Ohne überzogene Ambitionen und mit klarem Blick auf das Wesentliche, beenden Ministry nach über drei Dekaden musikalischen Schaffens ihre Karriere. “The Last Sucker” heißt das letzte Album und soll Großes vollbringen, glaubt man dem Gitarristen Thomas M. Victor.

Bevor wir auf das neue Werk zu sprechen kommen, würde ich dich bitten, mir zu erklären warum plötzlich mit Ministry Schluss sein soll!
Thomas: Das hat viele Gründe. Der entscheidende Punkt ist sicherlich das 13th Planet-Label von unserem Frontmann Al Jourgenson. Er sieht darin bessere Möglichkeiten sich zu verwirklichen, als mit der Band. Dies liegt aber weniger an der Musik selbst, als vielmehr daran, dass Al verdammt gute Acts in den letzten Jahren unter Vertrag genommen hat und sich vollständig um deren Entwicklung kümmern möchte.

Es sind also keine bandinternen Streitereien, die zu seinem Entschluss geführt haben?
Thomas:
Al hat uns bei den Arbeiten am letzten Ministry-Album “Rio Grande Blood” darauf vorbereitet, dass die nächste Platte möglicherweise die letzte sein könnte. Als wir im Studio waren um das neue Album “The Last Sucker” aufzunehmen, kam er dann einiges Tages etwas unvermittelt mit seiner Entscheidung um die Ecke. Um aber um deine Frage zu beantworten: Nein, wir haben alle bis zuletzt sehr viel Spaß mit der Band gehabt!

In den letzten Jahren hat sich ein Gründungsmitglied nach dem anderen verabschiedet und Al Jourgensen galt als kompromissloser Diktator. Ist da was dran?
Thomas: Er ist definitiv ein sehr ambitionierter Mensch. Trotzdem fühlte ich mich immer wohl in meiner Rolle als Ministry-Mitglied. Allerdings ging dies nicht allen so! Paul Barker war zum Beispiel Ende der Neunziger der Meinung, seine musikalischen Vorstellungen mit Al nicht mehr umsetzen zu können und verließ die Band. Ich glaube aber, das war weniger ein Problem, das die beiden miteinander hatten. (schweigt)

Willst du nicht darüber sprechen? Woran lag es denn, dass mit Paul Barker das letzte Urgestein von Ministry ausstieg und nur noch der Bandleader übrig blieb?
Thomas: Die Plattenfirmen haben uns sehr zugesetzt. In den Achtzigern hat Al immer einen härteten Sound verfolgt und musste auf Wunsch des damaligen Labels seine Vorstellung von Industrial-Rock extrem herunterfahren. Viele Platten wurde durch die Produktion massentauglich gemacht und Al hatte darauf nur selten Einfluss. Paul allerdings gefiel dies, und als Al mit seinem eigenen Label Ministry betrieb, konnte er alles umsetzen, was vorher nicht möglich war – das ergab einfach Differenzen zwischen den beiden, welche zur Trennung führten.

Mit eurem letzten Album schließt sich die Trilogie der Anti-Bush-Platten. Glaubt ihr damit noch etwas bewirken zu können? Die Tage von George W. Bush sind ja so ziemlich gezählt!
Thomas: Natürlich erreicht man auch mit “The Last Sucker” ein Publikum, das sich mit den Texten identifizieren kann. Schau doch nur auf die Pop-Industrie – warum veröffentlicht zum Beispiel Pink erst jetzt eine Anti-Bush-Single? Weil die gute Dame vorher Muffensausen hatte, Hörer zu verlieren. Inzwischen ist unser Präsident so unbeliebt, dass ein Künstler mit gegenteiliger Meinung nichts mehr zu befürchten hat. Wir waren allerdings eine der ersten Bands, die Bush kritisierten, wir sind damit auf keinen Zug aufgesprungen und haben uns obendrein allerhand Schelte gefallen lassen müssen. Davon handelt in gewisser Weise auch das Album: Wie es ist, mit einer Meinung alleine dazustehen!

