Neko Case verbindet scheinbar unvereinbar Gegensätzliches mit derselben Leichtigkeit, mit der ihre beeindruckende Stimme die Aufmerksamkeit des Hörers packt und nicht wieder loslässt. In Tacoma, Washington, als Enkeltochter ukrainischer Einwanderer aufgewachsen, ist sie als Teenager in den Achtzigern fasziniert von so unterschiedlichen Musikerinnen wie Sheila E. (Drummerin in der Band von Prince sowie Solo-Künstlerin) und Cramps-Gitarristin Poison Ivy.

Später, während ihrer Studienzeit im kanadischen Vancouver, wird sie Schlagzeugerin und Sängerin der Punk-Band Maow, mit der sie 1996 ein Album und die eine oder andere Single aufnimmt. Doch es ist nicht zuletzt ihre Faszination für die seelenreinigende und befreiende Wirkung von Soul und Gospel, die sie ihre “wahre Bestimmung” finden lässt: Mit ihrem 1997 erscheinenden Solo-Debüt “The Virginian” platziert sich Neko Case selbstbewusst als aufstrebender Star am…. Alternative-Country-Firmament. Und das, obwohl sie selbst diesen Begriff hasst, ebenso wie ihr die zumeist recht einfältigen Texte der populären Country-Songs immer ein Dorn im Auge waren. Was liegt also näher, als von der geliebten aber oft schmählich schlecht behandelten Musik selbst Besitz zu ergreifen? Neko Cases ziemlich un-amerikanischer familiärer Hintergrund, ihre nach eigener Aussage “aggressive Persönlichkeit” und natürlich vor allem ihre bereits eingangs erwähnte fantastische Stimme tragen sicherlich ihr Scherflein dazu bei, dass der inzwischen in Chicago wohnenden Mittdreißigerin mit ihrem vierten Studio-Album “Fox Confessor Brigns The Flood” ein wirkliches Highlight gelungen ist. Songs wie “The Needle Has Landed” oder “That Teenage Feeling” gehören zum Besten, was amerikanische Musik in den letzten Jahren hervorgebracht hat; stehen in einer langen Tradition – ohne annähernd in dumpfe Patriotismen oder Klischees zu verfallen. Unter den Begleitmusikern finden sich Koryphäen wie Joey Burns und John Convertino von Calexico, auch Giant Sand-Grummelbär Howe Gelb klimpert ein wenig auf dem Piano – der Boss aber heißt Neko Case. Lest im folgenden, was die über das Internet, den titelgebenden “Fox Confessor” und so manch anderes Thema zu sagen hat.

F: Wie kürzlich zu sehen war, hast du “nach all den Jahren” Deine notorisch rudimentäre Website aufgemotzt…
N: Nun, (gedehnt:) ich persönlich habe das nicht gemacht; aber ja – sie ist tatsächlich auf dem Weg der Besserung, denn wir wollten anlässlich der Albumveröffentlichung auch was zu bieten haben. Es wird dort Podcasts und Videos geben, all solch’ Sachen…

F: Ein bisschen vermisse ich die “gute alte selbstgebastelte” Version der Homepage, wo du Fotos von dir bewunderter Künstlerinnen und einige weise Sprüche über das Musikerinnendasein präsentiert hast…
N: Ja, das kommt alles wieder, es ist eben “under construction” im Moment.

F: Da gab es ja einige wichtige Informationen. Ich hatte nicht vor, dich zu fragen, ob es (Achtung, Klischee!) nicht “hart ist, als Frau im Rock-Business”. Aber du beantwortest diese offensichtlich immer noch recht häufige Frage dort auf eine sehr interessante Art und Weise, die mit Toiletten zu tun hat… [Eigentlich stehen dort zwei Gründe, warum Neko sich vorstellen kann, dass es hart sein könnte, als Frau etc. siehe oben: 1) Grund: “Ständige diese Frage gestellt zu bekommen.” 2) auf Grund der Schwierigkeit, “eine saubere Toilette in einem dreckigen Rock-Club zu finden. Die egoistischen Prinzessinnen überall im Land halten ihre Ärsche für viel zu kostbar, um den Sitz zu berühren. Als Konsequenz dessen pinkeln sie ständig auf die Klobrillen. Falls du da draußen also eine “moskito-ärschige Mary” bist, dann betrachte dich hiermit als gewarnt!”]
N: [lacht] Ja, das ist das einzige wirkliche Problem!

F: Eine Frage zu deinem Einstieg in dieses “harte Business”: Das Schlagzeug war das erste Instrument, das du gespielt hast – was hat dich daran angezogen?
N: Ich sah einfach nicht viele Ladies Schlagzeug spielen. Außerdem bin ich eine ziemlich aggressive Person. Und vor allem als Teenager, wo man ja extra-aggressiv ist, schien mir das sehr passend!

