bar-Geschehen ein wenig auszubauen. In ihrer Heimat Schweden hat man, was die Auswahl an anständigen Tanzlokalen und Schenken betrifft, leider gewisse Mängel zu verschmerzen, wie Pianist Mats Björke zu beklagen weiß. “In Stockholm gibt es kaum gute Clubs. Sehr viele Leute dort sind wirklich unentspannt. Es ist eine Schande.”

Wenn es nur das ist. Vor nicht allzu langer Zeit mussten sich die fünf musizierenden Freunde noch mit weitaus mehr nationaler Verklemmtheit herumschlagen. Nachdem sie bereits durch ihr Album-Debüt “Bring’Em In” japanische Mädchenherzen zum Wegschmelzen brachten und auch spätestens seit “Hurricane Bar” europaweit glasklar zu verstehen gaben, wo genau man sich die geballte Ladung pfiffigen Gitarren-Rocks besorgen sollte, waren die Menschen im höheren Norden noch sauer auf die freche Bande. “Unsere Landsleute hatten uns einfach nicht verstanden. Erst mit “Ode To Ochrasy” haben wir dort mehr Aufmerksamkeit bekommen. Keine Ahnung, wieso. Wir sind wohl ganz schön unschwedisch, wenn es darum geht, unsere Meinung direkt zu äußern. So hatten wir auch in der Vergangenheit eine ganze Reihe Musikfans ziemlich verärgert, als wir die größte Band des Landes, Kent, als fett, alt, hässlich und langweilig bezeichneten. Wenn das erst mal in der Zeitung steht, dann interessiert sich keiner mehr dafür, wie ernst das in jenem Augenblick nun wirklich gemeint war.”

Was Liedsänger Björn Dixgård hier erzählt, sind alte Geschichten. Mittlerweile ist alles vergeben und vergessen – zumindest in ihrem Heimatort Borlänge, wo man die berühmten Söhne stolz als die Helden des kleinen Städtchens zu feiern weiß. Ehre wem Ehre gebührt, denn wer derart fleißig an seiner Musikkarriere schraubt, darf auch begeistert umjubelt die Früchte seiner Arbeit ernten. Trotz Terminplan-füllendem Tourstress haben sich Björn, Mats, Gustaf und Co. in ihren kurzen Winterferien nicht zu Hause bei Mama und Papa einquartiert, um sich mit tonnenweise Kött- und Kanelbullar anständig für die kommenden Reisemonate stärken zu lassen, sondern sind für einen zweiwöchigen Arbeitsaufenthalt in ein Tonstudio gezogen. Auch Produzenten-Sternchen Björn Olsson, der bereits bei Entstehung von “Ode To Ochrasy” seine kreativen Finger mit ins Spiel gebracht, jedoch lange vor Fertigstellung der Platte den Schauplatz wieder verlassen hatte, war mit von der Partie. Dieses Mal haben sie das komplette Album gemeinsam gebastelt, das irgendwie anders klingt, als man es von den eifrigen Jungen bislang noch gewöhnt war. “Wir haben uns in letzter Zeit viel mit schwedischer Volksmusik auseinander gesetzt, was man auf der Platte hören kann. Es sollte nicht wieder mit dem gleichen quirligen Gitarren-Zeug voll gestopft werden. Das wäre langweilig gewesen. All unsere musikalische Leidenschaft steckt natürlich noch immer ungedämpft darin, auch wenn sich das auf “Never Seen The Light Of Day” irgendwie anders äußert. Insgesamt kann das Album wohl mit klanglich schöneren Melodien aufwarten, als man das von unseren anderen Platten kennt.”

If I Dont Live Today – Video

Nicht nur ihr auditives Repertoire haben die Mandos mittlerweile zu erweitern gewusst. Auch geographisch hat man seine kulturellen Kenntnisse deutlich ausgebaut und so kürzlich beispielsweise im Land des Lächelns neue, bizarre Eindrücke gesammelt. Bei ihrer China-Reise vor wenigen Wochen trafen die Borlänger-Buben nicht nur auf eine seltsame Mischung aus komplett überforderten und vollends euphorischen Festivalbesuchern, brutale Polizisten, die diese mit ungewohnt schlagwütigen Methoden unter Kontrolle zu bringen versuchten und bizarre, Reptilien-gespickte Mittagsgerichte, sondern auch auf eine völlig rudimentäre Radiokultur, wie Keyboarder Mats höchst erstaunt berichtet. “China war wirklich anders. Ich glaube, sie haben erst im Jahre 1995 damit begonnen, sich mit westlicher Musik zu befassen. Als wir dort bei einer morgendlichen Radiosendung zu Gast waren und ich etwas von den Beatles hören wollte, fragten sie, ob es nicht stattdessen etwas von Nirvana oder Pearl Jam sein könne, weil sie nur damit ausgestattet wären.” Ein Grund mehr also, brav seinen Horizont zu erweitern und den Fehler im musikalischen System aufzuspüren und auszubügeln. Als ewig-eifrige Tour-Touristen sitzen die fünf Freunde ja auch direkt an der Quelle.

Christine Stiller