(Foto: Andreas Hornoff)

Früher, in Zeiten von StudiVZ, gab es mal eine Gruppe „Wer Kettcar hört, kann kein schlechter Mensch sein.“ Der Typ von Kettcar, Sänger Marcus Wiebusch, den ich gleich beim Interview treffe, muss also einer von den Guten sein. Trotzdem mach’ ich mich fast voll, denn seine straßenschlauen Alltagslebensweisheiten sind Grund dafür, dass ich mit 14 angefangen habe zu denken. 80 Prozent meiner Ratschläge bestehen aus Kettcar-Zitaten und meinen ersten Gästelistenplatz habe ich für’s Verteilen von Grand Hotel van Cleef-Stickern ergattern können. Grund für das Meet and Greet ist Wiebusch’s erstes Solo-Album Konfetti.
Statt immer nur vom Kreativsein zu reden, macht er lieber – und zwar ohne seine Bandkollegen. Somit klingt das Album thematisch noch immer nach dem authentischsten Intellektuellen-Quintett Norddeutschlands, musikalisch hat Vater Zeitgeist aber auch hier seinen Weg samt Synthesizern und „Haters gonna hate“-Aussprüchen ins Œuvre gefunden. Was letztendlich im Hintergrund läuft ist eh schon fast egal, denn Marcus Wiebusch ist einer, der noch was zu sagen hat. Und ihm sollte man lauschen! Die altbewährte Mischung aus intelligentem Humor, wahren Worten und vor allem einwandfreier Zielgenauigkeit, den Finger da raufzudrücken, wo es unserer Gesellschaft noch ein wenig Zivilcourage, Ehrlichkeit und Überzeugungskontinuität fehlt, fruchtet wieder.
Zur kleinen Song-Literatur-Besprechung in Berlin haben sich die Themen (Un-)Gnade der späten Geburt, die Dümmsten der Dummen (insbesondere bezüglich Fußball und Homophobie) und die Zukunft der Popmusik genau so aufgedrängt, wie die Frage danach, was der …But Alive-Marcus von vor zwanzig Jahren eigentlich zum heutigen gesagt hätte. 

 

Motor.de: Dein erstes Solo-Album ist fertig, herzlichen Glückwunsch dazu! Damit machst du jetzt aber nicht einen auf Thees Uhlmann und bist fortan solo unterwegs – alles nur, um „Balu“ nicht mehr spielen zu müssen?
Marcus Wiebusch: Ne, wir haben mit Kettcar die Verabredung, dass wir uns im Sommer zusammensetzen, sobald der Sturm vorüber ist und wirklich gucken, was wir aus den Erfahrungen der letzten beiden Alben lernen konnten. Dann wollen wir hoffentlich mit frohem Mut und voller Elan ans nächste Kettcar-Album.

Motor.de: Im Song „Off“ sprichst du von Wohlfühloasen an der Waterkant, die ich als Nordlicht gut kenne. Was ist das Gefühl für dich?
Marcus Wiebusch: Der Song ist klar am Meer verortet. Dieser neunjährige Junge an der Wasserkante ist eines der wenigen autobiographischen Sachen an diesem Album. Das Gefühl, ganz im Hier und Jetzt zu sein, die Zeit komplett zu verlieren, stundenlang rum zu stromern, Burgen zu bauen und auf einmal aufzublicken und die Sonne untergehen zu sehen. Und du denkst: Wo bin ich gewesen? Was ist passiert? So ganz weg zu sein – dieses Gefühl erlebt der Protagonist mal wieder an der Wasserkante. Ich empfinde dieses Gefühl als extrem wichtig für den seelischen Grundhaushalt, den wir alle brauchen. Wir haben mittlerweile diese ganze Wellness-Industrie erfunden, die verzweifelt versucht, uns dieses Gefühl zurück zu vermitteln, durch Lavendelprogramme und Wohlfühloasen, in denen wir uns für 30 Minuten selbst belügen können. Aber im Grunde genommen geht es um diesen Zustand „Off“, der Nicht-Erreichbarkeit im Hier und Jetzt – nicht in den Gedanken woanders. Ich starre auch ständig auf mein Handy, aber wie es im Song am Ende heißt: Jeder muss selbst entscheiden, wie er mit der Erreichbarkeit und permanenten Inanspruchnahme umgeht.

