Kurz vor ihrer Transformation zur stadienfüllenden Supergroup haben Placebo noch mal auf Bescheiden gemacht, sämtlichen Technik-Schnickschnack artig im Schrank gelassen und ihr neues Album “Meds” direkt vor den Boxen geparkt. Warum das auch ganz anders hätte ausgehen können, erklären Placebo-Sänger Brain Molko und Schlagzeuger Steve Hewitt im Interview.

Brian, du wurdest neulich zitiert mit den Worten: “Ich wollte auf keinen Fall ein Album aufnehmen, das in Mode ist.” Warum wurde “Meds” dann ein Rock-Album?
Molko: Ich glaube, es geht nicht darum, ob wir auf “Meds” Gitarren benutzen oder nicht. Ich wollte damit sagen, dass man sich bei einer Plattenproduktion möglichst vom Radio fernhalten sollte, um sich nicht von dem beeinflussen zu lassen, was vermeintlich “hip” ist.

Was habt ihr denn im Studio so gehört?
Hewitt: Gar nichts. Zumindest nichts, was nicht älter ist als zehn Jahre.
Molko: Lediglich Anthony And The Johnsons und ein bisschen Rufus Wainwright.

“Meds” klingt sehr roh und direkt, was man nach eurer letzten Single “Twenty Years” nicht unbedingt erwarten konnte. Wie kam es zu diesem Wandel?
Molko: Ehrlich gesagt haben auch wir geglaubt, dass wir mit dem neuen Album etwas experimenteller werden würden, aber es gab zwei Gründe, warum es nicht dazu kam. Der erste ist unser Produzent, Dimitri Tikovoi, der sehr ehrlich und sehr direkte Darbietungen von uns einforderte und unter Live-Bedingungen aufnehmen wollte. Der zweite sind die technischen Möglichkeiten der ‘Rak’-Studios in London, in denen wir “Meds” aufnahmen. Dort steht noch immer das Equipment aus den Siebzigern rum, und wir hatten entsprechend wenig Raum für Experimente. Unsere vorigen Platten entstanden stets in Studios, die aussahen wie digitale Raumschiffe und in denen wir unsere Songs mit dem neuesten technischen Zuckerguss überziehen konnten. Das war diesmal nicht mehr möglich.
Hewitt: Dimitri hat uns auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und uns ermutigt, wieder etwas zu wagen, indem er uns auf das Wesentliche reduziert hat: Gitarre, Bass, Schlagzeug – live eingespielt.
Molko: Und Gesang!

Wer hat denn diesmal Piano gespielt? Du, Brian? Schließlich hast das live schon ganz gut hinbekommen.
Molko: Nein, ich kann ja nicht wirklich Klavier spielen, ich bearbeite die Tasten immer noch mit zwei Fingern, haha. Stefan (Olsdal) hat das übernommen, er ist unser Mulitinstrumentalist.
Hewitt: Außerdem haben wir erstmals Streicher auf einem Album verankert, dagegen haben wir uns zuvor immer gesträubt.
Molko: Richtig. Wir waren bisher der Meinung, dass Bands, die mit Streichern arbeiten, entweder nichts mehr einfällt oder sie über gesangliche Defizite hinweg täuschen wollen.

Neben einem (zum Zeitpunkt des Interviews) noch geheimen Stargast (Michael Stipe/REM) habt ihr für den Titelsong Alison “VV” Mosshart von den Kills als zusätzliche Stimme gewinnen können. Wie kam es dazu?
Molko: Ich kenne Jamie “Hotel” Hince von den Kills bereits seit mehr als 15 Jahren, wir haben früher das gleiche College besucht. Er und “VV” haben uns zuvor schon live supportet, und als wir darüber nachdachten, welche weibliche Stimme zu “Meds” passen würde, fiel und sofort Alison ein. Sie verpasst dem Stück einen ganz neuen Charakter; sie singt sehr rau und sexy, das gefiel uns.

Ein Großteil der Songs entstand in einem Landhaus in Südfrankreich, in dem ihr Anfang 2004 auch die Bonustracks für eure Single-Collection “Once More With Feeling” erarbeitet habt. Dieser Ort scheint euch sehr inspiriert zu haben.
Molko: Stimmt. Das war eine sehr produktive Phase, ein Großteil der Songs auf “Meds” entstand während dieser Zeit. Darüber hinaus gibt es aber auch Songs, die zwei Monate alt sind oder ein Stück wie “Pierrot The Clown”, das wir bereits seit sechs Jahren mit uns rumschleppen und das zuvor in keinen Album-Kontext passte.

Thematisch geht es auch auf “Meds” um Liebe, Ausgrenzung, Verlustangst, Unsicherheit oder Sehnsucht…
Molko: Stimmt, obwohl ich mir diesmal vorgenommen hatte, Placebo-typische Themen weitestgehend auszugrenzen. Aber ich habe versucht, meine Texte weniger kryptisch zu verpacken und nicht mehr so viel über chemische Substanzen zu singen oder Fremdworte aus dem Lexikon zu verarbeiten. Ich wollte direkter und einfacher auf den Punkt kommen und ich denke, das ist mir gelungen.

Traditionell haben Placebo auch den ein oder anderen politischen Song parat gehabt, wieso ist auf “Meds” alles eher persönlicher Natur? Vor allem wenn man bedenkt, dass ihr zur Zeit der Anschläge in London (Juli 2005) im Studio wart.
Molko: Stimmt, wir waren während der Attentate mitten in den Aufnahmen, allerdings war der Prozess bereits so weit fortgeschritten, dass wir unseren Schock über die Anschläge nicht mehr verarbeiten konnten – und wollten. Denn diese Platte ist so persönlich und emotional, dass ein politischer Song einfach fehl am Platz gewesen wäre. Wenn du mich aber fragst, welche Eindrücke ich auf “Meds” verarbeite, dann in jedem Fall meinen Trip nach Indien. Man muss gar nicht so genau hinhören, um das festzustellen.

Euch scheint es heute weniger wichtig, in den Schlagzeilen der Yellow Press aufzutauchen als noch vor ein paar Jahren. Ist das auch Ausdruck einer neuen Selbstsicherheit, wie sie Bands an den Tag legen, die es “geschafft” haben?
Molko: Ich glaube schon. Ich möchte heute lieber als Musiker und Künstler wahrgenommen werden und nicht mehr der Brian Molko sein, der an seinen Modeverbrechen gemessen wird. Fest steht, dass wir noch nie so viel Selbstvertrauen hatten wie heute. Wir müssen uns nicht mehr hinter Bergen von Equipment, Mauern aus Make-Up und einem geschickt gewählten Image verstecken oder Dramen in unseren Privatleben provozieren, um das irgendwann als Inspirationsquelle für unsere Texte zu nutzen.

Fühlt ihr euch heute denn U2 näher als beispielsweise den Kaiser Chiefs?
Molko: Natürlich. Vor allem in Bezug auf das, was sie darstellen oder was sie bedeuten. Und ich sage das nicht, weil ich einmal in deren Privatjet mitfliegen durfte.
Hewitt: Ich glaube, musikalisch reichen uns derzeit nicht viele das Wasser. Wir sind ziemlich alleine da draußen.

Text: Florian Hayler