Ein Bericht von der weltweit bedeutendsten B2B-Rights-Trading-Musikmesse im heuer winterlich kalten südfranzösischen Cannes
In langer Tradition ist der Musikbranche eine Schizophrenie in den Bereichen Technologiebehandlung und Contententwicklung inhärent.

Während einerseits die Angst vor dem die Wertschöpfungskette erschütternden Technikfortschritt (mp3 & P2P) mit dem Traum des sich plötzlich materialisierenden, technologischen Deus Ex Machina-Durchbruchs (legale digitale Distribution & individualisierte Mobile Music Services) noch immer ergebnislos konkurrenziert, schaffen es die unglücklich verschwisterten Konzepte des immer gleichen A&R- und medienhörigen Marketingverhaltens und des verzweifelten Suchens nach dem New Big Thing oder dem neuesten Trend schwer zu einer langfristigen Balance bzw. zukunftsweisenden Geschäftspraxis.

Aktuell träumt die Musikbranche daher einen Traum, den wunderbaren, Eier legenden Wollmilchsau-Traum vom Handy als dem maximal individualisierten Entertainmentinhalte und besonders Musik saugenden Glücksgefühlsmotor, der sein Futter legal und bezahlter Weise erwirbt. In diesem Sinne wurde die vom 23.-27. Jänner stattfindende MIDEM 2005 (midem.com) gleich in eine intensiv konzentrierte REM-Phase versetzt und reflektierte heftigst die Zukunft der mobilen Musiknutzung. Das passte ins Bild einer verunsicherten Branche, die sich am Strohhalm der paradiesischen Zukunftswünsche aus den mittlerweile verschlammten Quellgebieten des traditionellen Tonträgergeschäfts herausziehen will.

Mobile Technologie ist Trumpf

Exemplarisch und eindrücklich textilplakativ thronte die riesenhafte Alcatel-Werbebotschaft fast über der gesamten Häuserfront gegenüber dem Eingang zum Palais des Festivales: “My Phone is my favorite DJ. Broaden your life.” Die MIDEM hatte in diesem Slogan ihr Motto, und ihren gedanklichen wie öffentlichkeitswirksamen Fokus gefunden: Mobil Music. Nachdem die PopKomm im September 2004 die Musik schon bewegt hatte (“Movin’ Music”), wurde sie bei der MIDEM auf die große mobile Reise geschickt, weniger im Internet als auf dem Handy. Unzählige Panels und Diskussionen, auch die der MIDEM vorausgehende MidemNet konzentrierten sich auf die Musikverwertung in der individualisierten Mobilnutzung. Konkrete Ergebnisse sind dabei noch nicht sehr weit fortgeschritten. Die Musik-, Telekom-, Handy-, Hard- und Softwarefirmen ersehnen, angestachelt von guten Ergebnissen am Klingelton- und Ringbacktonesektor, den Massenmarkt des mobilen Downloads aller möglichen Trackderivate. Ohne den Massenmarkt lässt sich nichts verdienen, da sind sich alle einig, doch der Ball der Investitionsverpflichtung wird zwischen Telekommunikations- und Contentanbietern noch teilweise lässig oder auch schon ungeduldig hin und hergespielt. Die Handyanbieter, Ericsson stellte sein “m-use”-Music Service vor, steuerten erste Soft- und Hardwareentwicklungen bei, um die beiden Rivalen, die so gerne wollen, aber sich aus mannigfaltigen Gründen (noch) nicht trauen, doch noch an den Traualtar eines langen mobilen Musiklebens zu lotsen.
Apple (apple.com) stellte auf zahlreichen Terminals primär iTunes und iPods (iPod 20/40/60GB, iPod mini) vor, präsentierte jedoch auch stolz die seit kurzer Zeit vertriebene Musikproduktionssoftware Logic Pro 7 sowie iMac G5, PowerMac, iBook, PowerBook und weitere Software. Microsoft präsentierte unter dem Signet PlaysForSure (playsforsure.com) ein umfassendes Entertainmentangebot, das den MSN-Musicstore einschließt und den Windows Media Player 10 promotet. Sony präsentierte seinen Downloadshop Connect (connect-europe.com) sowie seinen auch MP3-fähigen Player NW-HD3. Sony DADC (sonydadc.com) legte neben der Spielerei der Vinyl-CD und der bereits bekannten n-CD seinen Fokus auf die Dual-Disc, die in Lizenz im salzburgischen Anif und in den USA gefertigt wird. Bei diesem Format spielt die Audio-Seite bis zu 60 Minuten Musik und die DVD-Seite bietet Platz für das gesamte Album im Surround Sound bzw. Enhanced Audio sowie Video-Content, Diskografien, Fotos, Bonus Audio Tracks, Lyrics uvm.

Downloadanbieter wie The Orchard (theorchard.com), Loudeye/OD2 (od2.com), TuneTribe (tunetribe.com), KarmaDownload (karmadownload.com) sowie die vom MICA entwickelte OMD (manymusics.org) werben mit unterschiedlichsten Geschäftsmodellen um potentielle Kunden, die aber in der Regel noch am Ausprobieren sind, wo sie ihre Musik am besten präsentieren und verkaufen können. Hoch im Kurs stehen zur Zeit wieder die Musik-Abodienste wie sie auch Napster (napster.com), das sich die heurige MIDEM einiges kosten ließ, heuer noch in Deutschland anbieten will.