 

Motor.de: Du hast Lobeshymnen auf Hamburg geschrieben; jeder will an den Landungsbrücken raus, denn: dieses Bild verdient Applaus. Was kann Hamburg denn im Gegensatz zu anderen Städten, z.B. Berlin so?
Marcus Wiebusch: Den Vergleich und das gegenseitige Ausspielen finde ich ja nicht so gut. Aber Hamburg hat halt den Hafen. Das ist der größte Unterschied. Während ich Berlin vor ein paar Jahren als eine wahnsinnig attraktive Stadt insbesondere für Künstler empfand, die hier mit wenig Kohle zurechtkommen konnten, ist das heute auch nicht mehr so. Alles nähert sich immer weiter an.

 

Motor.de: Im zweiten Song des Albums, „Der Tag wird kommen“, bringst du eines der letzten Tabuthemen Deutschlands mal wieder auf den Punkt: Fußball und Homophobie. Anfang April auf Youtube veröffentlicht, zeigen die Kommentare eine Dankbarkeit der Gesellschaft gegenüber der Tatsache, dass du durch siebeneinhalb Minuten Aufmerksamkeit eine Öffentlichkeit für dieses Thema geschaffen hast.

Marcus Wiebusch: Die Geschichte dahinter ist, dass ich mit einem befreundeten Sportjournalisten nach einem St. Pauli-Spiel ins Gespräch kam und er mir von mehreren homosexuellen Fußballspielern zu berichten wusste von denen er weiß, was für ein Höllenleben die führen. Dann gab es eine dieser Pauli-Aktionen für den natürlichen Umgang mit Homosexualität im Fußball. Bei St. Pauli wurde das natürlich extrem gut aufgenommen – und ich dachte mir: Wow, so kann’s auch sein. Danach kam ich mit meinem Bruder, der homosexuell ist und im Stadion neben mir sitzt, ins Gespräch, weil er eine sehr dezidierte Meinung zum Thema Outing hat. Danach hat mich das Thema unglaublich beschäftigt. Ich hab sehr sehr viel recherchiert, mich noch einmal mit dem Sportjournalisten getroffen und dann in drei Monaten den Song geschrieben. Und das ist dann daraus geworden.

Motor.de: Hast du dann nicht irgendwie gutreden? Zu sagen: traut euch doch mal!
Marcus Wiebusch: Nein, nein. Mit dem Song rate ich niemandem, sich zu outen. Ganz im Gegenteil, in dem Song heißt es einmal: Es ist deine Entscheidung. Es geht mir nur darum, dass die Möglichkeit dazu geschaffen wird. Und das ist eine Sache, die zum Freiheitsbegriff ganz normal dazu gehört – dass jemand seine Sexualität preisgeben kann ohne Negatives zu erwarten. Es gibt unzählige Fallbeispiele mit berühmten Persönlichkeiten, nennen wir es Westerwelle, nennen wir es Ricky Martin, Elton John, nennen wir es George Michael, nennen wir es …, nennen wir es…, nennen wir es … für deren Leben es eine wahnsinnige Bereicherung und auch einen Symbolcharakter für andere Leute und die Bereiche, in denen sie tätig sind, dargestellt hat! Z.B. für die Politik: Wenn du mir vor 10 Jahren gesagt hättest, dass wir irgendwann mal einen schwulen Außenminister haben, der in Länder reist, in denen Homosexualität unter Strafe steht, hätten wir beide doch gesagt: Ne, wird nie passieren. Homosexuelle Politiker, die sind erpressbar, blablabla. Guck dir an, wo wir heute stehen! Wir sind ja auch im Wandel, wir sind im Fluss, es geht voran. Und diesen Fluss, den möchte ich auf dem Fußballfeld nicht außen vor lassen. Ich möchte, dass wir da auch auf dem Weg sind. Es wird besser! Es ist ein langer Weg, aber mir ist es wichtig, dass er gegangen wird. Dann wird irgendwann der Normalzustand eintreten, dass man sagt: Ok, da ist der und da der, der ist schwul, na und? Es geht weiter. Der Tag wird kommen!

