motor.de war für euch auf dem diesjährigen Immergut Festival mit dabei. Nach den Highlights des ersten Tages, lest ihr hier den zweiten Teil vom Festivalbericht.

Die Nacht zum Samstag war kalt und kurz. Ziemlich zerknautscht kriecht die Crew am Samstagmorgen aus den Zelten. Während zahlreiche Nachbarn schon wieder fleißig am Auffrischen des Pegels sind und sich mit abenteuerlichen Varianten der Getränkevernichtung vergnügen, machen wir uns auf die Suche nach Kaffee. Kurz vor dem Eingang finden wir ein Bäckerzelt, bestens ausgestattet mit allerlei Kuchen, Gebäck, Keksen und natürlich großen Behältern voller Kaffee. Zuschlagen! Top Sache!

Mit bis zum Rand gefüllten Bechern machen wir uns auf den Weg in Richtung Festivalgelände. Dort ist noch niemand anzutreffen, die Schranken öffnen hier erst eine halbe Stunde vor der ersten Band. Doch bis dahin haben wir noch eine Menge Zeit. Unser Ziel ist das Quartier von den Kollegen von Radio Lohro aus Rostock. Unter einem großen, alten Army-Zelt befindet sich das Feldstudio. Sie übertragen live über die Ereignisse auf dem Festival, Thema Nummer eins an diesem Vormittag: Fußball. Das mittlerweile auf dem Immergut zum guten Ton gehörende Großereignis findet ein kleines Stück entfernt vom Gelände statt, eine Mannschaft bilden die Kollegen von tape.tv. Leider nur ist ihnen das Glück nicht sonderlich gut gesonnen, den Sieg tragen andere davon. Während der langbärtige Kollege neben uns mit dem Fluchen über die Niederlage beginnt, gehen wir zum gemütlichen Bandbereich, wo wir mit dEUS verabredet sind.

Stéphane, Tom und Alan sind noch recht stark verkatert vom Konzert am Vorabend. “Kennst du das Übel & Gefährlich? Die haben üblen Schnaps dort! Da solltest du nicht spielen.”, Alan streicht sich mit Sorgenfalten auf der Stirn über den Kopf. Nach einem ausgiebigen Austausch über den wohl verhängnisvollsten Cocktail, geben uns die Herren einen ersten Einblick in ihr neues Album, das im September erscheinen wird. Mehr dazu lest ihr dann schon bald im motor.de-Interview.

Nach einigen entspannten Drinks am Nachmittag, einem spannenden Interview mit Nagel und einer spaßigen Tramp-Fahrt zum Supermarkt in den nächsten Ort, beginnt das Kulturprogramm des zweiten Tages für uns mit einem etwas ungewöhnlichen Konzert. Um genau zu sein ist es eine Lesung, zwar mit Musik, aber die ist eher zum Verdeutlichen einer schrecklichen Umgebung gedacht, in der sich der Protagonist befindet, als dass sie eine angenehme Beschallung darstellt. Auf der Bühne sitzt Muff Potter-Kopf Nagel und ist anfangs noch ein wenig unsicher, was er mit einer halben Stunde Lesung so anstellen kann. Doch viel muss er eigentlich nicht machen, denn sein Auditorium klebt ihm förmlich an den Lippen. Er liest aus “Was kostet die Welt”, seinem zweiten Roman, der im letzten Jahr erschien. Es geht um Liebe, Reisen, Träume und ländliche Tristesse, die dem Hauptcharakter Meise sehr zu schaffen macht. Wir erleiden herzhafte Lachanfälle. Großartig. Mehr darüber lest ihr schon bald im Interview.

Nach herzhaften Lachanfällen und nun mit einem schaurigen Ohrwurm der abschreckenden Songbeispiele behaftet, wollen wir uns schnellstens wieder mit angnehmeren musikalischen Gefilden befassen. Wir besuchen Touchy Mob. Der langbärtige Electro-Bastler spielt ebenfalls auf dem Birkenhain. Recht schüchtern und zurückhaltend, jedoch durchaus sympathisch, drückt der junge Musiker, der erst vor kurzem die Herren von Bodi Bill supportete, seine folk-infizierten Beats durch die Boxen. Dem Publikum gefällt es. Bei bestem Wetter und steigendem Pegel hat Touchy Mob leichtes Spiel. Den Kollegen sollte man im Auge behalten.

