Das Kempinski am Berliner Ku’damm gehört ja mittlerweile nicht mehr zu den allerersten Adressen in der Hauptstadt. Sarah Cracknell, Bob Stanley und Pete Wiggs wissen das vielleicht nicht – allzu oft waren Saint Etienne zuletzt nicht mehr in Deutschland zu sehen, und auch heute trifft man sich nur für Interviews. Zum neuen Album “Tales From The Turnpike House.” Also: im Kempinski.

“Aber es ist gemütlich”, befindet Cracknell süffisant aber freundlich. Und nippt an ihrem Bier im Apollinaris-Glas. “Ja, sind es wirklich schon drei Jahre seit ‘Finisterre’? (Es sind: die Platte erschien 2002) Kommt uns nicht so vor. Gut, wir haben uns auch um andere Dinge gekümmert – wir haben uns mit Film beschäftigt, arbeiten derzeit auch an einer neuen Sache… ich habe Kinder, Bob schreibt…”

Bob Stanley lächelt verlegen. Eigentlich aber redet der Mann gern, ist ein Segen für jedes Interview – und sieht auch dieser Tage keineswegs so aus, als sei er im Jahre 1991 alt genug gewesen, um eine der in Nerd-Zirkeln neben Stereolab und My Bloody Valentine am heftigsten verehrten Indie-Bands ever zu gründen. Ohnehin aber wird jede Anspielung auf das mittlerweile doch gereifte Alter der drei charmant weggelacht, also zum Wesentlichen: der neuen Platte.

“Im Unterschied zu früher hatten wir diesmal eine viel konkretere Vorstellung davon, worum es auf dem neuen Album gehen sollte. Textlich.” Richtig: ‘Tales…’ ist, wie das Presseinfo verrät, ein Konzeptalbum, das sich in seinen Songs verschiedenen Bewohnern eines Sozialwohnungsprojekts widmet. Allgemeine Verwunderung bis Erheiterung. Nicht?

“Nein.” Sagt Pete Wiggs, so ein bisschen der professionelle Typ, der gern von irgendwelchen zusätzlichen Aufnahme-Sessions in Spanien spricht, während Stanley Cracknell von seinem Milchmann erzählt, der in einem der Songs auftaucht. “Eigentlich geht es um ganz normale Leute in einem Block. Wir haben alle schon mal in ganz normalen Wohnungen gewohnt – manchmal begegnest du Menschen, die du drei Monate lang nicht gesehen hast. Da fragt man sich doch, was dazwischen im Leben dieser Leute passiert sein könnte.”

Vielleicht will man es aber eigentlich auch gar nicht wissen. Wie auch immer. Übrigens, dass das Artwork von ‘Tales…’ doch sehr an die ‘SIM’-Spiele erinnert, war nicht weiter beabsichtigt. Cracknell weiß nicht mal, worum es bei diesen Spielen geht, zeigt sich aber nach einigen Erklärungen begeistert. “Wow. Das klingt ja wie das echte Leben.” Lacht. Lehnt sich zurück. Und nippt an ihrem Bier. Im Apollinaris-Glas.

Text: Friedrich Reip