 

Motor.de: Blöder abrupter Übergang, aber nächster Song: „Nur einmal rächen“. Ist das dein „Zu Spät“?
Marcus Wiebusch: Ja, wenn du so willst (lacht). Ein bisschen anders gelagert ist der Fall bei mir ja schon. Tatsächlich bin ich über „The Social Network“, die Geschichte Mark Zuckerbergs, aufmerksam geworden. Ich finde den Film mega. Bei einigen Stellen im Film dachte ich mir: Das ist ein Rächer. Der rächt sich an diesen reichen Alphatier-Sportskanonen-Arschlöchern und will als der ewig Gedemütigte seinen Teil holen. Um die Übertragung des Gefühls der Rache auf den Nerd geht es in dem Song. Der Nerd ist ein Zeichen unserer Zeit. Wenn du die zehn führenden Internetunternehmen der Welt anschaust, sind neun davon knüppelharte Nerds, die früher in die Mülltonne gesteckt wurden. 

Motor.de: Muss man da Angst haben? Die haben schließlich die Welt so ziemlich in der Hand.
Marcus Wiebusch: Ne, wovor?! Die Rache ist eine absurd-witzige. „Clubs kaufen, in die ihr reinwollt“: Das ist nur ein Überlegenheitsgefühl, keine wirkliche Handlung. 

 

Wenn man sich Marcus Wiebuschs Leben so anschaut fällt auf, dass er aus einer Generation kommt, die ich um ihre Zielstrebigkeit, mit der Ideen und Vorsätze vehement verteidigt wurden, beneide. Seine Punkband … But Alive gründete sich nach den Vorfällen in den Asylheimen in Rostock Lichtenhagen und tourte anschließend knapp zehn Jahre, um eine Öffentlichkeit für traditionelle Punkthematiken zu schaffen und zu erhalten. Meine Generation dagegen, allen voran ich, kaufte sich mit 13 auf Ebay eine alte In Utero-CD, ging mit Doc Martens zur eigenen Konfirmation und fühlte sich damit wahnsinnig revolutionär. Naja, quasi vergleichbar, wa?!

 

Motor.de: Zum Song „Jede Zeit hat ihre Pest“ tut sich mir – ´89 geboren – die Frage auf: Was meinst du – Gnade oder übelster Beschiss der späten Geburt?
Marcus Wiebusch: Jede Zeit hat ihre Pest. Deswegen finde ich diese Trennung Quatsch. Ich entdecke nur jeweilige zeitgeistige Phänomene und setze mich mit ihnen auseinander. Das, was ich jetzt geschrieben habe, hätte ich vor zwanzig Jahren mit etwas anderer Konnotation fast genau so schreiben können. Nämlich, dass es den Impuls unter Menschen gibt, dass sie für „ein bisschen anders sein“ alles vergeben – sogar Überzeugungen. Und darum geht es mir in dem Song. Was unsere Generationen unterscheidet, ist, dass du dir heute mit zwei Mausklicks das gesamte kulturelle Wissen aneignen kannst und dann genau der sein kannst, der ich angeblich bin. Die Zeiten sind einfach vorbei, in denen man sich über Oberflächenanreize wie Äußerlichkeiten anders gestalten kann. Wenn du jetzt ein Ramones T-Shirt anhast…

Motor.de: Ist es meistens eh von H&M…
Marcus Wiebusch:  ​
Richtig! Zu meiner Zeit war ein Ramones-Shirt ein Statement.

Motor.de: Kann man dann heute noch so authentisch sein wie früher? Insbesondere in meiner Generation werde ich immer häufiger mit Blendern konfrontiert. Menschen, die sich einen Wikipedia-Artikel über die Hamburger Schule durchgelesen haben und sich dann für überlegene Experten fühlen, die nur auf den nächsten Moment warten, dieses Wissen anzuwenden, um Andere bloßzustellen. 
Marcus Wiebusch: Das, was du beschreibst, das leicht Oberflächliche, scheint mir auch ein Wesen der Zeit zu sein. Die Menschen sind nicht mehr so durchdrungen von einer Idee, um sie dann auch kraftvoll umzusetzen. Eher hier mal lesen, da mal gucken, weil sie immer anders sein wollen. 