Als Opener für die Hauptbühne fungieren an diesem Abend die britischen Indie-Rocker The Crookes. Die vier Herren servieren eine sehr solide Soundskulptur aus allem, was in Sachen Britenrock den Hut auf hat. Sänger George Waite gibt sich in bester, aufgedrehter Manier mit glockenklarem Organ und auch seine Kollegen sind in guter Form und springen quer über die Bühne. Es ist ein bisschen verwunderlich, dass Waite nicht schwindelig wird, wackelt er doch permanent mit seinem Kopf im Takt. Sehr lustig anzusehen. Die Stimmung im Publikum ist ausgelassen, was zu großen Teilen daran liegen könnte, dass der Sound an diesem Tag um Längen besser ist, sicher aber auch daran, dass der Pegel vom Vorabend langsam wieder in Sichtweite kommt. Wenn man bei den Crookes auch ein wenig Innovation vermisst, dank Spielfreude und schönem Open Air-Sound legt die Band eine gute Show hin.

Nach einem kurzen Abstecher zum Eisstand geht es zurück zum Birkenhain. Jason Collett hat sich für eine Solo-Show angekündigt. Nur mit seiner Gitarre bewaffnet bringt der Broken Social Scene-Frontmann einen nachträglichen Geburtstagsgruß für Bob Dylan auf das Immergut. Seine Stimme ist so klar, wie die des Altmeisters in seinen Anfangstagen. Mit seinem minimalistischen Gitarrenspiel untermalt er diesen Eindruck sehr erfolgreich. Es ist ein bisschen so, als wäre man für kurze Zeit ein paar Dekaden zurückversetzt. Für einige Zigarrettenlängen setzen wir uns dazu. Nach dem Zappelrock der Crookes ist das eine sehr gelungene Abwechslung.

Überaus entspannt ziehen wir zurück zur Zeltbühne. Unser aller Lieblings-Herrenmagazin ist in bester Spiellaune und sogar ein bisschen aufgeregt. Sichtlich gerührt von dem großen Andrang und dem euphorischen Publikum, das sowohl textsicher als auch taufrisch über die Bodenbretter springt (ein Wunder, dass die Tanzfläche nicht gebrochen ist!), fehlen Sänger Deniz die Worte. Tosender Applaus, wohltuende Gitarrenbretter und eine schweißgebadete Band. Der sonst so schlagfertige Frontmann verzichtet auf viel Gerede und dreht den Gain weiter auf. Bei so viel Hochgefühlen ist man selbst über “Wind”, eine im Normalfall depressive Zugabe, glücklich: “Es weht ein Wind, der nichts als Scheiße bringt”. Allein mit seiner Gitarre spielt er den Song und legt in diese Worte so viel Inbrunst, als könnte man meinen, er habe sein Zelt zu dicht neben einem Dixi aufgeschlagen. Alles in allem war das Herrenmagazin ein wahres Highlight des Festivals! Wirklich grandios, wir sind schwer beeindruckt. Hier ein paar Eindrücke:





Begeistert und total überrascht von einem der wohl besten Festival-Konzerte seit langem, taumeln wir aus der Zeltbühne. Mit Balthazar wartet bereits ein nächstes Highlight, wir haben nicht viel Zeit zum Verschnaufen. Nach einem schnellen Sturzbier geht es wieder vor die Bühne. Eine sehr ausgelassene Band, ein ebenso entspanntes Publikum, ein lauer Luftzug und großartige Abendsonne. Das Immergut zeigt sich von seiner besten Seite. Nun auch endlich beim Sound auf der Hauptbühne. Da bleibt man gern. Balthazar liefern eine überraschend gute Show ab mit viel Herz, Sympathie und Abwechslung.