Am Sektor der auf Homepages einbaubaren legalen Downloadshoplösungen für Labels und Künstler wird das Angebot auch immer größer. Es finden sich neben anderen das Cable & Wireless/24-7 Music Shop-Service (cw.com, 247ms.com), Musicdock (musicdock.net) und das von 4friendsOnly (4fo.de) und dem Fraunhofer-Institut (idmt.fraunhofer.de) entwickelte PotatoSystem (potatosystem.com), das Kunden am Weiterverkauf verdienen lässt, und das Tim Renners Radiostation Motor FM zum Downloadradio machen soll. Mchex bietet u.a. für Downloadshops ein SMS Micro-Payment System an (mchex.com), Musicpay (musicpay.net) verschieden Arten von Online-Musikbezahlmöglichkeiten.

Das Frauenhofer-Institut stellte weiters die Technologien MP3 Surround, LWDRM (Leight Weight Digital Rights Management), MPEG-4 BIFS (Standard für Vertrieb und Coding von Multimediacontent) sowie HE-AAC Surround (Low Bit Rate Multi-channel Audio Coding at 48 kb/s) vor. Was Rechtekontrollsysteme betrifft hält Sony DADC an “key2audioXS” für Audio-CDs fest und propagiert “ArccOS” als Copy Control System für die DVD. Macrovision nennt sein CDS-300 die effektivste Anti-Piraterie-Lösung. Music Trace (musictrace.de) bietet neben dem Monitoring von Radio- und TV-Spots digitale Wasserzeichen- und Fingerabdrucksysteme für Musikfiles und CDs an. Sonicbids (sonicbids.com) hält ein zukunftsweisendes und praktisches Online-EPK-Service (Electronic Press Kit) bereit.

Kongress

Der MIDEM-Kongress bot neben traditionellen Programmschienen wie z.B. Jahrestreffen, Workshops und Diskussionen der IAEL – International Association of Entertainment Lawyers (iela.org) oder es IMMF – International Music Managers Forum (immf.net) – am Sonntag das “Mobil Music Forum”, den vielbeachteten “International Indie Summit” am Montag (Gründung eines Indie Weltverbandes auf der MIDEM), den Halbtag “Music for Images” am Dienstag und den Halbtag “Live Music Network” am Mittwoch, bei dem im Rahmen des Panels “Changing Roles in Live Music 2005” neben anderen der brillante Marc Geiger von der William Morris Agency (wma.com) und der einzigartig kautzig-humorige Peter Schwenkow (deag.de) das Live-Business für die Künstler hinsichtlich seiner finanziellen Bedeutung über den Tonträgermarkt stellten.

Deutschland auf der MIDEM
Nach teilnehmenden Firmen rangierte Deutschland mit 334 Unternehmen auf Platz vier hinter Großbritannien (804), den USA (606) und Frankreich (562). Wie gewohnt diente der große deutsche Gemeinschaftsstand im Parterre zwischen den Eckpräsentationen der Verwertungsgesellschaft GEMA (gema.de) und dem Exportbüro German Sounds (germansounds.de) als Umschlagplatz für Geschäftsanbahnungen und informelle Gespräche. Unternehmen aus der Region Berlin-Brandenburg präsentierten sich unter dem Slogan BERLIN.Musik@MIDEM auf ihrem eigenen, von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen sowie der Wirtschaftsförderung Berlin International ermöglichten Stand im ersten Stock. Traditionell gab es auch im Klassikbereich der Messe eine German Area, die heuer äußerst positiv durch ein neues Designkonzept auffiel: Offen und modern, keine Abschottung der einzelnen Stände durch Wände, hochgezogene, schlanke Metallpfeiler in Orange mit eleganter Schrift dienten als Wegweiser und luden zum Verbleib.

Die meisten angereisten deutschen Firmen resümierten positiv und sprachen von einer sehr fokussierten und sowohl kommunikativ als auch geschäftlich erfolgreichen MIDEM 2005. Etwaiger Messetourismus ist endgültig vorbei. Wer auf die heurige MIDEM kam, wollte etwas weiterbringen, was im Konzert dieser Wünsche den Zusammenklang eines durchaus gemeinschaftlichen Musikwirtschaftens ergab. Die weltweiten phonografischen Verbände gaben neben der Parole des positiven Denkens auch die ersten spürbaren Verbesserungen am Tonträgermarkt mit 2006 an und verströmten eine positive Stimmung, damit im heurigen ersten Quartal die Ärmel nicht mehr mit zittrigen Händen aufgekrempelt werden müssen.

Dass Deutschland in Zukunft auch bei den abendlichen Konzerten im Palais des Festival und in den Hotels von Cannes noch mehr präsent wird, daran, so sprechen die Verantwortlichen, wird für das Jahr 2006 fieberhaft gearbeitet.
www.midem.com

Text: Günther Wildner

Günther Wildner lebt als Musikmanager, Musikwissenschaftler und Musiker in Wien. Inhaber der Agentur “Wildner Music” für Musikbusinessdienstleistungen und des Musikverlages “Wildner Music Publishing”. Er arbeitet als Generalsekretär des Österreichischen Musikrates (ÖMR), Vorstandsmitglieder der Musikergilde (MKAG), Vorstandsmitglied des Kulturrats Österreich (KRÖ) sowie als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Popularmusik der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (iPOP).