Mit “Our Earthly Pleasures” werden Maximo Park dieser Tage ihr zweites Album veröffentlichen. Grund genug, Sänger Paul zum Gespräch zu bitten.

“Our Earthly Pleasures” hat einen ziemlich tragischen Touch, findest du nicht?
Ja, ich denke, es ist in vielerlei Hinsicht eine traurige Platte, aber gleichzeitig eine ziemlich hoffnungsvolle. Am Ende unserer Songs und nach einiger Reflexionen ist es eigentlich gar nicht so schlimm. Nimm “Russian Literature” zum Beispiel. Darin singe ich “She won’t be saved/ we can’t be saved”, was bedeutet, dass wir von Zeit zu Zeit auf eine innere Leere zusteuern, vor der es kein Entkommen gibt. Aber in der nächsten Zeile heißt es dann “I can’t live my live being nervous about tomorrow” und genau das ist der Punkt. Ich kann nicht zuviel darüber nachdenken, und wenn man sich bewusst ist, dass diese Leere entstehen kann, hat man die Möglichkeit, daraus Energie zuschöpfen, etwas zu schreiben, Gitarre zu spielen oder freundlich zu seinen Mitmenschen zu sein, anstatt verbittert oder entfremdet.

Und bei dir funktioniert es.
Ja, ich habe einen natürlichen Drang, mich kreativ auszudrücken. Vielleicht auch, um Bewusstsein zu schaffen und den Leuten dadurch zu erlauben, Dinge in Frage zu stellen oder sie dahin zu bringen, anders zu fühlen, als es ihnen die Musik aus dem Radio für gewöhnlich erlaubt. Die ist oftmals nur fad und dazu gemacht, Platten zu verkaufen. Wir wollen das durchbrechen und den Leuten helfen, eine bessere Verbindung zu sich selbst herzustellen, als es ihnen diese Standardsongs ermöglichen. Darin geht es um Klischees, und nicht die wahren Emotionen.

Wie ist es mit deinen eigenen Gefühlen? Hat dich der Erfolg selbstbewusster gemacht?

Auf eine gewissen Art und Weise schon. Wenn ich heute einen Raum betrete, fürchte ich mich nicht mehr so wie früher. Aber in einem Raum voller fremder Leute bin ich immer noch schüchtern und fühle mich eher unwohl. Aber ich hatte nie Angst, auf die Bühne zu gehen. Ich werde nervös, doch sobald ich durch die Tür gehe, ist Musik die Nummer eins und ich denke nicht weiter darüber nach. Leute gehen aus verschiedensten Gründen auf die Bühne, die meisten wohl, weil sie selbstbewusst sind. Ich mache das hautsächlich wegen der Musik.

In letzter Zeit hast auf der Bühne kaum noch einen Anzug getragen. Früher hat man dich nie ohne gesehen. Wie kommt das?

Bevor ich in der Band war, habe ich den Anzug getragen, um so individuell wie möglich zu wirken. Wenn du dich in die Öffentlichkeit begibst, fängst du an, dich zu fragen, warum du bestimmte Dinge machst, aber früher bin ich einfach so in den Pub gegangen. Es gab viele Gründe, warum ich so aussehen wollte, und wenn du so viele Gründe hast, für das, was du tust, kannst du sie nicht die ganze Zeit erklären – und das will man manchmal auch gar nicht. Die Leute dachten dann, wir wären jetzt das neue Artrock-Ding, aber die Krawatten, die ich trug, waren ja nie diese schmalen, sondern groß und damit ein gewagtes Statement. Meine Version von stylisch. Es hat nicht wirklich funktioniert, aber es ist eben so, wie es ist. Wenn die Leute mich Off-Stage treffen, finden sie es oft verwirrend, denn sie denken, dass du die gleiche Person wie auf der Bühne bist. Sie sagen dann, du bist nicht so groß, wie ich dachte und gar nicht so wie auf der Bühne. Und warum trägst du überhaupt Baseball Caps? Ich dachte, du magst Anzüge. Ich meine, es ist das 21. Jahrhundert, ich bin jung und an vielen Dingen interessiert. Inzwischen ich bin entspannter geworden, was das angeht, und kann auf der Bühne jetzt aussehen wie ich es normalerweise tue. Ich bin glücklich, dass ich das gemacht habe, aber zwei Jahre sind doch wirklich genug.