Wir schmeißen den Grill an und genehmigen uns eine kleine Pause vom Festivalgelände. Der Weg zum Zelt gleicht einem Zirkus, in den wahnwitzigsten Ausführungen stehen sich die Mannschaften im Flunkeyball gegenüber. Baumstämme, Bierkastenweitwurf, Herausforderung durch Distanz oder durch einen stark erhöhten Pegel – die Trink- und Freizeitkultur auf dem Immergut ist höchst amüsant mit anzusehen. Nach ein paar Bratwürsten und schmackhaftem Beiwerk freuen wir uns auf das Mysterium unter den diesjährigen Immergut-Bands. Einige Indizien im Programmheft entlarvten das Jane Fonda Trio bereits am ersten Tag als Bodi Bill. Die Berliner Electro-Folk-Frickler waren bereits die letzten zwei Jahre ein gern gesehener Gast auf dem Immergut. Und auch in diesem Jahr ist der Zuspruch groß, der Andrang ebenfalls. Vielleicht jedoch auch aus Neugierde, wer sich hinter dem ominösen Namen im Programmheft versteckt. Wie dem auch sei: Danke Bodi Bill – ein spannendes Konzert mit einem schönen Querschnitt aus den drei Alben. Im Gegensatz zu unserem Treffen in Leipzig spielt diesmal auch die Technik mit. Für eine gute Stunde wird das Gelände von einem drückenden Bassgerüst umzäunt. Da ist der Nieselregen völlig egal.




Bis zum Headliner des Abends stehen noch zu viele vielversprechende Acts auf dem Plan. So entscheiden wir uns gegen das Biertrinken und nehmen die Gelegenheit wahr, auch die ausgeflippten Isländer von Retro Stefson zu besuchen. Die Zeltbühne scheint noch aufgeheizt vom Herrenmagazin, spätestens nach dem dritten Song dieser jungen Band tropft es von der Zeltdecke. Der Zuspruch ist faszinierend. Bei dem bebenden Boden fällt es schwer, die Kamera festzuhalten. Unter Einsatz unseres Lebens konnten wir dennoch ein paar Eindrücke für euch einfangen:



Noch exakt eine Zigarettenlänge trennt uns von dEUS, dem “Vater des Immergut” – wie man jedenfalls im Programmheft lesen konnte. Auch wenn die Wolken noch immer einige Tropfen auf die Festivalisten werfen, ist die Stimmung ausgezeichnet. Gespannt wartet die Meute auf die fünf Herren aus Antwerpen. Die Bühne schmückt ein riesiger Vorhang:

Dann, noch immer leicht benebelt wirkend, kommen sie auf die Bühne und beginnen ihr Set. Wenn Sänger Tom Barman sich im Interview auch als redselig und zum Scherzen aufgelegt präsentierte, ist er im Rampenlicht sehr konzentriert und redet im Konzertverlauf mehr mit seinem Roadie als mit dem Publikum. Das tut der Show keinen Abbruch. “Fell Off The Floor, Man”, “For The Roses”, “The Architect”, “Smokers Reflect” und natürlich “Suds & Soda” – ihre Setlist liest sich wie ein wohlwollendes Best Of. Auch drei neue Songs geben sie zum Besten, die sich hervorragend in die Auswahl eingliedern. dEUS zelebrieren eine Rockshow, wie sie besser kaum sein könnte, verlieren wenig Worte, kaum Zeit zwischen den Songs und rotieren auf der Bühne, dass man zeitweise tatsächlich Angst vor einem Zusammenstoß hat. Gitarrist Mauro Pawlowski und Tom Barman geraten einige Male eng an einander, verlieren sich fast bei jedem Song in ihren Linien und leben besonders die härteren Parts herzerwärmend aus. Selten ist die Zeit bei einem Konzert so schnell vergangen. Wir freuen uns auf die Tour im Herbst, die neue Platte und werden diese Show noch lange in Erinnerung behalten. Danke Jungs! Hier ein paar Eindrücke:







Das Immergut 2011 war trotz einiger organisatorischer Probleme ein voller Erfolg. Die unzähligen Höhepunkte im wie immer bestens bestückten Lineup, haben den rund 5000 Besuchern ein ereignisreiches und spannendes Wochenende beschert. Wir sind sehr angetan von der tollen Atmosphäre und den vielen angenehmen Zeitgenossen, die wir dort getroffen haben. Wenn es auch Abstriche im Sound gab, sind wir dennoch sehr zufrieden und kommen gern wieder. An dieser Stelle nochmal ein großes Dankeschön an Nele, Ursi, Hans, Reiner und David, die das motor-Team auf dem Immergut tatkräftig unterstützt haben! Wir sehen uns im nächsten Jahr.

Text und Fotos: Alex Beyer