F: Aber zurück zum Internet. Es gibt da noch ein anderes schönes Zitat von dir, das in etwa lautet: “Ich hasse das Internet. Ich will auf die altmodische Art berühmt werden – ein Mensch nach dem nächsten…”
N: Ach, da wollte ich mich nur wichtig tun [grinst – im O-Ton: “Ah, I was just being a smart-ass]. Ich hasse das Internet nicht.

F: Ja, ich habe dich auch vorhin mit einem Laptop rumlaufen sehen…
N: Genau. Aber ich benutze e-mails eigentlich nur für Business-Angelegenheiten. Ich schreibe meinen Freunden keine, ich bin mehr ein Telefon-Mensch. Wenn ich mit jemandem reden will, rufe ich ihn oder sie an.

F: Telefone scheinst du wirklich zu mögen, die tauchen im Artwork deiner Platten recht häufig auf…
N: [nickt] Mhm!

F: Telefone, Plattenspieler, Rehe…
N: Rehe, ja, Tiere im allgemeinen… Ich mag Tiere einfach. Diese Platte aber hat mehr Füchse, weniger Rehe auf dem Cover…

F: Und auch im Titel gibt es einen Fuchs – vielleicht liege ich auch völlig falsch, aber der Name des Albums “Fox Confessor Brings The Flood” klingt für mich mythologisch und technisch zugleich, vermutlich, weil “Confessor” entfernt mechanisch klingt, so nach einer Art Maschine…
N: [verdutzt]: Maschine?

F: Hmm, vielleicht wegen des Klanges, der an Worte wie “Prozessor” oder, ähem, “Professor” erinnert?
N: [lacht] Professor, Prozessor… Nein, es ist eine Figur, die ich aus der russischen und ukrainischen Folklore “mitgebracht” habe. Der “Fox Confessor” ist eine Art Beobachter, der alles sieht, aber schwer zugänglich ist. Wenn man ihm also per Zufall begegnet, dann hat man Gelegenheit, ihm Fragen über das persönliche Schicksal zu stellen – aber wahrscheinlich wird er die Antwort nicht preisgeben, obwohl er sie weiß. Einfach, weil er nicht denkt, Menschen sollten die Antworten auf ihre Fragen zur Verfügung haben.

F: Du hast ukrainische Vorfahren, oder?
N: Genau, meine Großeltern stammen von dort.

F: Kommt daher auch dein Wissen über die ukrainische Mythologie und Märchenwelt?
N: Nein, meine Großeltern reden eigentlich nie mit uns über solche Dinge; sie sprechen auch in unserer Gegenwart ihre Heimatsprache nicht. Es kommt wahrscheinlich eher daher, dass ich immer begeistert gelesen habe. Diese osteuropäischen Märchen haben mir dabei am besten gefallen, weil es darin einen tollen, düsteren Humor gab. Außerdem haben sie nicht diese übertriebenen judeo-christlichen Moralvorstellungen, die andere Märchen zu vermitteln suchen – hier ist die Kernaussage im wesentlichen zumeist: “Sei kein Trottel” [wörtlich: “Don’t be a Dumbass!”]. [lacht]. Das ist doch witzig! Außerdem handeln sie zumeist von eher düsteren Themen, das aber auf eine ziemlich lustige Art. Es ist also nicht wie diese eklig-zuckrige Disney-Version vom Leben, es geht mehr darum, den Kindern zuzutrauen, über diese Themen wirklich nachzudenken und ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Und das auf eine Art und Weise, die ihnen Spaß macht. Das mag vielleicht etwas hart klingen, aber so ist das Leben! Es ist nicht besonders Disney-esk, wo ich herkomme!

F: In einem Song auf dem Album singst du in einer Sprache, die nicht Englisch ist, soweit ich das sagen kann…
N: Ja, das ist “Dirty Knife”. In dem Song gibt es eine kurze ukrainische Passage.

F: Die Sprache deiner Großeltern sprichst du also?
N: Ich spreche Russisch, nicht besonders gut, aber ich kann es lesen und schreiben. Ukrainisch kann ich lesen, schreiben und aussprechen, aber ich verstehe es eigentlich nicht. Ich hatte bei dem Text für das Lied etwas Hilfe von Freunden.

F: “Dirty Knife” ist ein ziemlich unheimlicher Song, der auf einer Geschichte basiert, die deine Großmutter dir erzählt hat, oder?
N: Ja, es geht um ein paar Leute in einem Haus, die verrückt werden und merkwürdige Dinge tun… Sie verlieren den Verstand und verbrennen alle ihre Möbel.

