Sensation! Der Mimus Albus steckt im Atom!

Hadron, Drehkörper, unruhiges Kind. So klein und doch teilbar. Zehn hoch minus dreizehn Zentimeter. Zuletzt die Eitelkeit des Sichtbaren begründet die Suche nach Essenz im Unsichtbaren. Was Form ist, will geformt sein! Quarks und Quanten, Keppler und Bohr – rätselhaft ist der Nukleus, Rätsel bleibt das Wollen! Und was, wenn das ungesehene Land des Allvaters, tiefblau, die forschwütige Netzhaut am Okular da einst erröten ließe? Was, wenn endlich sichtbar gemachtes Flirren schwanenweißer Nukleonen, filigraner, propellergetriebener Drehkörper, Maschinen einer anderen Ordnung, sphärisch und wandelbar, vergnügt ergeben in antiparallelem Spin, die gleiche ephemere Anmut besäße wie das tolle Umeinander der Planeten und Systeme, tobte wie der Paarungstanz liebestoller Pfauenaugen über Latifundien von Blütenhonig oder das Nebeneinanderher der Vehikel dem Strome nach? Was, wenn das Ur selbst Konzept, systematisch schön und doch sterblich ist – Ektoplasma des gelebten Augenblicks?! Wo würden wir dann suchen?

8 is the magic number

Nach den erstaunlichen Veröffentlichungszyklen vergangener Tage, 7 Alben und eben so vielen Tourneen in nur 7 Jahren, hat sich Doktor Wenz, Rosenhirn der Band, die man nicht mehr näher vorzustellen braucht, diesmal geschlagene 24 Monate Zeit gelassen, um am neuen Werkstück zu feilen. “My Private Hadron” titelt die achte Schallfolie und liegt, hier ist die Ordnungszahl Programm, im Oktober 08 auf den Plattentellern der Nation. Der Physikus weiß, Hadronen, das sind Nuklearteilchen, zehn hoch minus dreizehn Zentimeter groß, sphärisch, starker Wechselwirkung unterworfen und darum extrem instabil. Der Laie ahnt, die Bande um “der Welt letzten großen Entertainer” (Musikexpress) führt erneut Elementares im Schilde. Wer zudem den “antiparallelen Spin” und die geradezu manische Neigung des so called “Teutonic Phenomenon” (Rolling Stone Magazine USA) kennt, auf die Gesetzmäßigkeiten des internationalen Musik-Bizz zu scheißen und sich mit jedem Album quasi neu zu erfinden, wird gespannt sein auf das, was da kommen mag. So viel sei verraten: Reverend Krug, Bassmacher und Spiritus Rektor der Band, hat diesmal, statt des obligaten Sousaphons oder eines sonor knurrenden Kontrabasses, einen auffällig tiefhängenden, elektrifizierten E-Bass über die geweihte rechte Schulter gespannt und kein bisschen Lust, sich zurückzuhalten.

Mardi Gras.bb – My Private Hadron
(Hazelwood / Indigo)

Fusel, Junkfood, Aspirin, gepanscht und genossen in einsamem Hotelzimmer. Ein kalter Messias, dieser mit ewig gekreuzt und gelochten Händen turmhoch dastehende Lange, Dünne, erscheint schon wieder mit purpurnem Lendentuch und Fransen-Frisur (wie bei Lynch) vor deinem Bett und verzeiht dir all die heimlichen Sauereinen, weil er (auch er!) gerade breit ist. Wie hart es ist zu rocken, vom silbernen Tablett herunter, wenn du die Hadronen in deinem Pelz spürst – ihnen Namen gibst, Stimmen und Gesichter, wenn du das Kochen, Brodeln, und Drehen des entfesselten Planeten, 1.666 Kilometer schnell, in den Fußsohlen spürst, immer… Dass das Schlängeln der Gestirne im Quadrat dir Kopfschmerzen macht, ist müßig zu erwähnen, Bluter, der du bist, verhauen und veralbert. Selbst deine X-Chromosomen wollen jetzt töten und fressen, Klapperschlange, roh und mit bloßen Fingern. Dein Puls ist ein unerotisch klaustrophobisches Tickern. Erinnerung, von Jugend an, hört nicht auf aus deiner Nase zu bluten. Kindheits-Fallout. Blut ist hart und schwer zu schlucken – aber das lernt man dann! Lügen, Dirnen der Vergangenheit und das bucklige Alter, das ja Immerälterwerden ist und damit partout nicht aufhören will, nagen am Unterbau. Und dann die Angst, der ungeschützte Sex mit Lolita-Träumereinen, schmutzige Leibwäsche und der fahrlässige Umgang mit Herpes, Klingeltönen und anderen Fruchtbarkeiten. Wen das Bange macht, zementiert in trockensumpfige Grooves, zerschlagen in zehn hoch minus dreizehn Fragmente, überspült von Tigerorgel-Kaskaden, ins Blech getrieben von rostigen Hörnern, zerschnitten vom Kalt der Twang-Gitarren, übertüncht vom Warm der Flügelhörner – wen das Bange macht, ist entschuldigt.

Der Rest ist eingeladen!

promo@hazelwood