Motor.de: Und das ist gaaanz schön anstrengend. Sowohl für die Menschen, als auch die Leute in ihrem Umfeld. 
Marcus Wiebusch: Ich mach mich im Song ein bisschen lustig darüber "halb hip, doppelt doof, hip hip hurra!". Es ist ja auch wahnsinnig bescheuert, aber ein Zeichen der Zeit. 

Motor.de: Diedrich Diederichsen hat vor kurzem das Buch “Über Popmusik“ veröffentlicht – was ich nicht gelesen habe, da ich zu arm für ein 40€-Buch bin – ich habe mir aber trotzdem meine Gedanken über Pop gemacht. Und du hast deine Diplomarbeit über „Die Bedeutung populärer Musik für die Entwicklung Jugendlicher und die Chancen für die Jugendkulturarbeit“ geschrieben, was dich zum perfekten Ansprechpartner für meine folgende Frage werden lässt. 
Marcus Wiebusch: Du bist erstaunlich gut informiert!

Motor.de: Ja,… auch ein Wikipedia-ArtikelIch habe derzeit ein wenig Angst um die Popmusik und sorge mich in Anbetracht der Tatsache, dass sich alles immer näher kommt, um ihre Zukunft. Jugendkulturen sind häufig dadurch entstanden, dass Menschen die Gesellschaft reflektieren und gegen bestimmte Zustände, Eltern, andere Jugendkulturen rebellieren wollten. Diese strikten Trennungen von Popmusik und zugehöriger -Kultur verschwimmen eher: Indie ist gleichzeitig Elektro-Pop mit Rap-Part. Und alle bauen einen Gentrifizierungs-Querverweis ein. Man geht mit seinen Eltern auf Konzerte, die die Spex präsentiert und klaut Mama und Papa die alten Blumfeld-Platten aus dem Regal. Deswegen frage ich mich: Kann da noch etwas Neues entstehen?
Marcus Wiebusch: Natürlich erfindet niemand mehr das Rad neu. Aber das war vor zehn oder zwanzig Jahren genau so. Es gab nur die Zeit vor Techno und die Zeit danach. Ich wüsste nicht, wie so etwas noch einmal entstehen sollte. Das ist schließlich auch eine technologische Sache. Durch die Erzeugung von Tönen durch Maschinen haben wir alles erobert. Es wird immer wieder Clashs geben, aber ich glaube nicht daran, dass ein komplett neues Genre entstehen wird. 

 

Motor.de: Und das ist, wovor ich Angst habe. Irgendwann alles gehört zu haben. Einer Musikrichtung überdrüssig zu sein und in der Zeit immer weiter zurückzugehen, bis irgendwann nichts mehr davor existiert.  
Marcus Wiebusch: Das glaube ich nicht. Die Popmusik ist schon so alt – und im Endeffekt sind es doch immer nur die gleichen vier Akkorde.

Motor.de: Langsam ist die Kindergeneration derer herangewachsen, die Die Goldenen Zitronen und Die Sterne, etc. hörten und haben eigene Bands gegründet: Messer und Trümmer zum Beispiel um ein paar Namen zu droppen. Die Intro hat außerdem über eine neue Welle des „Zeckenrap“ geschrieben. Kannst du dich mit deren Musik identifizieren oder belächelst du sowas?
Marcus Wiebusch: Seit anderthalb Jahren bin ich leider in einem Tunnelblick und habe viele Bands nicht so verfolgt, wie ich’s sonst tue. Ich belächle aber niemals eine jüngere Generation. Vielleicht mach ich mich über bestimmte Auswüchse lustig, wie das Hipstertum, weil ich das halt auch echt … scheiße finde. Zeckenrap habe ich noch nicht gehört, aber es klingt für mich nach einer Haltung – das ist schon mal gut!