Seht ihr noch große Gefahrenpotenziale in der Person Bush, oder glaubt ihr wie viele, er bereitet jetzt nur noch seinen Abschied vor?
Thomas: Das klingt ja fast wehmütig. (lacht) Ich sehe in der Person Bush weniger eine Gefahrenquelle als vielmehr im gesamten Senat – inklusive der republikanischen Regierungsfraktion. Seit einem Jahr haben die Demokraten die Hoheit im Ausschuss und nichts hat sich geändert. Es sterben immer noch unzählige Soldaten im Irak und es gibt auch keinerlei Einlenken in der amerikanischen Sozial- und Gesundheitspolitik. Ich selber war drei Jahre lang nicht Krankenversichert, weil die Beiträge einfach zu hoch waren und du dann trotzdem noch jede Menge Kohle in der Praxis oder im Krankenhaus lassen musst. Das sind alles Themen, auf die “The Last Sucker” zu sprechen kommt.

Auf der Platte äußert sich auch Bush indirekt mit allerhand Samples – war es für euch schwer die Berge an O-Tönen durchzuhören, um die passenden herauszufinden?
Thomas: Da war ich zum Glück nicht dabei, Al das hat alleine gemacht. Man durfte ihn danach allerdings nicht ansprechen! Er war total energiegeladen und jedes Mal furchtbar sauer, welchen Menschen die Amerikaner da zu ihrem Präsidenten gewählt haben.

Siehst du mit der nächsten Wahl Chancen für Amerika, bzw. glaubst du, es könnte sich etwas grundlegend ändern?
Thomas: Al ist der Meinung, ein demokratischer Präsident könnte die Verhältnisse ändern. Für soviel Optimismus bin ich leider nicht zu haben. Mir wäre es nur wichtig, dass das Oval-Office mit neuen Leuten besetzt wird und nicht die gleichen Personen auf ihren Stühlen kleben bleiben. Deswegen wäre ein demokratischer Präsident sicherlich die beste Lösung. (überlegt) Das kleinste Übel!

Demzufolge ist es ungünstig, dass ihr gerade jetzt die Reißleine zieht und Ministry ein Ende setzt!
Thomas: Ganz so ist es auch nicht: Eigentlich sollte ich meinen Mund halten, aber es wird im Frühjahr noch eine weitere Ministry-Platte geben. Keine neuen Songs, aber jede Menge Cover-Versionen von Al’s Lieblingsliedern. Viele davon sind laut seiner Aussage sehr politisch. Wir verstecken uns also im Jahre 2008 nicht! Ganz so schnell geben wir dann doch nicht auf.

Gut zu wissen! Mit “The Last Sucker” haben Ministry gerade noch einmal die Kurve bekommen nach vielen musikalischen Totalausfällen. Die Songs orientierten sich mehr an den Wurzeln der Band und beinhalten neben harten Riffs auch die so lang vermissten Elektrosamples. Vielleicht wird das angekündigte Coveralbum diesen Ansprüchen ebenfalls gerecht? Falls nicht, auch egal! Hier verabschiedet sich so oder so die beste Industrialand, die die Welt je gehört hat. Machts gut, Ministry…

Text: Marcus Willfroth

Heimat: ministrymusic.org

MySpace: myspace.com/ministrymusic

Label: 13thplanet/Soulfood

Vö: 21.9.07

Tracklist:
01. Let’s go
02. Watch yourself
03. Life is good
04. The dick song
05. The last sucker
06. No glory
07. Death & Destuction
08. Roadhouse blues
09. Die in a crash
10. End of days (Pt. 1)
11. End of days (Pt. 2)

Ministry Diskographie:

1983 With Sympathy
1985 Twitch
1987 Twelve Inch Singles
1988 The Land of Rape and Honey
1989 The Mind is a Terrible Thing to Taste
1990 In Case You Didn’t Feel Like Showing Up (live)
1992 Psalm 69
1995 Filth Pig
1999 Dark Side of the Spoon
2001 Greatest Fits (Best-Of)
2002 Sphinctour (live)
2003 Animositisomina
2004 Houses of the Molé
2004 Early Trax/Side Trax (Compilation)
2005 Rantology (Remixalbum)
2006 Rio Grande Blood
2007 Rio Grande Dub (Remixalbum)
2007 The Last Sucker