F: “Verlieren” ist ein gutes Stichwort: Ein wichtiges Thema auf dem Album scheint das Vertrauen zu sein, vor allem, wenn man es verliert…
N: Ja, das habe ich aber erst im Nachhinein bemerkt. Immer, wenn man Dinge, viele kleine Dinge tut, die ein großes Ganzes ergeben – wie einen Song nach dem anderen zu schreiben, woraus dann ein Album wird – ohne vorher ein Konzept zu haben, ist es ein wenig so, als würde man aus sich selbst ein Puzzle machen, dessen Ergebnis einen selbst überrascht… Man lernt seine eigenen Obsessionen und Sinnfragen kennen! Es geht in den Songs um alle möglichen Arten von Vertrauen, nicht unbedingt im religiösen Sinne. Ich sehe da aber auch eine positive Seite, fast wie in der Physik, wo man ja lernt, dass man Materie nicht komplett zerstören kann – egal, wie viel Vertrauen man verliert, es kann nie gänzlich verschwunden sein. Es wird immer ein Körnchen übrig bleiben, und mit etwas Glück wieder wachsen.

F: Wenn man nur daran festhält… Eines der packendsten Lieder auf “Fox Confessor…” heißt “Hold On, Hold On”, gibt es dazu eine Geschichte?
N: Das ist wohl der einzige wirklich autobiographische Song, den ich habe. Aber es geht da nicht um weltbewegende Dinge, es ist eher wieder ein Versuch, mich schlau darzustellen. Im Grunde ist es nur ein kleines, albernes Lied…

F: Ebenfalls ums Festhalten geht es in einem der zuversichtlichsten, zugleich trotzigsten Songs: “That Teenage Feeling”, auch vielleicht, weil er ein bisschen nach den Fünfzigerjahren klingt.
N: Ja, etwas in der Art schwebte mir für das Lied auch vor. Mein Freund Dexter Romweber – von meiner Lieblingsband The Flat Duo Jets – kam vorbei, um Gitarre zu spielen. Ihm ist also dieses Element auch mit zu verdanken. Immerhin geht es ja in dem Song auch um dieses “Teenage Feeling”, da lag so ein Girl-Group oder alter R’n’B-Sound auch nahe. Die Idee, an diesem besagten Gefühl festzuhalten, stammt von einem anderen Freund von mir, Paul Rigby, der auch in meiner Band ist. Wir unterhielten uns eines Tages, und als er davon sprach, wie er an dieser Idee hing [“I’m holding out for that Teenage Feeling”], da dachte ich: “Hey, das ist mutig!” Das ist so eine tolle Einstellung! Ich bin diese Leute so satt. In Amerika zumindest versuchen einem alle immer Dinge weiszumachen wie: [runzelt die Stirn]: “Liebe ist harte Arbeit, sehr harte Arbeit!” Und sie tun immer so überheblich, als hätten sie den totalen Durchblick, weißt du? Sie sagen Sätze wie: “Als meine Kinder zur Welt kamen, da wusste ich, wofür ich lebe!” Da denkt man doch: “Haltet die Klappe! Klar, Kinder sind toll, aber tut doch nicht immer so, als wärt ihr die ersten, die welche haben!” Oder die Leute, die sich aufspielen, als hätten sie einen Doktortitel im Verheiratetsein. Ich meine, es geht doch um Liebe, und klar werden da Schwierigkeiten auftauchen, aber… Unsere Kultur ist so darauf fixiert, dass es alles so ablaufen muss: Heirate! Kriege Kinder! Als ob irgendwas nicht in Ordnung sei, wenn man Mitte 30 ist und all das noch nicht getan hat! Also lachen wir beide immer darüber. Ich meine, ich sperre mich nicht dagegen, aber ich werde nichts aufgeben, was mir am Herzen liegt, nur um zu heiraten! Schon gar nicht die Musik. Wenn ich jemanden treffe, der mich so weitermachen lässt, wie ich bin, dann – klar! Andernfalls: Nein!

F: Letzte Frage: Was ist eigentlich aus deinen “Boyfriends” geworden? [So hieß Nekos Begleitband auf ihren ersten beiden Alben.]
N: Oh, einige sind immer noch dabei, auch wenn es am Anfang nur eine lose Verbindung war. Sie wollten einfach nicht mehr meine “Boyfriends” sein. Sie sind eben sehr schüchtern und wollten keinen eigenen Namen. Sie sagten: “Oh, hey – wie spielen einfach hier mit, aber einen Namen brauchen wir nicht, mach dir um uns keine Sorgen…” Es war ihre Entscheidung und ich respektiere das!

Text/ Interview: Torsten Hempelt