Motor.de: In „Wir waren eine Gang“ sprichst du über eine idealistische Gang und was bis heute aus ihnen geworden ist. Was würde dein Ich von vor zwanzig Jahren zu deinem heutigen Selbst sagen? 
Marcus Wiebusch: Genau darum geht’s in dem Song: Das Verklären von Vergangenheit und vielleicht das Verraten von Idealen. Ich glaube, der Marcus von vor zwanzig Jahren hätte zu dem Album gesagt, dass er manche Songs total scheiße finde und nicht versteht, was das soll. Andere Songs, wie „Der Tag wird kommen“ fänd er mega. Die Kraft. Und vor allem, dass es am Ende auch ganz ganz klar macht worum es hier geht: Um die Dümmsten der Dummen, die homophoben Vollidioten und dass es da nichts mehr zu verhandeln gibt. Das, „Jede Zeit hat ihre Pest“ und „Haters gonna hate“ hätte dem Typ vor zwanzig Jahren Respekt abgenötigt. Ganz allgemein hätte er wahrscheinlich Kettcar verachtet (lacht). 
Für mich selbst ist es ein ambivalenter, sehr verstörender Song. Ich komme aus linken Zusammenhängen und weiß um die Kraft der Gemeinsamkeit. Sich zusammen zu tun, zu sagen „Das sind unsere Ziele, unsere Ideale. Lass’ uns zusammen was erreichen!“. In dem Song wird es ideeller Weise als Gang bezeichnet. Aber: Die knüppelharte Realität der zweiten Strophe zeigt dann, dass diese Gemeinschaft, die wir uns herbeigeträumt haben, vielleicht ein bisschen aufgesetzt war. Heute Hedgefond-Manager, Yogalehrer, Staatsanwalt – und damals haben wir gedacht wir retten die Welt, oder was? 

 

Motor.de: Und was sagt im Gegenzug retrospektivisch dein heutiges ich über Marcus von vor zwanzig Jahren? Warst du naiv?
Marcus Wiebusch: In Kategorien wie naiv denke ich nicht. Aber wenn ich mit … But Alive-Sachen konfrontiert werde, merke ich, dass ich textlich sehr moralisch und zeitgeistig an die Dinge herangegangen bin. Das könnt ihr euch heute gar nicht vorstellen, Rostock Hoyerswerda, als ´93 die Asylbewerberheime brannten. Du hast das im Fernsehen gesehen und gedacht „Das kann nicht wahr sein, dass hier der braune Pöbel das Kommando übernimmt!“ In Reaktion darauf gab es irgendwann diese Lichterketten und man dachte sich wieder „Ihr verdammten Heuchler, jetzt setzt ihr euch dafür ein – und vorher ist es euch scheißegal gewesen, woher die Leute kommen. Hauptsache sie haben mit eurem Leben nichts zu tun.“ Die Songs entstanden als absolute Antwort auf diese Zeit. Heute weiß ich: die Songs waren gut und wichtig, ich habe viel Beifall dafür bekommen und stehe wie eine Eins dahinter. Aber ich muss anerkennen, dass ich mich wandeln musste, weil die Zeiten sich geändert haben und auch ich mich verändert habe. Ich bin jetzt zweifacher Familienvater und da überlegt man sich, ob man auf die nächste steineschmeißende Demo geht. Mit meinem Marcus Wiebusch von vor zwanzig Jahren würde ich sehr sehr milde und mit Wohlwollen umgehen, weil er viele Sachen richtig, gut und kraftvoll formuliert hat. 

Motor.de: Hast du jetzt auch ein anderes Verständnis von der Welt? Wer früher den Kapitalismus verschrie, muss sich nun eingestehen, dass man sich eben auch nicht in einer Höhle auf Fuerteventura nur von Gräsern ernähren kann?
Marcus Wiebusch: Dass Wir, die wir aus linken Zusammenhängen kommen, uns mit dem Kapitalismus arrangieren mussten oder müssen – das ist ganz unbenommen. Ich mach das aber auf meine Weise. Mit dem Grand Hotel van Cleef habe ich sogar eine Firma gegründet, versuche da aber auf stärkster Ebene mich und meine Kultur ohne irgendwelche ausbeuterischen Dinge herauszubringen. Das ist mein Umgang damit – aber ich bin natürlich komplett in den Kapitalismus eingebettet und es gibt nicht eine Sekunde, in der ich mir etwas Anderes vorheuchle. 

Vera Jakubeit

Marcus Wiebuschs erstes Soloalbum "Konfetti" erscheint am 18.04.2014 über Grand Hotel van Cleef. Nach dem Interview steht fest: Nicht nur die eigene Plattensammlung kann damit aufgehübscht werden, die Lücken bei Mama und Papa können damit auch gefüllt werden!