Our Velocity

Hast du das Gefühl, dass diese zwei Seiten deiner Persönlichkeit nicht richtig wahrgenommen wurden?
In Deutschland konnte ich damit ein bisschen spielen. Es war leicht und spielerisch. Gerade wenn unsere Musik manchmal ziemlich ernst und angespannt klingt, möchte man nicht nur so wahrgenommen werden. Man hat verschiedene Seiten, und hoffentlich haben wir ausgedrückt, dass wir nicht nur eindimensional sind. Ich wollte immer, dass wir eine dreidimensionale Band sind, und nicht noch irgendeine Indie- oder Art-Rock-Band. Es ist schwer, solchen Kategorisierungen zu entkommen, denn wir alle benutzen sie ja zur Orientierung. Wenn ich wissen will, wie eine Band ist, möchte ich Hinweise. Wem hilft es, wenn man sagt: “Oh, sie sind wirklich gut?” Wir haben versucht, dem Unmöglichen zu entgehen und versucht nicht unbedingt das zu tun, was die Leute von uns erwarten.

Gilt das auch für das neue Album?

Nun, die Entwicklung hat sich für uns ziemlich natürlich angefühlt, aber es war definitiv ein Schritt nach vorn. Keiner von uns wollte stillstehen. Wir wollten einen anderen Produzenten (Gil Norton) und verschiedene Dinge von verschiedenen Leuten lernen. Akustisch haben wir uns ein bisschen verändert. Wir haben immer noch eingängige Melodien und hantieren nach wie vor mit Pop-Strukturen, aber es ist mehr ein Rock-Album. Ich weiß, Rock-Alben haften eine Menge Klischees an, die nur zu oft mit Led Zeppelin zu tun haben. Die meisten Inhalte und Eigenarten des Rock sind ziemlich blödsinnig, aber manchmal genieße ich es, diese Posen einzunehmen und mich von der Musik mitreißen zu lassen. Ich meine, ich singe über Dinge, die mich interessieren und die persönlich sind. Und so hoffe ich, dass die Leute verstehen, dass wir keine Aliens sind und sich auf die Inhalte beziehen können, statt zu denken, das ist ein Rock-Song, in dem es darum gehen sollte, die ganze Nacht zu rocken und zu feiern. Ich denke, das Album rockt, aber auf der andere Seite stelle ich mir selbst die Frage, was ist bitteschön rocken? Sein Klang es ist ohne Frage schwerer.

Auf der anderen Seite gibt es dann aber auch “Sandblasted And Set Free” …

Da zieht sich der Stringpart durch die Strophen, statt wie üblich durch den Chorus. Wir haben zuvor noch nie einen Dancebeat benutzt. Eine Menge der Alben, die zeitgleich zu unserem ersten herauskamen, hatte diese Art Beats. “Sandblasted And Set Free” hat einen Groove, der sich schon von dem unterscheidet, was wir bisher gemacht haben. Aber es ist der einzige Song auf dem Album, bei dem wir damit gearbeitet haben und zudem der hymnenhafteste Song, den wir je geschrieben haben. Gut, “The Unshockable” ist auch ziemlich funky und irgendwie auch aggressive. Wir haben versucht, uns grundsätzlich alles zu erlauben. Auf “A Certain Trigger” haben wir immer darauf geachtet, ob ein Song auch weniger als drei Minuten hat. Diesmal haben wir es damit nicht so genau genommen und es ein bisschen relaxter angehen lassen. Bei “A Certain Trigger” kamen wir aus nicht so tollen Jobs und dachten: “Komm’, lass es uns krachen lassen und lasst sauer sein.” Es gab Kanten, die es nach wie vor gibt, und ich hoffe, dass dieses Album anders genug ist, um sich von all den anderen Gitarrenbands zu unterschieden.

Text: Ina Göritz